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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

19. November 2011

Nagelbomben-Attentat von Köln: Immer noch eine offene Wunde

 Von Claudia Hauser
Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Guntram Schneider begrüßt in der Keupstrasse eine türkische Ladenbesitzerin. Vor sieben Jahren explodierte hier eine Nagelbombe.Foto: dpa

Als im Juni 2004 im Kölner Stadtteil Mülheim eine Nagelbombe explodiert, glauben alle es sei eine Straftat aus dem Milieu. Nun kommt heraus, dass die Tat offenbar auf das Konto von Rechtsradikalen geht. Nun entschuldigen sich die Politiker bei den Anwohnern.

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Köln –  

Özcan Yildrim ist in den vergangenen Tagen kaum zum Arbeiten gekommen. Er ist zu sehr damit beschäftigt, seltsame Gäste zu empfangen. Es sind meist Politiker, die umringt von Journalisten und Kameraleuten dem Kölner Friseur ihre Aufwartung machen. Aber sie wollen keinen Haarschnitt. Sie wollen sich entschuldigen.

Vor Özcan Yildrims Haarsalon detonierte am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe, die den Großteil der Keupstraße im Stadtteil Mülheim verwüstete. 22 Menschen wurden damals verletzt, vier von ihnen schwer. Die Ermittler waren sich schnell sicher, es mit einer Milieustraftat zu tun zu haben. Ein fremdenfeindlicher Hintergrund wurde ausgeschlossen. Von einem Racheakt wurde geraunt, von Schutzgeld, das womöglich nicht gezahlt wurde.

Politiker kommen und gehen

Heute scheint klar zu sein, dass weder die Mafia noch die PKK oder rivalisierende Clans etwas mit dem Anschlag zu tun hatten. Ein Rechtsradikaler aus Zwickau soll die Bombe gezündet haben. Das hatte keiner auf der Rechnung. Stattdessen mussten die Anwohner der Keupstraße jahrelang mit Vorurteilen leben. Genau dafür wollen sich Lokal- und Bundespolitiker nun bei den Anwohnern entschuldigen.

Am Mittwoch hat Friseur Yildrim der Linkenchefin Gesine Lötzsch die Hand geschüttelt. Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters war da und der NRW-Integrationsminister Guntram Schneider. Am Donnerstag schaute der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel vorbei, der alle anderen erst einmal draußen in der Kälte stehen ließ – den Bezirksbürgermeister, den türkischen Generalkonsul, die Journalisten. Und so drückten sich alle die Nasen am Schaufenster platt und schauten Gabriel und Yildrim beim Teetrinken zu.

        

Keupstraße, Juni 2004, vor einem Café nach dem Anschlag
Keupstraße, Juni 2004, vor einem Café nach dem Anschlag
Foto: dapd

Der zurückhaltende Yildrim steht mittlerweile für alle türkischen Geschäftsleute der Straße, deren Leben sich nach dem Anschlag verändert hat. Die Besuche sind ihm unangenehm, er will lieber arbeiten, kann kaum Deutsch. Seine Frau sagt: „Wir sind sehr froh, dass der Anschlag nichts mit uns zu tun hatte.“ Der Oberbürgermeister von Istanbul, Kadir Topbas, war auch schon da. Er hat auf dem Weg zum Historischen Rathaus einen Zwischenstopp eingelegt und gesagt, die Tat sei eine feige Handlung von Menschen, die ein friedliches Zusammenleben von Deutschen und Türken verhindern wollten.

In der Keupstraße leben Deutsche und Türken ohnehin nicht zusammen. Die Deutschen kommen zwar vorbei auf dem Weg zu einem Konzert im E-Werk und im Palladium. Hier produziert Harald Schmidt auch seine Show. Die Konzert- und Showbesucher aber essen allenfalls einen Döner in der Keupstraße oder eine türkische Pizza. Dann sind sie wieder weg. Türkan Özger versteht das nicht. „Es ist so eine schöne Straße“, sagt die 61-Jährige, die hier seit mehr als 20 Jahren ein Juweliergeschäft führt. Holländer kommen und Belgier, weil sie in ihren Reiseführern gelesen haben, dass die Keupstraße das „Klein-Istanbul“ Kölns sein soll. Aber Deutsche nicht. Türkan Özger wünscht sich ein besseres Image für ihre Straße, genau wie eine ihrer Nachbarinnen von der orientalischen Feinkonditorei, Selda Özdag. „Vor sieben Jahren waren alle hier, die ganzen Politiker und viele Kölner.“ Das war gleich nach dem Anschlag, es gab ein großes Fest, jede Menge Spenden kamen zusammen. „Aber seitdem habe ich kaum jemanden hier gesehen.“

Auch der Gastronom Ali Yüce ist froh, dass ihn endlich mal jemand fragt, was er gerne ändern möchte. Als Gesine Lötzsch auch bei ihm angekommen ist, sagt er: „Wir brauchen mehr Parkplätze.“ Da lacht die Politikerin, ihr Begleiter sagt: „Also dafür ist Frau Lötzsch nicht zuständig.“ Sie winkt ab: „Nein, nein, lassen Sie ihn ruhig.“ Als sie wieder geht, schaut ihr Yüce mit verschränkten Armen nach. „Alle kommen hierher, und wir bleiben mit unseren Problemen zurück, wenn sie wieder weg sind.“ Manche Besucher haben den Anwohnern versprochen, sich um ein Mahnmal für die Keupstraße zu kümmern oder die NPD zu verbieten. SPD-Chef Sigmar Gabriel hat gesagt, er könne sich vorstellen, dass die Polizeiverhöre damals „beschämend und demütigend“ gewesen sein müssen. Dann ist auch er wieder gegangen.

Söleyan Ertürk betreibt seit 22 Jahren das Restaurant „Kervansaray“. Als der Oberbürgermeister von Istanbul da war, hat er sich noch gefreut. Aber inzwischen reicht es Ertürk. Er glaubt nicht an die Versprechen der Politiker. „Wenn sie etwas für uns tun wollen, hätten sie es auch schon vor sieben Jahren machen können“, sagt der 55-Jährige. Er und die anderen Geschäftsleute der Keupstraße haben gelernt, weiterzumachen. Sie haben die Zeiten überstanden, in denen niemand sich in ihrer Straße blicken ließ, weil alle Angst hatten, es könnte noch einmal etwas passieren. Seit die Nazis aus Zwickau ins Blickfeld gerückt sind, sind die Bilder von damals wieder überall zu sehen. „Unsere Wunden waren verheilt“, sagt Ertürk. „Jetzt fühlt es sich so an, als würden sie wieder aufreißen.“

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