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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

11. April 2013

Neonazi-Szene "AD Jail Crew": Mit einem Adler im Sturzflug

 Von Andreas Förster
Ausblick aus einer Zelle der Justizvollzugsanstalt im hessischen Hünfeld, wo das rechtsradikales Netzwerk in Gefängnissen aufgedeckt wurde.  Foto: dpa

Die Rechtsextremisten haben mithilfe von Motorrad-Rockern ein illegales Netzwerk aufgebaut und nutzen eine Rocker-Zeitschrift als Kontaktbörse. Gegründet worden ist die sogenannte AD Jail Crew im hessischen Hünfeld.

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Die Rechtsextremisten haben mithilfe von Motorrad-Rockern ein illegales Netzwerk aufgebaut und nutzen eine Rocker-Zeitschrift als Kontaktbörse. Gegründet worden ist die sogenannte AD Jail Crew im hessischen Hünfeld.

Hunderte rechtsextremistische Straftäter und Motorrad-Rocker in mindestens zwanzig deutschen Haftanstalten sollen sich zu einem illegalen Netzwerk zusammengeschlossen haben. Das geht aus der Erklärung einer Gefangenenhilfsorganisation hervor, die sich unter der Bezeichnung „AD Jail Crew (14er)“ vor einem Jahr gegründet hat. Das Netzwerk soll die Kommunikation zwischen den inhaftierten Neonazis und Rockern sowie zwischen Häftlingen und der rechten Szene außerhalb der Justizvollzugsanstalten (JVA) organisieren.

Die hessische Justiz hatte in diesem Zusammenhang Zellen von Verdächtigen durchsuchen und Postsendungen überprüfen lassen. Neben der Haftanstalt im hessischen Hünfeld hatten in Bayern mehrere Gefangene in drei Justizvollzugsanstalten Kontakt zu dem Netz, wie ein Sprecher des Justizministeriums in München sagte. Auch in anderen Bundesländern läuft die Spurensuche, darunter in Schleswig-Holstein und Berlin. Nach Angaben des Berliner Justizsenators Thomas Heilmann (CDU) hatte der Neonazi aus Hünfeld einen Briefkontakt zu einem Gefangenen in Berlin-Tegel hergestellt.

Staat versagt

Eine Studie der Amadeu-Antonio-Stiftung kommt zu dem Schluss, dass der Rechtsextremismus in den westlichen Bundesländern systematisch unterschätzt oder kleingeredet worden sei. Der von der Stiftung am Mittwoch in Berlin vorgestellte Bericht „Staatsversagen. Wie Engagierte gegen Rechtsextremismus im Stich gelassen werden“ untersucht beispielhaft die Zustände in zehn Orten in sechs Bundesländern. Darunter sind München, Frankfurt am Main, Kiel und das rheinland-pfälzische Betzdorf. Die Untersuchung knüpft an den Vorgängerreport „Das Kartell der Verharmloser“ von 2012 an.
Die Autorin des Berichts, Marion Kraske, sagte, dieser dokumentiere die Bagatellisierung der alltäglichen rechten Gewalt durch die dortige Polizei, Justiz und Politik und damit ein staatliches Versagen auf allen Ebenen. Der Umgang sei geprägt von Nachsichtigkeit gegenüber rechten Gewalttätern. Akteure und Initiativen, die sich gegen Neonazis stellen, würden als Nestbeschmutzer oder Linksextremisten diskreditiert.
Der rechten Szene werde durch dieses Versagen des Staates eine Botschaft vermittelt, die verheerend sei, so Kraske: „Sie lautet: Ihr könnt hier machen, was ihr wollt.“ Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sieht einen dringenden Handlungsbedarf auch in den westdeutschen Bundesländern. Justiz, Polizei und Politik machten es den Rechten oft zu leicht, Fuß zu fassen. Grünen-Chefin Claudia Roth fordert von den westdeutschen Politikerin ein Umdenken. Alltägliche rechte Gewalt und ihre Bagatellisierung sei ein Problem in ganz Deutschland.
Exemplarisch ist laut Studie ein Fall aus Wuppertal, einer der Hochburgen der rechtsextremen Szene in Nordrhein-Westfalen. Dort wurde Ende 2010 eine Vorführung des Medienprojektes Wuppertal in einem Kino von vermummten und bewaffneten Neonazis überfallen. Gezeigt wurde ein Film über Erscheinungsformen von Rechtsextremismus. Obwohl 13 der Täter gefasst wurden, wurde bis heute keiner verurteilt. Laut Bericht verschleppte die Polizei die Ermittlungen, der Oberbürgermeister habe einen rechtsradikalen Hintergrund bestritten. Erst nach dem Bericht einer ZDF-Nachrichtensendung wurde Ende 2012 Anklage erhoben.

