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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

13. Januar 2012

Neonazi-Terror: Der abgehörte Terrorhelfer

 Von Andreas Förster
Die Mitglieder der Zwickauer Terror-Zelle: Uwe Böhnhardt (l-r), Uwe Mundlos und Beate Zschäpe.  Foto: dpa

Jürgen H. soll die Zwickauer Zelle nach dem Untertauchen unterstützt haben – das LKA Sachsen kannte und belauschte ihn.

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Jürgen H. soll die Zwickauer Zelle nach dem Untertauchen unterstützt haben – das LKA Sachsen kannte und belauschte ihn.

Fahnder in Sachsen und Thüringen hatten offenbar früher als bislang bekannt eine heiße Spur zu den im Januar 1998 untergetauchten Rechtsextremisten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Nach Informationen der Berliner Zeitung überwachte das Landeskriminalamt Sachsen bereits sechs Wochen nach der Flucht das Telefon eines Verbindungsmannes der drei.

Bei dem abgehörten Verbindungsmann handelt es sich um Jürgen H. aus Jena. H. ist ein Freund des Thüringers Ralf Wohlleben, der als mutmaßlicher NSU-Unterstützer in Untersuchungshaft ist. Beide sollen sich aus einem Kinderheim kennen. Unmittelbar nach dem Untertauchen Zschäpes und ihrer Freunde soll H. in Absprache mit Wohlleben und dem Jenaer André Kapke in die Betreuung des Trios einbezogen worden sein. Laut einem Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) vom 12. Dezember vergangenen Jahres, aus dem der Spiegel zitiert, soll H. „als Verbindungsmann zwischen den Gesuchten und den Kontaktpersonen gedient und ein Zwischendepot zur Verfügung gestellt haben“.

Rechter Aktivist bisher nie in Erscheinung getreten

Tatsächlich war H. eine gute Wahl. Der Jenaer Mittdreißiger ist als rechter Aktivist nie in Erscheinung getreten, sein Name war noch bis vor Kurzem selbst Thüringer Neonazis kaum bekannt. Behörden in Bund und Ländern kannten ihn hingegen offenbar schon. Anders ist nicht zu erklären, dass ein Telefon von H. zwischen dem 17. März und 22. April 1998 vom LKA Sachsen überwacht worden ist. In dieser Zeit soll H. „wiederholt von Chemnitzer Rechtsextremisten von öffentlichen Telefonzellen aus sowie am 11. April aus Orbe/Schweiz angerufen“ worden sein. H. habe dabei „Anweisungen für Treffs und Geldbesorgungen bei den Eltern der Gesuchten“ erhalten. Diese Anweisungen gab H. demnach jeweils unmittelbar an Wohlleben weiter.

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Die rechtsextremistische Terrorzelle aus Zwickau, hier im Bild Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt.

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So steht es unter Bezug auf eine Information des Thüringer Verfassungsschutzes im BfV-Bericht von Dezember. Warum aber die sächsische Polizei einen Jenaer Nazi-Helfer abgehört hatte, gehört zu den Fragwürdigkeiten der Fahndung nach dem untergetauchten Nazitrio. In einem Bericht des sächsischen Innenministers Markus Ulbig (CDU), der gestern dem Innenausschuss des Landtages vorgelegt wurde und in dem es um Maßnahmen sächsischer Behörden bei der Fahndung geht, bleibt dieser Vorgang unerwähnt. Vielmehr seien laut Ulbig Behörden des Freistaats erst im Spätsommer 1998 „mit gezielten Maßnahmen aktiv“ geworden. Das widerspricht aber dem BfV-Report.

Aus der vom BfV verfassten „Chronologie der Erkenntnisse und operativen Maßnahmen nach Abtauchen der NSU-Mitglieder“ geht noch eine Merkwürdigkeit im Fall Jürgen H. hervor. Demnach wurde H. am 15. September 1999 vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) befragt. Dabei gestand er laut BfV-Bericht „seine Kuriertätigkeit für die Flüchtigen ein“. Er habe in dieser Befragung weiterhin angegeben, „von Beamten des LKA (vermutlich Thüringen) befragt worden zu sein, wobei er lediglich bestätigt habe, was die Beamten des LKA ohnehin schon gewusst hätten“.

Unklar ist, warum der MAD H. überhaupt befragte. Zwar führt der für Abwehraufgaben zuständige Dienst Aufgaben einer Verfassungsschutzbehörde aus, diese beschränken sich aber ausschließlich auf den Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung, dem der MAD auch direkt unterstellt ist. Wie aber passt das zusammen mit der Ausspähung der Jenaer Neonaziszene? Mitte November 2011 war zudem bekannt geworden, dass ein V-Mann des MAD kurz nach dem Abtauchen des Nazi-Trios 1998 deren neuen Aufenthaltsort an die MAD-Stelle 71 in Leipzig gemeldet habe. Die Information sei jedoch liegen geblieben. War Jürgen H. aus Jena dieser V-Mann? Der MAD lehnt jede Stellungnahme ab.

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