Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

08. November 2012

Mord-Anklage gegen Zschäpe: Das normale Böse

 Von Andreas Förster
Negativ einer Aufnahme von Beate Zschäpe aus dem Jahr 2004, sieben Jahre vor ihrer Festnahme. Foto: dpa

Die Bundesanwaltschaft wirft Beate Zschäpe Mittäterschaft beim Mord in zehn Fällen vor. Die Anklage stützt sich auf Indizien und soll zeigen, dass Zschäpe ein gleichberechtigtes Mitglied des Terrortrios war.

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Zahnbürsten sind ein wichtiges Indiz. Wenn man wissen will, wieviele Menschen in einer Wohnung leben, schaut man am besten im Bad nach. Als „Bereich C“ wird im Asservatenprotokoll der Wohnung Frühlingsstraße 26 in Zwickau das Badezimmer bezeichnet, das sich das Neonazitrio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in ihrer Fünf-Zimmer-Wohnung geteilt haben sollen. Die Wohnung war von Zschäpe am 4. November vergangenen Jahres in Brand gesteckt worden, drei Stunden nach dem Tod ihrer beiden Freunde in Eisenach. Unter den Asservatennummern 2.3.1 und 2.3.2 aus dem „Bereich C“ sind jeweils „Ein Stück Zahnbürste, elektrisch, brandgeschädigt“ aufgeführt. Zwei Zahnbürsten also. Eine dritte gab es nicht.

So viel bekannt zu sein scheint über das Rauben und Morden des Zwickauer Terrortrios, so wenig weiß man über das gemeinsame Leben der drei Freunde, ihren ganz normalen Alltag. Selbst die Frage, ob sie zu dritt in der Frühlingsstraße wohnten oder doch nur zu zweit und Uwe Mundlos eine andere Bleibe in der Nähe hatte, bleibt noch ein Rätsel.

Man kennt inzwischen die Erinnerungen von Urlaubsbekanntschaften, die die drei Freunde als höflich und gesellig beschreiben. Zschäpe habe sogar Fotos und Urlaubsvideos verschickt, einmal sogar ein „Ostpaket“ mit Spreewälder Gurken und Thüringer Rostbratwürsten.
Auch die Nachbarn aus Zwickau haben Zschäpe als einnehmenden, hilfsbereiten Menschen kennengelernt. Beim Siedlerfest im Park an der Frühlingsstraße habe sie Bier ausgeschenkt und mitgegrillt. Besonders gern habe sie Kinder gehabt. Mit ihren Katzen, der grau getigerten Heidi und der schwarz-weiß-gefleckten Lilly, sei sie regelmäßig beim Arzt gewesen. Auch mit ihren drei Mäusen, die mal unter Milbenbefall, dann unter Mäuseschnupfen litten.

Und man hat die Urlaubsfotos vom Meer und vom Campingplatz vor Augen, die unbeschwerte junge Leute zeigen. Freundliche Augen blicken in die Kamera, die keine Abgründe vermuten lassen.

Herz und Kopf der „Familie“

Wie kann das zusammengehen, das Böse und das Normale? Vor allem an Beate Zschäpe macht sich das Grübeln über diese Doppelgesichtigkeit fest. Sie hat überlebt, sie könnte so viele Fragen beantworten. Aber sie schweigt.
Die Bundesanwaltschaft musste in ihrer Anklageschrift ein Puzzle zusammensetzen, in dem sie das Böse mit dem Normalen zusammenführt. Das Normale wird dabei den Anklägern als Beleg dafür dienen müssen, dass Zschäpe eben auch an dem Bösen beteiligt war. Es wird sich zeigen, ob das Bestand haben wird vor dem Münchner Oberlandesgericht, wo im kommenden Jahr der Prozess gegen Zschäpe und die übrigen Angeklagten beginnen soll.

Der zentrale Vorwurf ist, dass Zschäpe mit Mundlos und Böhnhardt eine terroristische Vereinigung gebildet haben soll. Mindestens drei Mitglieder muss so eine Terrorgruppe haben, das schreibt das Gesetz vor. Mundlos und Böhnhardt als mutmaßliche Killer reichen da nicht, Zschäpe muss mit ins Boot. Und da spielt das gemeinsame Leben der drei eine ganz entscheidende Rolle.

So werten die Ermittler den Umstand als belastend, dass Zschäpe, obwohl ihr Ermittlungsverfahren 2003 wegen Verjährung eingestellt worden war, mit ihren beiden Freunden im Untergrund verblieb. Einem Polizeibeamten habe sie nach ihrer Festnahme erklärt, Böhnhardt und Mundlos seien „wie ihre Familie“ gewesen. Für die Bundesanwaltschaft ist das ein klares Indiz dafür, dass die heute 37-Jährige bis zuletzt die Ziele des NSU verfolgt habe. Es solle eine innere Übereinstimmung des Trios in seiner politischen Überzeugung gegeben haben, eine „Gruppenideologie“. Zschäpe, so hatten es die Ermittler immer wieder dargestellt, soll „Herz und Kopf“ der Gruppe, aber auch emotionaler Mittelpunkt dieser „Familie“ gewesen sein.

