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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

20. August 2012

Neonazi-Angriff in Rostock-Lichtenhagen im August 1992: Die Nacht der Schande

 Von Bettina Vestring
Rostocker Polizisten bekämpfen eine brennende Straßenblockade.

Vor zwanzig Jahren steckte der Mob ein Ausländerwohnheim im Rostocker Neubaugebiet Lichtenhagen in Brand. Unsere Autorin war damals als Berichterstatterin vor Ort. Eine Spurensuche.

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Rostock –  

Die Sonnenblumen sind noch da. Die riesigen Blüten, geformt aus gelben, roten und grünen Backsteinen, die diesem Gebäude seinen freundlichen Namen gegeben haben. Vielleicht wäre es zu aufwändig gewesen, die Fassade in ihrer gesamten Höhe von elf Stockwerken zu erneuern. Vielleicht hatten die Rostocker auch Respekt vor der Geschichte. Denn hier, im Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, ist deutsche Geschichte geschrieben worden. Allerdings keine, auf die man stolz sein kann.

Zwanzig Jahre ist es her, dass schwarz gekleidete junge Männer, angespornt vom Beifall der Anwohner, sich zu den Balkons im ersten Stock des Sonnenblumenhauses hochhangelten, durch die kaputten Fensterscheiben einstiegen und Brandsätze warfen, in jedes Zimmer ein paar, bis es überall loderte. Bis in den sechsten Stock reichten die Flammen, gut zu sehen für die Polizisten, die dem Feuer aus der Ferne stundenlang untätig zuschauten. Etwa hundert Vietnamesen, die lange vor der Wende als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen waren, flüchteten sich Etage für Etage nach oben. Schließlich gelang es ihnen, einen verschlossenen und mit Ketten gesicherten Notausgang aufzubrechen, um aufs Dach zu gelangen. Das rettete ihr Leben.

„Holt uns hier raus!“

Was sich im Inneren des Hauses abspielte, bekam ich damals nicht mit. Erst später sah ich die verwackelten, schlecht beleuchteten Bilder, die ein ZDF-Team gemacht hatte, das sich bei den Vietnamesen im Gebäude befand. Ich stand damals vor dem Sonnenblumenhaus und schaute zu. Spürte, wie die Menschenmenge nach dem ersten Brandsatz einen Augenblick den Atem anhielt, als konnte sie selbst nicht glauben, dass ein solcher Akt keine sofortige Strafe nach sich zog. Hörte, wie ein Mann aus einem der raucherfüllten oberen Stockwerke verzweifelt um Hilfe rief. „Holt uns hier raus, wir sind Deutsche!“, brüllte er. Was muss er für Angst gehabt haben.

Den Ausruf dieses Mannes habe ich in einem meiner alten Berichte wiedergefunden. Ich war damals Reporterin der Nachrichtenagentur Reuters und war nach Rostock geschickt worden, weil es vor dem Asylbewerberheim im Sonnenblumenhaus schon zwei Nächte lang Randale gegeben hatte. Daraufhin hatte die Polizei die Asylbewerber gerettet, nicht aber die Vietnamesen im Wohnheim nebenan, die sie für nicht gefährdet hielt.

Wie schlimm diese dritte Nacht, die Nacht vom 24. zum 25. August 1992, dann werden würde, das hatte ich mir nicht vorstellen können. Ich kann es mir bis heute nicht vorstellen, obwohl ich doch dabei war.

Lust auf Krawall

Den ganzen Abend brachte ich mit dem rechten Mob zu. Ohne Presseschild, denn für Journalisten hatte die rechte Szene schon damals nichts übrig. Ich lief umher wie die anderen, die Schaulustigen, sah aus wie sie. Vor dem Sonnenblumenhaus hatten sich in jener Nacht auch hartgesottene Neonazis und Skinheads versammelt, teils von weither aus dem Westen angereist. Aber die meisten waren Jugendliche aus dem Neubaugebiet Lichtenhagen und dem übrigen Rostock. Sie kamen aus Langeweile, aus Frust, aus Selbstdarstellungstrieb, aus Lust auf den Krawall. Und weil sie ihre Wut an Ausländern ausließen, klatschten Tausende von Anwohnern ihnen dafür Beifall.

Die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen wären nicht als die schlimmsten ausländerfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte in die Bücher eingegangen, wenn sich nicht die Polizei, plötzlich und unerklärlich, kurz nach 21.00 Uhr, zurückgezogen hätte. Die Jugendlichen, besoffen von Bier, Schnaps, Beifall und der Aufmerksamkeit der Kameras, rannten brüllend auf das Wohnheim zu. „Wir kriegen Euch alle“, grölten sie, warfen Steine und Molotow-Cocktails auf das Gebäude und kletterten dann auf die Balkons.

