Am Ende nehmen Semiya Simsek und Gamze Kubasik die zwölfte Kerze, die Kerze der Hoffnung, von ihrem Platz auf der Bühne und tragen sie gemessenen Schrittes durch den Mittelgang aus dem großen Saal. Sie gehen aufrecht, stolz und selbstbewusst.
In vielen deutschen Städten wurde mit einer Schweigeminute der Opfer der Neonazis gedacht. Viele Institutionen und Beschäftigte folgten einem Aufruf des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände und ließen die Arbeit am Donnerstag um 12 Uhr kurz ruhen.
In Berlin stoppten Busse und Bahnen. Mitarbeiter öffentlicher Verwaltungen, vieler Betriebe sowie von Polizei und Feuerwehr beteiligten sich an der Schweigeminute. Auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg unterbrach seine Programme.
In Frankfurt standen ebenfalls Busse, U-Bahnen und Straßenbahnen für eine Minute still. Die meisten Fahrgäste begrüßten die Aktion. Auch einige Passanten schlossen sich spontan der Gedenkminute an und verharrten auf den Bürgersteigen. Es waren kritische Stimmen zu hören: Politik und Gesellschaft hätten das Problem Rechtsextremismus zu lange totgeschwiegen. Die Ablehnung von Fremdenhass und Gewalt müsse lauthals herausgeschrien werden, sagte eine Bürgerin und forderte eine bundesweite „Schreiminute“. Nicht alle wussten genau Bescheid, worum es ging: Eine Passantin nannte als Grund der Schweigeminute „den Holocaust“. Auch die Stadtverwaltung hatte ihre Mitarbeiter zum Innehalten aufgerufen.
In Kassel versammelten sich etwa 30 Bürger vor einem der Tatorte. Sie gedachten vor einem Haus in der Kasseler Nordstadt des im Jahr 2006 erschossenen türkischen Internetcafé-Betreibers Halit Yozgat. Auch vor dem Kasseler Rathaus hielten einige Passanten kurz inne.
In Hannover teilte Europas größter Autobauer VW mit, dass in den deutschen Produktionsstätten von VW, Audi und MAN 220 000 Beschäftigte die Arbeit kurz niederlegten. In Niedersachsens Hauptstadt standen Bahnen still, auf Anzeigentafeln hieß es: „Signal gegen rechte Gewalt“. prjk./rü./dapd/dpa
1200 Frauen und Männer erheben sich von ihren Plätzen und spenden kräftigen, entschlossenen Beifall, bis die beiden jungen Frauen verschwunden sind. Es ist dies der Höhepunkt der Gedenkfeier für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt, wie sie in ihrer ganzen Schlichtheit bewegender und würdevoller kaum hätte sein können. Es ist ein Höhepunkt mit Zuversicht.
Wie kann das gehen?
Wie soll ein Staat, der zehn Jahre lang den wahren Charakter einer politischen Mordserie verkannt und die Opfer in die Nähe krimineller Täter gerückt hat, dies wiedergutmachen? Seine Behörden haben versagt, seine Politiker weggeschaut. Und nun, da zumindest die Hintergründe dieser zehn Morde aufgedeckt, wenn auch noch lange nicht aufgeklärt sind, muss er sich zu seinem Versagen bekennen und sich endlich den Opfern und Hinterbliebenen zuwenden. Wie kann das gehen? Die Gedenkveranstaltung am Donnerstag im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt ist die Antwort.
Die Fahne als einziger Farbtupfer
Am Beginn tragen Schüler zwölf brennende Kerzen in den verdunkelten Saal, stellen sie nacheinander auf einer schlichten schwarzen Bank auf der Bühne ab. Sie werden die ganze Feierstunde über dort vorne brennen. Sie sind ihr Leitmotiv, sie geben ihr Struktur. Die Jugendlichen stehen dann in einer Reihe hinter diesen Kerzen, und allein dies ist schon von starker Symbolkraft. Denn diese zwölf jungen Leute repräsentieren mit ihren unterschiedlichen Hautschattierungen von ganz hell bis ganz dunkel jene bunte Republik, zu der Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten geworden ist.