Vor allem aber soll sie innerhalb der Gruppe die „anstehenden logistischen Aufgaben bewusst und gewollt zur Förderung der Ziele des NSU“ erledigt haben, wie es in einem Ermittlungsbericht heißt. So soll Zschäpe die Gelder des Trios verwaltet und auf diese Weise den Alltag wie auch die terroristischen Aktionen der Gruppe finanziell geregelt haben. Eine Rolle spielt für die Ermittler auch, dass Zschäpe alle Haushaltsabläufe organisiert hat: Sie ging einkaufen, kochte, erledigte Behördengänge und pflegte die sozialen Kontakte zur Nachbarschaft. Auf diese Weise habe sie dazu beigetragen, die Konspiration der Gruppe zu wahren.

In mindestens einem Fall soll sie zudem dabei gewesen sein, als Mundlos und Böhnhardt eine Waffe übergeben wurde. Das hat der Mitangeklagte Holger G. ausgesagt. Einem Helfer soll sie noch vor 2001 10 000 Mark übergeben haben zur Aufbewahrung für „Notfälle“. Zudem soll sie – so die Bundesanwaltschaft – „eine Vielzahl falscher Namen zur Verschleierung ihrer Identität und ihres Aufenthalts benutzt“ haben. Schließlich soll sie nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt die gemeinsame Wohnung in Zwickau in Brand gesetzt haben, um Beweismittel zu vernichten. Auf ihrer Flucht danach soll sie zudem Umschläge mit Bekenner-Videos verschickt und aus Sicht der Bundesanwaltschaft damit „den letzten propagandistischen Akt der NSU“ vollzogen haben.

Zschäpes Verteidiger werden kaum widerlegen können, dass ihre Mandantin nicht zumindest geahnt haben muss, dass ihre beiden Freunde schwerste Straftaten begehen. Da war, so der Vorwurf, das in großen Beträgen unregelmäßig eingehende Bargeld, das Mundlos und Böhnhardt bei angeblich mehr als einem Dutzend Banküberfällen erbeutet haben sollen. Und da ist das Waffenarsenal in der Zwickauer Wohnung. Außerdem waren die Wohn- und Kellerräume mit Bewegungsmeldern und Überwachungskameras ausgestattet – wer macht so etwas, wenn er nichts zu verbergen hat?

Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt.
Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt.
Foto: dpa

Aber hat Zschäpe auch konkret gewusst, welche Straftaten mit den Waffen begangen wurden und woher das Geld stammte? Hat sie diese Taten mitgeplant und abgedeckt? Es gibt keinen Beleg dafür, dass sie je an einem Ort der Mundlos und Böhnhardt zugeschriebenen Morde und Banküberfälle gewesen ist. Trotzdem wird ihr die Mitwirkung an diesen Taten nun von der Bundesanwaltschaft zur Last gelegt.

Dabei müssen sich die Ermittler, weil Zschäpe beharrlich schweigt, auf wenige Indizien beschränken. Das sind zum einen Zschäpes Fingerabdrücke auf zwei Zeitungsausschnitten, die man im Schutt der Wohnung in Zwickau sicherstellte. Die ausgeschnittenen Artikel handeln von dem Sprengstoffanschlag in Köln und der Ermordung eines Migranten in München – beide Taten werden dem NSU zugeordnet. Andere Artikel dieser Art hatten auch Verwendung in dem sogenannten Bekenner-Video des NSU gefunden.

Ein Zettel, der Abdruck einer Hand

In der von Zschäpe bewohnten Zwickauer Wohnung gab es zudem einen besonders gesicherten Raum, in dem die Waffen gelagert wurden. Darunter war auch die Ceska, mit der die Mordserie an den Migranten begangen wurde. Schließlich gibt es noch einen Anruf aus einer Telefonzelle in Zwickau auf ein Handy an einem der Tattage in München. Das Mobiltelefon war in einer Funkzelle in der Nähe des späteren Tatorts eingebucht. Da die Telefonzelle in der Nähe der damaligen Zwickauer Wohnung des Trios lag, schlussfolgert die Bundesanwaltschaft, dass sich Zschäpe mit dem Anruf nach dem Anschlagsvorhaben erkundigt haben könnte. Zumal sich die Handynummer auf einem Notizzettel in der Frühlingsstraße fand mit dem Zusatz „Aktion“.

Zschäpes Wissen um die Banküberfälle schließlich wird unter anderem an einem Handabdruck an dem Wohnmobil festgemacht, in dem Mundlos und Böhnhardt vor einem Jahr ums Leben kamen, nachdem sie eine Sparkassenfiliale in Eisenach ausgeraubt hatte. Das Fahrzeug hatten sie allerdings bereits mehrere Tage zuvor angemietet. Eine Zeuge will zudem beobachtet haben, wie sich die drei in Zwickau am Tag vor dem Überfall gestritten hatten. Zschäpe, so der Zeuge, habe sich dabei an dem Auto abgestützt.

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