Gedenken an die Neonazi-Morde: "Wir durften nicht Opfer sein"
Semya Simsek verlor als Teenager ihren Vater, ermordet am Blumenstand. Anschließend konnte sie nicht einmal in Ruhe trauern, weil plötzlich ihre eigene Familie verdächtigt wurde. Heute fragt sie: Kann ich in Deutschland noch zu Hause sein?
Semiya Simsek (rechts) spricht auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Neonazi-Terrors (23.02.2012). Foto: AFP
Semiya Simsek (rechts) spricht auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Neonazi-Terrors (23.02.2012). Foto: AFP
Als Semya Simsek vierzehn Jahre alt war, starb ihr Vater, erschossen mit 38 Jahren am eigenen Blumenstand mit einer Ceska, Kaliber 7,65. Ihre Familie trauerte und konnte sich nicht erklären, was passiert war.
Inzwischen ist sie 25, und sie hat die Gewissheit: Neonazis haben ihren Vater ermordet.
Nun erzählt sie bei der Gedenkveranstaltung im Berliner Konzerthaus vor mehr als Tausend Zuhörern von ihrem Vater, und plötzlich wird es still im Saal.
Semya Simsek erzählt von ihrem Papa Enver, wie sie ihn in Erinnerung hat. Einer, der von seinen Träumen erzählte und sich Zeit nahm für seine Tochter. Der jeden Tag nach Holland fuhr, um Blumen zu kaufen. Sie spricht von falschen Verdächtigungen gegen ihre Familie und davon, dass sie nicht in Ruhe trauern konnten.
Ist Deutschland noch mein Land?
Medien sprachen von einer Serie von "Döner-Morden", und von der Polizei hieß es, die Toten gingen auf das Konto von organisierten Kriminellen. "Wir durften nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein", sagt Semya, und ihre Stimme wird brüchig. "Immer gab es den Verdacht, dass doch jemand aus der Familie verantwortlich sein könnte - oder das mein Vater ein Krimineller war."
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Rede der Tochter eines ermordeten Vaters
Semya Simsek sagt, sie habe sich nie Gedanken über Integration gemacht, sie sei ja schließlich hier geboren und aufgewachsen. Laut Medienberichten hat sie hier studiert, arbeitet als Erzieherin in Frankfurt am Main.
Jetzt quäle sie die Frage, ob sie in Deutschland noch Zuhause sei, sagt sie, und die Qual lässt sich aus ihrem Gesicht ablesen, wenn sie das sagt.
Trotzdem sei jetzt das Zusammen-Halten die einzige Lösung. "In unserem Land, in meinem Land muss sich jeder frei entfalten können", sagt sie. Zu gehen sei kein Ausweg, sagt sie und widerspricht damit einem Bericht von Spiegel Online, in dem stand, sie wolle bald auswandern.
"Nur der Zusammenhalt aller kann die Lösung sein", sagt sie zum Schluss. (jon)
Die rechtsextreme Zwickauer Terrorzelle lebte mehr als 13 Jahre im Untergrund und verübte mindestens zehn Morde. Hier ein Überblick auf die Opfer der Terroristen.
Enver S. (38)
Der in der Türkei geborene Blumenhändler wurde am 9. September 2000 in Nürnberg ermordet. Er war den Ermittlungen zufolge das erste Opfer der Terroristen.
Abdurrahim Ö. (49)
Der in der Türkei geborene Maschinist wurde am 13.06.2001 in einem Änderungsschneidergeschäft in Nürnberg ermordet, in dem als Aushilfe arbeitete.
Süleyman T (31)
Der in der Türkei geborene Obst- und Gemüsehändler wurde am 27.06.2001 in Hamburg erschossen.
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Habil K. (38)
Der in der Türkei geborene Obst- und Gemüsehändler wurde am 29.08.2001 in München erschossen.
Yunus T. (25)
Der in der Türkei geborene Turgut wurde am 25.02.2004 in einem Dönerladen in Rostock ermordet.
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Ismail Y. (50)
Der in der Türkei geborene Inhaber eines Dönerladens wurde am 09.06.2005 in Nürnberg erschossen.
Theodoros B. (41)
Der in Griechenland geborene Mitinhaber eines Schlüsseldienstes wurde am 15.06.2005 in München erschossen.
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Mehmet K. (39)
Der in der Türkei geborene Kioskbesitzer wurde am 04.04.2006 in Dortmund ermordet.
Halit Y. (21)
Der in Deutschland geborene Sohn türkischer Einwanderer wurde am 06.04.2006 in seinem Internetcafé in Kassel erschossen.
