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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

02. März 2015

NSU-Ausschuss: Kaum jemand glaubt Temme

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Der Ausschuss sollte Halits Vater Ismail Yozgat anhören, forderte der Journalist Dirk Laabs.  Foto: rtr

Journalist Dirk Laabs legt im NSU-Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags den Finger in die Wunde: Kaum ein Experte glaube dem früheren Verfassungsschützer Andreas Temme, dass er nichts von dem Mord an Halit Yozgat in Kassel mitbekommen habe

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Holger Bellino hätte gerne einen strategischen Tipp. Alle im Saal sähen die Rolle des früheren Verfassungsschützers Andreas Temme im NSU-Komplex kritisch, versichert der CDU-Abgeordnete, bevor er dem Journalisten Dirk Laabs seine Frage stellt: Hätte der vielleicht eine Idee, wie man Temme zum Reden bringen könnte? Im Publikum bricht Heiterkeit aus, auch Laabs muss schmunzeln. „Man muss halt alles probiert haben“, sagt er dann. Bei Beamten wie Temme habe man ja durchaus auch disziplinarrechtliche Druckmittel. „Da gibt’s sicherlich Mittel und Wege.“

Der NSU-Untersuchungsausschuss des hessischen Landtages bekommt an diesem Montag viele Arbeitsaufträge ins Stammbuch geschrieben. Laabs, der mit dem Publizisten Stefan Aust ein Buch zum Terror des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) veröffentlicht hat, legt vor allem in Bezug auf den Mord an Halit Yozgat in Kassel den Finger in die Wunde: Kaum ein Experte, sagt er, glaube dem Agenten Temme, dass er nichts von dem Mord mitbekommen habe, obwohl er aus bisher nicht geklärten Gründen am Tatort war. Offen sei auch, über welches Wissen der hessische Verfassungsschutz verfügt habe – eventuell sogar schon vor der Tat.

Vor allem, führt Laabs aus, frage er sich bis heute, warum der Verfassungsschutz damals zu Temme gehalten habe, obwohl dieser seinen Arbeitgeber „massiv blamiert“ habe – mit Auswirkungen, die bis heute anhielten. In allen Telefonaten Temmes mit Kollegen, die durch polizeiliche Abhörmaßnahmen teilweise öffentlich bekannt geworden sind, spüre man nur Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Temme bekomme Tipps, wie er sich verhalten solle. „Wo ist die Wut?“, fragt Laabs.

Starke Kontakte nach Thüringen

Der Journalist rät den Abgeordneten daher, die originalen Abhörbänder als Beweismittel anzufordern – und außerdem alle Berichte von Temmes Treffen mit Benjamin G., seinem V-Mann aus der rechten Szene. Er gehe davon aus, dass G. in Kassel auch auf die militanten Neonazi-Strukturen angesetzt gewesen sei, sagt der Journalist. Außerdem schlägt er vor, neben den damals beteiligten Behördenvertretern auch den Vater des NSU-Opfers Halit Yozgat anzuhören – um ein Bild von der Situation der Angehörigen zu bekommen.

Der zweite Sachverständige an diesem Montag, der Marburger Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger, spricht über seine langjährigen Forschungen zur rechten Szene in Hessen. Anfang der 2000er-Jahre habe es eine „sich dynamisch entwickelnde, breite rechte Jugendkultur“ und eine starke Szene gewaltbereiter Neonazi-Kameradschaften in Hessen gegeben, sagt Hafeneger.

Durch Interviews wisse er, dass diese Szene vor allem nach Thüringen starke Kontakte gehabt habe. Regelmäßig seien hessische Neonazis etwa zu Rechtsrock-Konzerten nach Thüringen gereist und dort von lokalen Kameraden untergebracht worden.


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Die damals übliche Bewertung der Sicherheitsbehörden, vor allem des hessischen Verfassungsschutzes, dass es in Hessen nur „isolierte, lokal bezogene Kleingruppen“ von Rechtsradikalen gebe, habe er damals schon kritisch gesehen, betont Hafeneger. Die Behörden hätten sich auf den „organisierten Rechtsextremismus“ konzentriert und viele Entwicklungen im vorpolitischen, subkulturellen Raum nicht ernst genommen. In den vergangenen Jahren gebe es aber zum Glück mehr Austausch zwischen Wissenschaft und Behörden.

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