kalaydo.de Anzeigen

Gedenken für die Neonazi-Opfer: „Das darf sich nie wiederholen“

Angehörige von Opfern der Neonazi-Mordserie stehen bei der zentralen Gedenkveranstaltung hinter Kerzen, welche symbolisch für die Opfer stehen (23.02.12).
Angehörige von Opfern der Neonazi-Mordserie stehen bei der zentralen Gedenkveranstaltung hinter Kerzen, welche symbolisch für die Opfer stehen (23.02.12).
Foto: dapd

Kanzlerin Merkel entschuldigt sich bei den Hinterbliebenen der Opfer der rechtsterroristischen Mordserie. In der Gedenkveranstaltung kommen auch die Hinterbliebenen selbst zu Wort.

Berlin –  

Die Tötung von neun Kleinunternehmern mit ausländischen Wurzeln und einer deutschen Polizistin sei „eine Schande für unser Land“, sagte Kanzlerin Angela Merkel (komplette Rede) am Donnerstag bei der Gedenkveranstaltung im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt.

„Besonders beklemmend“ sei, dass die Täter so lange unentdeckt und Angehörige „in ihrer Not meist allein geblieben“ seien. „Dafür bitte ich Sie um Verzeihung.“ Merkel versicherte: „Wir fühlen mit Ihnen. Wir trauern mit Ihnen.“

In der Veranstaltung kamen auch die Hinterbliebenen selbst zu Wort. Der Vater eines der Opfer, Ismail Yozgat, lehnte eine finanzielle Entschädigung seiner Familie seitens des Staates ab. „Wir möchten keine finanzielle Entschädigung, wir möchten seelischen Beistand“, erklärte er. Sein Sohn Halit war am 6. April 2006 im Alter von 21 Jahren in seinem Internetcafé in Kassel erschossen worden.

Der Vater forderte, dass die Täter und ihre Hintermänner gefasst würden und dass die Straße, in der sein Sohn ermordet wurde, nach diesem benannt werde. Zudem würde er gerne eine Stiftung gründen, die krebskranke Menschen unterstütze. Yozgat dankte auch dem zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff, von dem die Initiative zu der Feier ausging, und unterstrich: „Wir sind seine Gäste. Wir bewundern ihn.“

Gedenken der Nazi-Opfer

Bildergalerie ( 16 Bilder )

Semiya Simsek, die Tochter eines der Mordopfer, warf der Polizei schwere Versäumnisse im Umgang mit ihrer Familie vor. „Elf Jahre lang durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein“, sagte sie. Semiya Simseks Vater, Enver Simsek, war Blumenhändler in Nürnberg und wurde am 9. September 2000 erschossen.

Nach dem Mord, so berichtete Semiya Simsek, habe ihre Mutter unter Verdacht gestanden, ihren Ehemann ermordet zu haben. Auch sei ihr Vater verdächtigt worden, ein krimineller Drogenhändler gewesen zu sein. „Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert“, mahnte sie.

Audio

Rede eines Vaters

Rede der Tochter eines ermordeten Vaters

An der Feier nahmen neben Merkel auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) als kommissarisches Staatsoberhaupt, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, sowie zahlreiche Bundesminister und Länderregierungschefs teil.

Joachim Gauck steht auf

Auch der designierte Bundespräsident Joachim Gauck war da und erschien später noch auf Einladung des türkischen Botschafters Hüseyin Avni Karslioglu zu einem Mittagessen mit den Angehörigen im Türkischen Haus Berlin. Gauck sagte, er sei als „Bürger Gauck“ eingeladen worden, da er mit seinem Verein „Gegen Vergessen - Für Demokratie“ ein Deutschland repräsentiere, „das aufsteht, wenn sich die Rechten zusammenrotten“. Dieses Deutschland werde von vielen Kräften in der Gesellschaft getragen.

Die Opfer des Nazi-Terrors
Die Porträts von acht der zehn Mordopfer des Trios. Acht türkische und ein griechischer Ladenbesitzer werden zwischen 2000 und 2006 an verschiedenen Orten in Deutschland erschossen.
Foto: dpa
Die Opfer

Die rechtsextreme Zwickauer Terrorzelle lebte mehr als 13 Jahre im Untergrund und verübte mindestens zehn Morde. Hier ein Überblick auf die Opfer der Terroristen.

Der Vorsitzende des Bundestags-Untersuchungsausschusses zum Thema Rechtsterrorismus, Sebastian Edathy (SPD), lobte die Veranstaltung. „Das war eine sehr würdige Gedenkstunde, bei der von der Bundeskanzlerin die richtigen Worte gewählt wurden“, sagte er der Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung. „Es kommt nun darauf an, dass der Geist der Veranstaltung auch trägt. Und das heißt, das Thema Rechtsextremismus dauerhaft ernster zu nehmen, als es in der Vergangenheit der Fall gewesen ist.“

Edathy fügte hinzu: „Heute war der Tag des Gedenkens. Morgen muss die Zeit des Handelns beginnen.“ Zu klären sei, wie es zu den massiven Pannen bei der Aufklärung der Mordserie habe kommen können. Aus den Erkenntnissen über das Versagen der Behörden müssten wiederum Konsequenzen gezogen werden. „Das darf sich nie wiederholen.“

Die Hinterbliebenen haben in der Praxis durchaus Probleme. So wird ihnen nach Informationen dieser Zeitung Einsicht in die Ermittlungsakten verwehrt – mit der Konsequenz, dass es ihnen schwerer fällt, als Nebenkläger aufzutreten.

Der Terror der Zwickauer Zelle

Bildergalerie ( 31 Bilder )
Autor:  Markus Decker
Datum:  23 | 2 | 2012
Kommentare:  5
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Spezial
        

 Polizisten vor dem  durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau,  in dem das rechtsradikale Trio zuletzt untergeschlüpft war.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.

Ressort

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bomben- anschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe.


Neonazi-Terror
Der Terror der Neonazis vom Zwickau.

Die Gewalttaten der Neonazis der Zwickauer Zelle: Zeittafel, Orte des Geschehens und die Terror-Folgen in Bildern.

Spezial

Die große Aufbereitung des Nationalsozialismus: Rückblick auf den Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main.

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Anzeige

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Video
Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Harry Nutt
Leitartikel zum Eurovision Song Contest 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
FR-Themen
Zeitunglesen macht klug - Rundschau-Lesen macht klüger.

Unbequeme Recherchen, aufgedeckte Skandale: Die FR legt den Finger in Wunden. Journalistische Höhepunkte aus sechs Jahrzehnten.

Textimport

Verfolgen Sie unsere Nachrichten in Ihrer Lieblingsdarstellung - via RSS-Feed. Für Ihren Windows-PC bieten wir sogar einen kostenlosen Newsreader an. Informationen im Digital-Bereich.

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?