Michele K. (22)
Die Polizistin wurde am 25. April 2007 in Heilbronn erschossen. Dieser Mord war den Ermittlungen zufolge der letzte der Terroristen. Kiesewetters Kollege wurde bei dem Angriff lebensgefährlich verletzt.
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Anschläge in Köln
Zudem wird die Zwickauer Terrorzelle für die Sprengstoffanschläge in Köln am 19. Januar 2001 mit einer Schwerverletzten und am 9. Juni 2004 mit 22 zum Teil lebensgefährlich Verletzten verantwortlich gemacht, sowie für mehr als ein Dutzend Banküberfälle.
Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht am Donnerstag (23.02.2012) im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin. Die Regierungschefin nahm an der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt teil.
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Jugendliche stellten während der Gedenkfeier Kerzen für die Opfer rechtsextremer Gewalt auf.
Foto: dpa
Zehn Kerzen für die zehn Opfer der NSU. Die elfte Kerze, so Bundeskanzlerin Merkel, stehe für alle bekannten wie unbekannten Opfer rechtsextremer Gewalt.
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Der designierte Bundespräsident Joachim Gauck, kommt am Donnerstag (23.02.12) in Berlin zur Gedenkfeier fuer NSU-Opfer am Konzerthaus am Gendarmenmarkt an.
Foto: dapd
An der Gedenkfeier nahmen unter anderem Teil: Claudia Roth, die Bundesvorsitzende der Grünen, ...
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... Philipp Rösler. FDP-Vorsitzender und Bundeswirtschaftsminister, ...
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... der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, Philip D. Murphy, ...
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... Bundeskanzleramstminister Ronald Pofalla (CDU), ...
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... Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), ...
Foto: dapd
... der Fraktionsvorsitzende der FDP im Bundestag, Rainer Brüderle, ...
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt am Donnerstag (23.02.2012) im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin. Damit sollten die zehn Menschen geehrt werden, die zwischen 2000 bis 2006 von Mitgliedern der Neonazi-Zelle NSU getötet wurden.
Beate Zschäpe (36) war eine der wenigen Frauen in der rechtsextremistischen Szene. Sie soll sich politisch kaum engagiert haben. Vielmehr hatte sie nach bisherigen Erkenntnissen offenbar mit den beiden toten Gewalttätern ein Verhältnis.
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Uwe Böhnhardt (34) galt als Waffennarr. Seine rechtsextremistischen Gesinnungsgenossen gehen davon aus, dass er der Todesschütze gewesen sein könnte. Das Fahndungsfoto stammt aus dem Jahr 1998.
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Uwe Mundlos (38)galt als der Gebildete in der Gruppe. Seine Lehrerin beschrieb den Professorensohn als sehr höflich. Weiter heißt es über ihn, er sei ein aufgeschlossener Typ gewesen, rhetorisch begabt und politisch interessiert. Das Fahndungsfoto stammt aus dem Jahr 1998.
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Die beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen sind seit den 90er Jahren in den Neonazi-Szene aktiv. Das Foto zeigt Uwe Mundlos (links) und Uwe Böhnhardt (Mitte) im Herbst 1996 in Erfurt im Umfeld eines Prozesses gegen den Holocaust-Leugner Manfred Roeder.
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Uwe Böhnhardt 1996 in Erfurt.
Foto: dapd
Uwe Mundlos mit dem späteren stellvertretenden NPD-Landesvorsitzenden Ralf Wohlleben (l.) 1996 in Erfurt
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Etwa 60 Rechtsextreme ziehen am 03. Februar 2001 mit dem Transparent "Thüringer Heimatschutz" durch die Innenstadt von Jena. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler hatten die drei in den 90er Jahren Verbindungen zur Neonazi-Gruppe "Thüringer Heimatschutz.
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Polizisten führen Beate Zschäpe, die einzige noch Lebende aus dem Mördertrio, am Mittwoch aus einem Gebäude der Staatsanwaltschaft Zwickau.
Foto: dpa/Jan Woitas
Beate Zschäpe wird am Sonntag mit einem Kleinbus vom Gelände der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gefahren. Gegen die arbeitslose Gärtnerin wird wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord ermittelt. Sie will nach Medienberichten dazu nur aussagen, wenn ihr als Kronzeugin Strafmilderung zugesichert wird.
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In diesem Haus im niedersächsischen Lauenau soll der mutmaßliche Komplize der Gruppe Holger G. bis zu seiner Verhaftung am Sonntagvormittag gewohnt haben.
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Feuerwehrleute und Polizisten stehen am 4. November in Eisenach vor einem ausgebrannten Wohnmobil, in dem die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos entdeckt wurden. Die beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen hatten sich offenbar selbst erschossen. In dem Wohnwagen findet die Polizei Spuren zu mehreren unaufgeklärten Verbrechen.
