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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

28. November 2011

Neonazi-Trio: Bravo-Leserin mit Reichskriegsflagge

Über Beate Zschäpe kursieren viele Gerüchte, Fakten sind rar.  Foto: dpa

Über Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des Neonazi-Trios, wird viel geredet. Hartnäckig hält sich das Gerücht, sie habe für den Verfassungsschutz gearbeitet. Aber die Fakten sind rar.

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Jena –  

Es gibt wenige Bilder von Beate Zschäpe, eines war am 21. Februar 1998 in der Ostthüringer Zeitung zu sehen. Es zeigt eine junge Frau, ihr Blick wirkt müde, leicht gelangweilt. Darunter fünf Zeilen: „Beate Zschäpe, geb. Apel – Sie ist 23 Jahre alt, 160 cm groß, schlank, hat ein unauffälliges Äußeres, trägt dunkelblondes, schulterlanges, leicht gewelltes Haar.“ Neben ihrem Bild die Fotos von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.

Beate Zschäpe, heute 36 Jahre alt, ist die Überlebende des rechtsextremen Jenaer Terroristentrios, das fast vierzehn Jahre lang abgetaucht war, schwer bewaffnet durch Deutschland zog und vermutlich zehn Türken und Griechen sowie eine Polizistin ermordete. Zudem sollen die Drei für einen Bombenanschlag in Köln verantwortlich sein und für 14 Banküberfälle.

Zschäpe sitzt derzeit im Gefängnis Köln-Ossendorf in strenger Einzelhaft und schweigt. Am 4. November, als die Polizei ihren Komplizen Mundlos und Böhnhardt nach einem Banküberfall in Eisenach auf die Spur gekommen war, hatte sie die gemeinsame Wohnung in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau in die Luft gesprengt. Zeitgleich schoss vermutlich Mundlos Böhnhardt in den Kopf, zündete das Wohnmobil an, in dem sie sich versteckten, und steckte sich selbst die Pistole in den Mund und drückte ab.

Zschäpe räumte derweil in der Wohnung auf, verteilte Brandbeschleuniger, legte Feuer, brachte die Kätzchen zur Nachbarin, verschickte die zynischen Paulchen-Panther-Bekenner-Filme und suchte sich einen Anwalt. Dann stellte sie sich der Polizei, war einige Tage im Chemnitzer Frauengefängnis, bis sich die Bundesanwaltschaft der Sache annahm und die Frau verlegte.

Gerüchte und Gerede

Über Beate Zschäpe ist in Jena so gut wie nichts bekannt. Viele Gerüchte, noch mehr Gerede. Nachbarn in Zwickau erlebten eine junge Frau, die höflich ein paar Worte wechselte, ansonsten unauffällig blieb. Sie galt als die Freundin von Mundlos. Die Bild-Zeitung machte aus ihr einen „heißen Feger“ und eine „Nazi-Braut“, druckte ein Foto, das sie im Alter von etwa 18 Jahren Bravo lesend auf einem Sofa zeigt, Mundlos an ihrer Seite. Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner rätselte, ob sie eine bösartige Kriminelle sei oder eine tief verzweifelte Frau, die lieber mit Mördern zusammen war, als einsam zu sein.

Beate Zschäpe lebte als Kind bei der Mutter in Jena-Winzerla in der Erich-Zielinski-Straße. Angeblich hing über ihrem Bett eine Reichskriegsflagge, angeblich hatte sie ein Monopoly-Spiel mit einem „KZ-Feld“. Sie fing eine Gärtnerlehre an, ob sie einen Abschluss machte, ist unklar. Sie blieb arbeitslos. In Winzerla gab es den „Winzer-Clan“, eine Gruppe rechtsradikaler junger Leute. Unter ihnen tauchte Zschäpe auf und mischte angeblich neben Mundlos und Böhnhardt bald vorn mit. Die Linken-Abgeordnete Katharina König aus Jena erinnert sich: Mundlos und Böhnhardt seien damals durch die Plattenbauviertel der Stadt gezogen und hätten Leute verprügelt. Zschäpe habe zum harten Kern gehört. „Die drei avancierten schnell zur Nummer eins in Jena.“ Polizisten soll sie nach ihrer Festnahme in Zwickau gesagt haben, die beiden seien ihre Familie gewesen.


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Während Mundlos und Böhnhardt unverkennbar Neonazis waren, kahlköpfig und in Springerstiefeln, blieb Zschäpe äußerlich unauffällig. Sie gehörte angeblich auch zu keiner rechtsextremen Frauen-Organisation – weder zum „Skingirl-Freundeskreis“ noch zur NPD-Organisation „Ring nationaler Frauen“. Dennoch, und das wird häufig und in verschiedenen Versionen in Jena erzählt, galt sie als brutaler Neonazi: Einer jungen Frau soll sie den Fuß gebrochen haben, andere sprechen von einem gebrochenen Arm.

Niemand will über Zschäpe reden

Das Plattenbauviertel in Winzerla wurde 2002 gründlich saniert. Heute wohnen andere Leute dort als vor zehn Jahren. Ehemalige Nachbarn sind längst fortgezogen. Die Schule, in die Böhnhardt – möglicherweise auch Zschäpe – gegangen sein sollen, ist abgerissen. Sämtliche Schulakten sind nicht auffindbar. Ein Mann, der damals in der Erich-Zielinski-Straße lebte und Beate Zschäpe kannte, will heute nichts mehr davon wissen. Er habe „keinen Bock“, darüber zu reden.

Beate Zschäpes Mutter lebt seit 13 Jahren mit der Oma im Norden von Jena, in Löbstedt. Auch sie will nicht über ihre Tochter reden. Es sei schon schwer genug, sagt sie über die Sprechanlage des Hauses. Über den Vater, dessen Nachnamen Tochter Beate angenommen haben soll, ist nichts bekannt.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, Beate Zschäpe habe ein doppeltes Spiel gespielt und für den Verfassungsschutz gearbeitet: „Es heißt, sie soll auf mehreren Hochzeiten getanzt haben“, sagt ein Kenner der Neonazi-Szene. Vielleicht erfährt man mehr, wenn sie vor Gericht steht.

Beate Zschäpe alias Silvia Pohl alias Lisa Pohl alias Mandy Stuck alias Susann Deinelt alias Susann Eminger – lauter Namen, die sie zwischen 1998 und 2011 benutzt haben soll – schweigt und hofft darauf, einen Strafnachlass zu bekommen, wenn sie als Kronzeugin auspackt. Generalbundesanwalt Harald Range, dessen Behörde die Ermittlungen gegen die Terrorzelle führt, will offensichtlich nicht auf einen solchen Deal eingehen. Bei mutmaßlich zehn Morden, so Range, tue er sich schwer.

Sie hat, so viel ist heute klar, die Wohnungen gemietet, in denen sich die drei versteckten. Und die meisten Wohnmobile, mit denen sie auf Mordtour durch Deutschland zogen. Sie selbst soll nicht zur Waffe gegriffen und getötet haben, meldete Süddeutsche.de unter Berufung auf Ermittlerkreise. Aber dass sie nicht wusste, was Mundlos und Böhnhardt taten, ist völlig undenkbar. Sie muss mit lebenslanger Haft rechnen.

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