        

Bettina Vestring
Bettina Vestring
 Foto: BLZ/Markus Wächter

Heute gibt es keinen freien Platz mehr vor dem Sonnenblumenhaus; heute steht dort eine einstöckige Ladenzeile mit Teppichverkauf und Handygeschäft. Damals aber konnte ich den Sturm auf das Wohnheim von der Straße aus genau beobachten. Eine noch bessere Sicht gab es nur vom Dach der Kaufhalle, die quer zum Sonnenblumenhaus stand. Auf dem Flachdach hatten sich die Fernsehteams aufgebaut, ein gutes Dutzend in einer langen Reihe, zur Liveschaltung in die Nachrichten und die Sondersendungen. Ganz Deutschland konnte an jenem Montagabend live zuschauen, wie Flammen aus den Fenstern des Wohnheims schlugen.

Die absurdeste Szene des Medienspektakels spielte sich hinter der Kaufhalle ab, wo sich damals ein geschlossener Hof befand. Dort hatten die Übertragungswagen geparkt. Um die Sicherheit des teuren Equipments zu gewährleisten, hatten die Fernsehleute eine private Wachfirma angeheuert, die am Tor den Zugang kontrollierte. Wer einen Presseausweis vorzeigen konnte, durfte hinein zu all den Technikern, Produktionsassistenten und Reportern, die für Live-Sendungen gebraucht werden. An dieser Stelle, keine hundert Meter vom demolierten Wohnheim entfernt, klappte es mit der Sicherheit anstandslos.

Die Polizei hatte sich hinter den Bahndamm zurückgezogen, über den die Züge von Rostock nach Warnemünde fahren. Die Meute rannte gelegentlich vor, um mit Steinen auf die Beamten zu werfen; manchmal bückte sich dann ein Polizist und schleuderte einen Stein zurück. Aber die Ordnungskräfte griffen nicht ein, auch nicht, als das Sonnenblumenhaus zu brennen begann. Es seien zu wenige gewesen, sagten die Verantwortlichen später vor dem Untersuchungsausschuss im Schweriner Landtag aus, die eigentlich verfügbare Bereitschaftspolizei sei irrtümlich vorher abgezogen worden. Um 21.38 Uhr verzeichnete die Feuerwehr den ersten Notruf. Ein Feuerwehrwagen versuchte, zur Rückseite des Neubaublocks durchzukommen, wurde jedoch von einer johlenden, mit Steinen und Baseball-Schlägern bewaffneten Menge gestoppt.

Heute blühen in den Balkonkästen die Geranien. Ein Bestattungsunternehmen und eine Zahnarztpraxis, eine Fahrschule und ein Friseur haben in dem Haus Filialen. Auf den Klingelschildern am Aufgang 19, dem ehemaligen Wohnheim der Vietnamesen, stehen drei vietnamesische Namen.

Gleich nebenan, wo das Land Mecklenburg-Vorpommern vor zwanzig Jahren sein einziges Aufnahmelager unterhielt, finden sich hingegen nur deutsche Namen. Der Aufzug („umgebaut 1993“) funktioniert tadellos, die Leute grüßen freundlich. Im lachsfarben gestrichenen Treppenhaus liegt vor fast jeder Wohnungstür eine bunte Fußmatte, die Willkommen verheißt. Die Vietnamesen, die damals über das Dach bis zum Aufgang 15 flohen, hatten sich bis zur siebten Etage durchklingeln müssen, ehe ihnen jemand die Tür öffnete.

Überbelegtes Asylbewerberheim

Ausgelegt war das Asylbewerberheim für maximal dreihundert Menschen, belegt wurde es mit doppelt so vielen. In den Grünflächen vor dem Haus kampierten außerdem Hunderte Rumänen, vor allem Sinti und Roma, gehasst und verachtet von den deutschen Anwohnern. Man muss sich vorstellen, wie es da aussah: eine wilde Zeltstadt ohne Toiletten oder Mülleimer mitten in der einstigen Mustersiedlung. Monatelang übergingen die deutschen Behörden die Beschwerden der Anwohner über die Zustände am Asylbewerberheim. Sie zündelten an jenem Abend mit.

22.56 Uhr konnten die Löscharbeiten beginnen, mehr als eine Stunde nach Eingang des Notrufes. Da endlich war die Polizei aus ihrer Starre erwacht und hatte der Feuerwehr einen Weg zum Sonnenblumenhaus gebahnt. „Eine Verkettung unglücklicher Unfälle“, sagte der Polizeisprecher, als ich ihn am Tag danach in der Rostocker Polizeidirektion aufsuchte. Damals erschienen mir seine Bemerkungen über die Vietnamesen im Wohnhaus zynisch: „Wenn es um Rauch geht, hätten die doch bloß auf den Balkon gehen brauchen.“ Heute kommt es mir vor, als würde vor allem Hilflosigkeit aus diesen Worten sprechen.

