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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

17. November 2011

Neonazi-Terror und rechte Gewalt: Jeden zweiten Tag ein Anschlag

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Mahnwache für die Opfer rassistischer Gewalt in Berlin.  Foto: dapd

Seit der Wiedervereinigung sind etwa 182 Menschen durch die Folgen rechtsextremer Gewalttaten ums Leben gekommen. Viele werden von Rechten bedroht, leben in Angst und werden zusammengeschlagen. Opferberatungsstellen in Sachsen-Anhalt haben ständig mit solchen Taten zu tun.

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Seit der Wiedervereinigung sind etwa 182 Menschen durch die Folgen rechtsextremer Gewalttaten ums Leben gekommen. Viele werden von Rechten bedroht, leben in Angst und werden zusammengeschlagen. Opferberatungsstellen in Sachsen-Anhalt haben ständig mit solchen Taten zu tun.

Mit staunendem Entsetzen reagierten viele Politiker auf die rechte Terrorzelle von Zwickau – als seien die drei braunen Mörder vom Mars gekommen. Doch Opferberatungsstellen wissen, dass Neonazis seit vielen Jahren mordend durch Deutschland ziehen: Seit der Wiedervereinigung 1990 sind nach Recherchen der renommierten Amadeu Antonio Stiftung 182 Menschen durch die Folgen rechtsextremer Gewalt ums Leben gekommen..

Doch was ist mit den vielen Bedrohten, Zusammengeschlagenen, Beinahe-Getöteten? Sie wurden kaum noch wahrgenommen. „Die tödliche Dimension rechter Gewalt ist für uns keine Überraschung“, sagt etwa Antje Arndt, Sprecherin der Mobilen Opferberatung Sachsen-Anhalt. „Hier gibt es seit Jahren fast jeden zweiten Tag eine rassistische Gewalttat.“

Die Opferberatungsprojekte in den neuen Bundesländern veröffentlichten am Mittwoch gemeinsam neue alarmierende Zahlen: Demnach waren im Jahr 2010 in Ostdeutschland 1400 Menschen von rund 730 rechtsextremen Gewalttaten betroffen. Nur 1,8 Prozent der Bevölkerung Ostdeutschlands sind Ausländer. Doch den Hass der Rechten schmälert das nicht. „Das Motiv der Täter ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten“, sagt auch Martin Beck von der Potsdamer Opferperspektive. Gewalt wird oft einfach dort ausgeübt, wo überhaupt irgendein Ausländer erreichbar scheint.

Täter gehen auf Opfersuche

Zum Opfer rechter Gewalt werden Menschen oft nur deshalb, weil sie relativ leicht erreichbar sind – die Gewaltexzesse entladen sich, wenn die Täter auf Opfersuche sind. Wie das Mord-Trio aus Zwickau gehen die Täter besonders oft auf Imbissbetreiber los: Mehr als 60 Angriffe von Rechtsextremen auf von Ausländern geführte Imbisse in Brandenburg zählte die Opferperspektive seit dem Jahr 2000. Meistens handelte es sich um Brandanschläge. Doch oft sei bei Bevölkerung und örtlichen Polizeikräften das Vorurteil vorherrschend gewesen: „Das waren die doch bestimmt selbst“, schreiben die Autoren einer Studie zum „Angriffsziel Imbiss“ schon 2005. Brandanschläge auf Döner- und Asia-Imbisse seien oft mit Versicherungsbetrug oder Konkurrenz unter Ausländern abgetan worden.

Immer wieder schlugen die Täter zu, aus allen Bundesländern gibt es Fälle wie diesen: Am frühen Neujahrsmorgen 2011 betritt der heute 25-jährige Neonazi Francesco L., mit Gleichgesinnten einen Döner-Imbiss in Schönebeck. „Du bist kein Deutscher!“, schreien die Neonazis den Inhaber an und schlagen auf ihn ein. Auch zwei Gäste, die dem Betroffenen helfen wollen, werden angegriffen. Alle Opfer erleiden Verletzungen, Hämatome am Kopf und im Gesicht und müssen ärztlich behandelt werden.

Einschüchterungen haben schlimme Folgen

Für Neonazi Francesco L. war das nichts Ungewöhnliches: Er hatte schon am 9. Januar 2006 gemeinsam mit drei weiteren Rechten einen Zwölfjährigen mit schwarzer Hautfarbe im sachsen-anhaltinischen Pömmelte unter fortdauernden rassistischen Beleidigungen über eine Stunde hinweg misshandelt. Francesco L. bedrohte den Jungen mit einer Gasdruckpistole, trat ihn, schlug ihn und drückte eine Zigarette auf dem Augenlid des Opfers aus. Er zwang sein Opfer, auf Fragen mit „Jawohl, mein Führer“ zu antworten – und wurde später zu einer Jugendstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten verurteilt. Nach seiner Entlassung war er weiter in der Neonaziszene aktiv – bis er erneut zuschlug.

„Das Dramatische ist, welche Einschüchterung das für die Betroffenen hinterlässt“, sagt Tim Bleif vom Opferverein Lobbi in Rostock. „Oft wollen die Opfer nicht, dass der rechtsextreme Hintergrund der Tat öffentlich gemacht wird“, so Bleif, „aus Angst, dass die Täter wieder zuschlagen.“ Oft wirke ein Anschlag in einer Kleinstadt auf die wenigen Ausländer der ganzen Region.

Die Opferinitiativen dokumentieren weiter das Leid der Opfer, das auch ein Versagen des staatlichen Schutzes ist: Zum Beispiel der 11. Februar 2011 in Dömitz: Nachts werden die Scheiben eines Bistros, dessen Besitzer aus dem Irak stammt, mit rassistischen Parolen beschmiert. Oder der 13. August 2010 im Landkreis Parchim, Nordwestmecklenburg: Entlang einer Bundesstraße werden bei fünf Restaurants Scheiben eingeschossen. Alle Restaurants werden von Migranten betrieben. Oder der 11. Juni 2010 in Crivitz, Landkreis Ludwigslust: In der Nacht werfen unbekannte Täter zwei Flaschen mit einer brennbaren Flüssigkeit in einen Pizzaimbiss, der von einem Inder betrieben wird. Die rechte Gewalt war schon vor und während der Taten des Terror-Trios aus Zwickau lebendig – und sie wird mörderisch bleiben.

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