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Zeitgleich geht in Zwickau das Haus in Flammen auf, indem die Gruppe zuletzt wohnte. Die Ermittler gehen davon aus, das Beate Zschärpe das Haus in Brand gesteckt hat.
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In dem durch die Explosion völlig zerstörten Haus finden die Ermittler die Waffe, mit der nicht nur die Heilbronner Polizistin sondern auch neun ausländische Geschäftsleute seit 2000 erschossen wurden.
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Hinter dieser Tür des Hauses in Zwickau lebte das Trio offenbar unbehelligt. Bereits 1998 fand die Polizei bei den drei Neonazis in einem Haus in Jena Rohrbomben und Sprengstoff. Verhaftet wurden sie nicht.
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Ermittler bei der Spurensuche in den Trümmern des Zwickauer Hauses.
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Dort finden sie auch ein Bekennervideo, in dem sich die Gruppe der Mordserie rühmt.
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In dem Video bezeichnet sich die Gruppe als "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU).
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Ein Bildschirmfoto aus dem Bekennervideo zeigt die Hand der Zeichentrickfigur "Paulchen Panther" aus der Serie "Pink Panther", die eine Pistole abfeuert, während dahinter eine Filmaufnahme von Polizisten gelegt ist.
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Außerdem werden in dem 15-minütigen Film Bilder der neun Opfer der sogenannter Döner-Mordserie eingeblendet.
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Das Bildschirmfoto aus dem Bekennervideo zeigt die Aufnahme einer Patronenhülse mit dem eingeblendeten Datum 28.06.2001. An diesem Tag wurde der türkische Obst- und Gemüsehändler Sueleyman T. in Hamburg ermordet.
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Auf das Grab von Heinz Galinski, dem einstigen Präsidenten des Zentralrats der Juden, wird am 19. Dezember 1998 einen Sprengstoffanschlag verübt. Auch dafür könnte die Gruppe verantwortlich sein. Bereits im Januar 1998 hatte die Polizei die Bombenwerkstatt des Trios im thüringischen Jena entdeckt. Die drei blieben jedoch auf freiem Fuß und tauchten unter.
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Die Porträts von acht der zehn Mordopfer des Trios. Acht türkische und ein griechischer Ladenbesitzer werden zwischen 2000 und 2006 an verschiedenen Orten in Deutschland erschossen.
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Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens transportieren am 29. August 2001 im Münchner Vorort Ramersdorf die Leiche des Lebensmittelhändlers Habil K. ab. Der 38-Jährige war in seinem Geschäft mit zwei Kopfschüssen getötet worden.
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Polizisten der Nürnberger Spurensicherung arbeiten am 29. Juni 2005 an einem Imbiss in Nürnberg. Der türkische Standbetreiber Ismail Y. war am 9. Juni vormittags mit fünf gezielten Schüssen kaltblütig ermordet worden.
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Am 19. Januar 2001 explodiert eine Sprengfalle vor einem iranischen Lebensmittelgeschäft in der Probsteigasse in Köln. Die 19-jährige Tochter des Inhabers wird schwer verletzt. Auch für diesen Anschlag könnte nach Erkenntnissen der Ermittler das sächsische Terror-Trio verantwortlich sein.
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Eine Nagelbombe explodiert am 9. Juni 2004 in der überwiegend von Türken bewohnten Keupstraße in Köln. 22 Menschen werden verletzt. Die Suche nach den Tätern bleibt erfolglos In ihrem Bekennervideo rühmt sich nun die rechte Terrorgruppe des Anschlags.
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Mit diesen Fotos aus einer Überwachungskamera sucht die Polizei in Köln nach dem Bombenanschlag nach einem zweiten Mann.
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Das Bild einer Überwachungskamera zeigt die Täter bei einem Bankraub am 07.09.2011 in Arnstadt. Eine Serie von mindestens 14 Bankrauben wird Böhnhardt und Mundlos inzwischen zugeodnet, davon zehn in Sachsen und je zwei in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern.
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Die Polizei sichert im April 2007 Spuren am Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese.
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Die 22-jährige Polizistin Michèle K. wurde getötet, ein Kollege wurde schwer verletzt.
Die drei sächsischen Neonazis Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sollen für die sogenannte Döner-Morde, den Tod einer jungen Polizisten sowie eine Reihe von weiteren rechtsextremistischen Anschlägen und eine Reihe von Banküberfällen verantwortlich sein. Angeblich gehörten sie einer Zelle namens "Nationalsozialistischer Untergrund" an.
13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.
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