Am kommenden Sonntag ist es ein Jahr her, dass Beate Zschäpe ihre „Familie“ verlor. „Familie“ - so nannte sie in Vernehmungen ihre am 4. November 2011 in einem Wohnmobil verbrannten Kumpane Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Die Bezeichnung muss auf die Angehörigen der Menschen, die mutmaßlich von der rechtsextremen Zelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) ermordet wurden, wie blanker Hohn wirken. Welche Rolle Zschäpe in dem offenbar eng verbundenen Trio spielte, ist bis heute unklar: War sie das Herz oder gar der Kopf? Oder war sie nur die helfende Hand der beiden Männer?
Die Neonazis Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe tauchen unter, nachdem die Polizei in Jena deren Bombenlabor ausgehoben hat. Im selben Jahr gründet das Trio den NSU.
Die Anklageerhebung der Bundesanwaltschaft gegen die 37-Jährige wird für die nächsten Tage erwartet. Von den Ermittlungserkenntnissen über Zschäpes Rolle wird abhängen, ob sie wegen Beihilfe vor Gericht gestellt wird - oder Mittäterschaft.
Während es also noch viele Spekulationen um Zschäpes Funktion und Aufgabe in dem Neonazi-Trio gibt, ist über ihren Werdegang einiges bekannt. Das recht genaue Bild von ihrem Leben ergibt sich aus den Veröffentlichungen von Generalbundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt sowie Äußerungen von ihren Familienangehörigen in den Medien.
Zschäpe kam am 2. Januar 1975 in Jena zur Welt. Ihre Mutter hatte in Rumänien Zahnmedizin studiert und dort auch Zschäpes rumänischen Vater kennengelernt. Nur zwei Wochen nach der Geburt ging Zschäpes Mutter zurück nach Rumänien. Ihre kleine Tochter wuchs zunächst bei der Großmutter auf. Sie sei ein „Oma-Kind“, sagte Zschäpe in den Vernehmungen. Im Juni wurde sie für einen Tag aus dem Kölner Frauengefängnis nach Gera verlegt, damit sie ihre Großmutter besuchen konnte. Die fast 90-jährige Frau hat zwar ein Besuchsrecht in Köln, die Fahrt ist für sie aber zu strapaziös.
Das Zusammenleben mit der Mutter brachte dagegen viel Unstetigkeit in Zschäpes Kindheit: Zwei Mal ließ die Mutter sich scheiden, immer wieder zogen Mutter und Tochter um. Als 1989 die Wende in der DDR kam, wandte sich die damals 14-Jährige immer stärker der in Jena erstarkenden Rechtsextremen-Szene zu. Mit 16 Jahren lernte sie Uwe Mundlos kennen, er wurde ihr Freund.
Beruflich fasste Zschäpe nie Fuß. Sie wollte Kindergärtnerin werden, fand aber keine Lehrstelle. Sie jobbte als Malerin und begann später eine Lehre als Gärtnerin. In dieser Zeit trennte sie sich von Mundlos und verliebte sich in Uwe Böhnhardt, dessen ebenfalls in der rechten Szene aktiven besten Freund. Ab 1995 traten sie fast nur noch als Trio auf.
Bis 1998 sollen die drei immer wieder Bombenattrappen ausgelegt oder verschickt haben. Als die Polizei Anfang 1998 die von Zschäpe gemietete Garage entdeckte, in der das Trio die teils mit echtem Sprengstoff versetzten Attrappen baute, setzte sich das Trio ab, bis vor einem Jahr lebte es unentdeckt an verschiedenen Orten in Deutschland. Mindestens neun Deck- und Aliasnamen nutzte Zschäpe in dieser Zeit.
Eva Högl, SPD-Obfrau im Untersuchungsausschuss des Bundestags: „Wir haben zwar gestern die Akten bekommen, aber die Darstellung von Herrn Henkel kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, dass der Generalbundesanwalt ihn angeblich angewiesen habe, die Akten dem Untersuchungsausschuss nicht zur Verfügung zu stellen.“
Foto: dpaDoch mit welcher Aufgabe war Zschäpe in der NSU betraut? Es gibt Darstellungen, wonach sie lediglich die Hausfrau gewesen sein soll. Aber es gibt auch eine andere Lesart ihrer Rolle: Danach war sie es, die alle Fäden in der Hand hielt.
Nach den Polizeierkenntnissen versorgte Zschäpe die beiden Männer mit allem, was sie brauchten. Sie suchte Unterkünfte in der Nähe der Ziele für ihre Banküberfälle und Morde, und sie kontrollierte die Finanzen. Wenn die Bundesanwaltschaft demnächst ihre Anklage gegen Zschäpe veröffentlicht, wird endlich bekannt, wie die Ermittler das Gewicht der 37-Jährigen für die NSU einordnen. Neben Delikten wie besonders schwerer Brandstiftung, weil sie die letzte Wohnung des Trios angezündet hatte, geht es besonders um die zehn der NSU zugeschriebenen Morde.
Für die Festlegung des Strafmaßes in dem nächstes Jahr vermutlich in München stattfindenden Prozess wird viel davon abhängen, ob Zschäpe durch die vorliegenden Beweise verurteilt werden muss oder ob sie ein Geständnis ablegt - auf Interna über ihre „Familie“ warten viele gespannt. (afp)
Der Ex-NPD-Funktionär sitzt seit inzwischen fast einem Jahr in Untersuchungshaft - fast genauso lange wie Zschäpe. Er wurde inzwischen nach München verlegt, wo der NSU-Prozess wohl stattfinden wird. W., der es bis zum stellvertretenden NPD-Vorsitzenden von Thüringen brachte, soll der NSU 2001 oder 2002 mit Hilfe eines Kuriers eine Schusswaffe und Munition verschafft haben.
W. soll billigend in Kauf genommen haben, dass die Waffe für rechtsextremistische Morde verwendet werden könnte, was als Beihilfe zum Mord bestraft werden könnte. Der am 27. Februar 1975 geborene W. soll dem Trio außerdem 1998 beim Untertauchen geholfen und es danach finanziell unterstützt haben. W., der als Fachinformatiker arbeitete, ist inzwischen nicht mehr NPD-Mitglied.
13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bomben- anschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe.
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