Glaubenssatz weißer Rassisten

Gegründet worden ist das Netzwerk in der hessischen JVA Hünfeld. Die politische Ausrichtung des Netzwerks lässt sich schon aus seinem Namen herauslesen: Die Abkürzung AD vor Jail Crew (umgangssprachlich für „Knastbrüder“) steht für Aryan Defense, zu deutsch: Arische Abwehr. Der in Klammern gesetzte Zusatz „14er“ ist eine Chiffre für den Nazi-Code der „14 Words“, als dessen Autor der wegen Mordes verurteilte US-Rechtsterrorist David Eden Lane gilt. Übersetzt lautet dieser Glaubenssatz weißer Rassisten: „Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft der weißen Kinder sicherstellen.“

Mutmaßlicher Sprecher der „AD Jail Crew“ ist der mehrfach wegen Gewalt- und Propagandadelikten vorbestrafte Neonazi Bernd Tödter aus Kassel. Der 1974 geborene Tödter, Gründer und Anführer der militanten Organisation „Sturm 18 Cassel – Kameradschaft Nordhessen“, sitzt derzeit eine Haftstrafe in Hünfeld ab. In dem Rockerblatt Bikers News hatte er im Oktober in einem Artikel erstmals auf die Existenz des Netzwerks aufmerksam gemacht. „Wir konnten bereits viele Mitstreiter in den verschiedenen Haftanstalten für unser Projekt gewinnen“, heißt es in dem Text. So habe man bereits diverse Ansprechpartner in zwanzig Haftanstalten von zehn Bundesländern gewinnen können.

Da man von den üblichen Gefangenenhilfsorganisationen nichts halte, habe man „die „AD“ als Alternative für Brüder und Schwestern (…) ins Leben gerufen“, heißt es weiter in dem Artikel. Angestrebt werde für das Netzwerk eine Rechtsform als eingetragener gemeinnütziger Verein. Mitglied könne jeder werden, „der für Loyalität, Kameradschaft und die ,Alten’ Werte einsteht“. Auch ein Erkennungszeichen für Vereinsmitglieder sei laut Tödter bereits entworfen worden – ein Aufnäher, der einen Adler im Sturzflug mit den Ziffern 14 in seinen Krallen zeigt.

Dass Tödters Artikel in einem Szene-Magazin von Rockergruppen erschienen ist, verwundert Experten nicht. Seit der Jahrtausendwende schon beobachtet der Verfassungsschutz eine Annäherung zwischen militanten Neonazis und Rockern. So sind Anhänger von „Blood&Honour“ nach dem Verbot der Organisation im September 2000 bei der Organisation von Nazirock-Konzerten zunehmend auf Klubhäuser von Rockerbanden, insbesondere der Bandidos, ausgewichen. Im Magazin Bikers News, in dem jetzt auch der Tödter-Artikel erschienen ist, existiert zudem die Rubrik Jail Mail (Gefängnispost), die vor allem von Rechtsextremen als Informations- und Kontaktbörse genutzt wird.

Mitglieder von „AD Jail Crew“ sollen auch versucht haben, Nachrichten für den inhaftierten mutmaßlichen NSU-Helfer Ralf Wohlleben zu schmuggeln. Wohlleben saß bis Januar in der Thüringer JVA Tonna, in der das Netzwerk auch einen Ableger gegründet hat. Ein Neonazi, der wegen eines Waffenfundes dort einsaß, soll versucht haben, über die Adresse seiner Freundin Botschaften von und an Wohlleben weiterzuleiten. Die Aktion flog auf, Wohlleben wurde nach München verlegt.

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