1992 war das Jahr, in dem so viele Flüchtlinge nach Deutschland drängten wie nie zuvor und nie seither. Bevor der Bundestag Ende 1992 das Asylrecht drastisch beschnitt, kamen 440.000 Asylbewerber, eine Tatsache, die den Deutschen Angst machte, weit über den rechten Rand der Gesellschaft hinaus. „Das Boot ist voll“, diesen Satz hörte man damals oft. In Westdeutschland verübten Neonazis Mordanschläge auf Ausländer wie die Familie Arslan in Mölln. In Ostdeutschland kam es massenhaft zu Ausschreitungen gegen Asylbewerber. Allein im ersten Halbjahr 1992 verzeichnete die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern dreißig Überfälle auf Wohnheime in diesem Bundesland.

In Rostock stammten damals nur die einfachen Polizisten aus Mecklenburg, die Vorgesetzten kamen fast alle aus dem Westen. Es waren Beamte, abgeordnet aus den Partnerländern Schleswig-Holstein, Hamburg oder Bremen, die die Landespolizei auf Vordermann bringen sollten. Sie alle – der Staatssekretär im Innenministerium, der Landespolizeichef, der Leiter der Polizeidirektion Rostock – verbrachten ihre Wochenenden fast immer daheim im Westen. Auch das Wochenende vor der Brandnacht, obwohl es seit Samstagabend in Lichtenhagen krachte. Nur einer von ihnen, der unerfahrene Rostocker Einsatzleiter Jürgen Deckert, kehrte vorzeitig zurück. Und als es darauf ankam, gab er die falschen Befehle.

Der Parkplatz gegenüber vom Sonnenblumenhaus existiert noch, er könnte allerdings mal eine neue Schicht Asphalt gebrauchen. Hier stand ich, als die Polizei schließlich um drei Uhr früh anrückte, um das Gelände rings um das Gebäude zu räumen. In eng geschlossener Formation marschierten die Polizisten über den Bahndamm und schlugen dabei mit ihren Schlagstöcken auf die Schilder. Ein unheimlicher, archaischer Lärm war das, wie aus einem Krieg in grauer Vorzeit. Wir flohen. Wir – die Meute, deren Teil ich geworden war. Wir rannten über den Parkplatz bis in das Gebüsch dahinter. Die Polizisten ließen ihre Hunde von der Leine, um das Wäldchen zu räumen. Ich rannte noch ein wenig schneller. Hunde machen keinen Unterschied.

Auch ein Justizskandal

Heute stehen die Büsche viel dichter als damals. Heute wäre es mir nicht gelungen, weit genug davonzulaufen vor den Hunden. 370 vorläufige Festnahmen, das war die Polizei-Bilanz der tagelangen Ausschreitungen. Die meisten Strafverfahren wurden bald wieder eingestellt, nur vier Brandstifter wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die letzten drei Urteile fielen erst zehn Jahre nach der Brandnacht, so spät, dass die Täter schon wegen der langen Verfahrensdauer Milde fanden. Rostock-Lichtenhagen, das war nicht nur ein ungeheuerliches Polizeiversagen, das war auch ein Justizskandal.

Die Telefonzelle, aus der ich in jener Nacht meine Meldungen in die Redaktion durchgab, gibt es nicht mehr. Die Bundespost wurde aufgelöst, die Telekom privatisiert, die gelben Häuschen verschwanden. An ihrer Stelle in der Mecklenburger Allee steht nun eine grau- und pinkfarbene Kabine. Auch sie ist schon alt, zerkratzt, vermüllt; sie hat kaputte Scheiben, die Tür hängt halb aus den Angeln. Der Telefonapparat zeigt Bilder von DM-Münzen, einem Groschen, einem Fünfziger, einer Mark, aber er funktioniert noch.

Damals war ich froh, an dieser Straße eine offene Getränkebude zu finden, wo man mir Geld zum Telefonieren wechselte. Für den Betreiber waren die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen eine Goldgrube. An Bier und Schnaps für die Brandstifter und die Schaulustigen muss er in den paar Tagen Tausende von Mark verdient haben. Die Polizei ließ ihn gewähren.

Im milden Licht des Augustes 2012 leuchten die Blüten am Sonnenblumenhaus, als wäre nichts geschehen. Ich gehe meinen Schritten von vor zwanzig Jahren nach und suche nach meinen Erinnerungen an diese Nacht. Ich will mit meinen Gedanken alleine sein.

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