Sie repräsentieren genau jene vielfarbige Gesellschaft, welche die rechtsextremistischen Mörder und deren Gesinnungsgenossen nicht akzeptieren wollen. Der zweite Satz des Violinkonzerts von Johann Sebastian Bach verklingt, Scheinwerfer tauchen das Rednerpult, das links auf der Bühne vor einer großen Deutschlandfahne steht, in ein warmes Licht. Diese Fahne ist mit ihrem Schwarz-Rot-Gold der einzige große Farbtupfer in dem Saal, der vom Schwarz der Kleidung der Besucher und dem festlichen Weiß seiner Dekoration bestimmt wird. Sie ist auch das einzige Symbol des Staates in diesem Saal, in dem seine gesamte Führung Platz genommen hat.
Die Gedenkfeier als Wulffs Vermächtnis
Auch Angela Merkel ist ganz in Schwarz gekleidet, als sie zum Pult geht. Eigentlich sollte hier Christian Wulff sprechen, der Bundespräsident, der am vergangenen Freitag zurückgetreten ist. Man kann diese Veranstaltung auch als eine Art Vermächtnis Wulffs betrachten. Er hatte im vergangenen Jahr als erster die Angehörigen zu sich eingeladen, einen langen Abend ihren erschütternden Erzählungen gelauscht. Er war der erste, der ihnen von Staats wegen Hilfe und Unterstützung zugesagt hat.
Und er hat mit ihnen diese Gedenkfeier verabredet, deren Gestaltung sein Amt mit den Familien genau besprochen hat. Er hatte freilich auch gehofft, dass diese Rede ihm ein wenig von seiner verlorenen Autorität zurückbringen würde. Doch nun steht Angela Merkel da vorn, recht klein und einsam. Man weiß nicht genau, weshalb sie eigentlich hier spricht. Ob sie sich in dem Telefonat mit Wulff am vergangenen Freitag, in dem er ihr seinen Rücktritt mitgeteilt hatte, das Rederecht einfach genommen hat. Denn eigentlich stünde es ja dem jetzt amtierenden Staatsoberhaupt, Bundesratspräsident Host Seehofer, zu. Oder dem Bundestagspräsidenten Norbert Lammert als dem zweiten in der staatlichen Rangfolge.
„Toleranz richtet sich selbst zugrunde, wenn sie nicht gegen Intoleranz vorgeht“
Aber wahrscheinlich kann man nur froh sein, dass nun die Kanzlerin spricht. Denn ihre gradlinige, von jedem Pathos, jeder Effekthascherei und auch jedem Hintergedanken freie Art des Redens passt sehr zu dem Charakter dieser Feierstunde. Und mit ihr spricht immerhin auch jene Frau, die als Regierungschefin der vergangenen sechs Jahre letztlich einen Teil der politischen Verantwortung für die Fehlleistungen der Ermittlungsbehörden dieses Landes trägt. Das ist ihr Motiv. Angela Merkel greift das Bild der Kerzen auf. Zehn von ihnen brennen für die zehn Opfer der Zwickauer Neonazizelle.
Acht Männer aus der Türkei, ein Grieche, eine deutsche Polizistin. Merkel nennt alle Namen, sagt etwas über ihr Leben, ihre Familien. Sie hat vor der Rede mit den Angehörigen gesprochen, hat erfahren wie alleingelassen sie sich nach den Taten fühlten. Merkel bittet dafür um Verzeihung. Und auch dafür, dass die Angehörigen falschen Anschuldigungen ausgesetzt gewesen seien. Der entschiedene Kampf gegen den Extremismus sei Bestandteil des demokratischen Gemeinwesens. „Toleranz richtet sich selbst zugrunde, wenn sie nicht gegen Intoleranz vorgeht“, sagt die Kanzlerin. Und weil dies immer wieder geschieht, brennt die elfte Kerze neben ihr – für alle weiteren, bekannten und unbekannten Opfer des Rechtsterrorismus.
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13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.
13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bomben- anschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe.
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