Mülheim/Ruhr. Arno Klare macht eine kurze Pause. Was soll man schon sagen auf die Frage, wie es denn weitergehen solle mit Frau Kraft und der Regierungsbildung. Dann sagt er: "Man hört ja schon einiges. Das wird auf jeden Fall sehr schwierig."
Arno Klare ist 58 Jahre alt und seit 40 Jahren in der SPD. Er lebt in Mülheim, 168.000 Einwohner, tiefstes Ruhrgebiet, früher Stahl und Kohle, aber seit Ende der 60er Jahre ist das nur noch Geschichte. Eine alte SPD-Hochburg war Mülheim/Ruhr, seit Sonntag ist es wieder eine. Es ist die Stadt, aus der Hannelore Kraft kommt. Klare kennt sie seit zwölf Jahren.
Am Montagabend trafen sich die Genossen im Gasthaus Bürgergarten. Auf der Speisekarte Spargel, auf der Tagesordnung Jubel. Stolz las Arno Klare seinen Zuhörern vor, was er der Hannelore nach der Wahl gesimst hatte: "Du hast uns die Würde einer Volkspartei wiedergegeben. Ab heute laufen wir wieder im aufrechten Gang."
Eine Zahl wie aus alten Zeiten
Kraft hat hier ein Direktmandat geholt, 49,3 Prozent, eine Zahl wie aus alten Zeiten. Sie waren gerührt, als der Arno ihnen seine SMS vorlas. Und dann haben sie laut darüber nachgedacht, wie es denn weitergehen könnte in Nordrhein-Westfalen.
Kraft hat gewonnen, aber nicht ganz: Für Rot und Grün allein reicht es nicht. CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hat verloren, aber auch nicht ganz: Zwar reicht es mit FDP oder Grünen allein nicht, aber die Schwarzen sind stärkste Partei. Rüttgers, am Sonntag geknickt und rücktrittswillig, beißt die Zähne zusammen und beansprucht weiter das Amt des Ministerpräsidenten. Auch wenn CDU und SPD gleich viele, nämlich je 67 Sitze im Düsseldorfer Landtag haben - 6200 Stimmen mehr sind 6200 Stimmen mehr, argumentiert die CDU.
Kraft will auch regieren; CDU und FDP seien grandios abgeschmiert, sagt sie. Mit allen Parteien will sie Gespräche führen, zunächst mit den Grünen, dann den anderen. Sylvia Löhrmann, die Grünen-Spitzenkandidatin spricht von einer "privilegierten Partnerschaft" beider Parteien. Man werde gemeinsam mit der Linken reden und, wenn es die SPD wolle, auch mit der FDP.
Da beginnt das, was Sozialdemokrat Klare für "sehr schwierig" hält. In Mülheim kennen sie sich aus mit komplizierten Konstellationen. 40 Jahre regierte die SPD, dann kamen CDU und Grüne, danach SPD und FDP mit einem CDU-Oberbürgermeister, der wiederum einer Sozialdemokratin Platz machte. Im Herbst 2009 zogen drei Linke ins Mülheimer Stadtparlament.
"Ich halte die für schlechterdings gar nicht arbeitsfähig", sagt Konstantin Körner. Er ist Jurastudent und Chef des Ortsvereins Stadtmitte. "Mit denen wünsche ich mir keine Zusammenarbeit."
Ruck, zuck zerlegte Linke
Die drei Mülheimer Linken zerstritten sich, erkennbare Sacharbeit kam nicht zustande. Zwei wanderten ab zu "Wir aus Mülheim" - eine Bewegung, die sich an die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands anlehne, so Körner. Eine Abgeordnete machte im Alleingang weiter. "Die haben sich ruck, zuck zerlegt", erinnert sich Arno Klare.
Dennoch, Hannelore Kraft soll ruhig mit den Linken reden und Gemeinsamkeiten ausloten, denken sie in der SPD in Mülheim/Ruhr. Reden schadet nicht, man kann ja noch nicht wissen, wer da mit ins Boot will und was gemeinsam geht. Andererseits: "Die wollen immer noch die Verstaatlichung von RWE und Eon und werden vom Verfassungsschutz beobachtet", meint Körner. "Das deutet auf ein nicht hohes Maß an Arbeitsfähigkeit."
Sie sind hin- und hergerissen, einerseits. Andererseits stolz, in der Landespolitik endlich wieder ein großes Rad drehen zu können. Aber in einem sind sie sich einig, die Genossen in Mülheim: eine große Koalition auf keinen Fall. Mit der bockigen FDP reden, okay - aber Jürgen Rüttgers reloaded, "das taugt noch nicht mal als Karnevalsscherz", meint Körner.
Man ist wieder wer, das scheint erst mal die Hauptsache. Dauern wird die Regierungsbildung, mühselig wird es werden, da sind sie sicher: "Bloß nichts zusammenschustern", meint Arno Klare. Dass am Ende, wie auch immer, Hannelore Kraft regieren wird, daran zweifelt niemand.
13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.
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