Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

20. November 2012

NSU: MAD befragte Mundlos offenbar mehrfach

 Von Andreas Förster
Aufnahme v. 1996: Uwe Mundlos (l.) mit Uwe Böhnhardt. Foto: dapd

Ein ehemaliger Schulfreund von Uwe Mundlos sagt aus, dass der NSU-Terrorist während seiner Armeezeit häufiger vom Militärischen Abschirmdienst über seine rechten Aktivitäten befragt wurde, als bislang bekannt war.

Drucken per Mail

Der mutmaßliche Rechtsterrorist Uwe Mundlos ist während seiner Armeezeit 1994/95 offenbar häufiger vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) über seine rechtsextremistischen Aktivitäten befragt worden als bislang bekannt. Das legt die Zeugenaussage eines früheren Mundlos-Freundes nahe. Der MAD hat bislang lediglich eingeräumt, Mundlos zum Ende seiner Dienstzeit einmal befragt zu haben.

Bei dem Zeugen handelt es sich um Andreas H. (Name geändert), einen früheren Schulfreund von Mundlos. H. war im Dezember 2011 und im März 2012 vom Bundeskriminalamt (BKA) vernommen worden. Er und Mundlos hatten sich bereits 1986/87 angefreundet, zehn Jahre später waren sie auch zusammen auf dem Ilmenau-Kolleg. Das letzte Mal sahen sich beide H.s Angaben zufolge kurz vor oder nach Mundlos’ Flucht im Januar 1998.

Bis dahin hätten er und Mundlos ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zueinander gehabt, man habe sich menschlich gut verstanden, sagte H. den Ermittlern laut Zeugenprotokoll. Die politische Einstellung seines Freundes habe er zwar nicht geteilt, so H., doch habe er mit ihm an verschiedenen Veranstaltungen der Neonazis wie dem „Fest der Völker“ 1997 in Lobdeburg teilgenommen.

Kontakte zum Verfassungsschutz ?

Auch während Mundlos’ Wehrdienst 1994/95 hätten sich die beiden regelmäßig getroffen, gab H. bei seiner Vernehmung an. „Uwe sagte mir damals auch, dass er selbst Kontakt zum Verfassungsschutz hatte“, sagte H. laut Protokoll. Der Freund habe gesagt, er sei wegen verschiedener Disziplinverstöße „gelegentlich in seiner Kaserne im Arrest (gewesen) und dort soll er Kontakt bzw. Besuch vom Verfassungsschutz bekommen haben“.

Auf Nachfrage räumte H. in der Vernehmung aber ein, dass es sich dabei auch um Vertreter des MAD gehandelt haben könnte. Das ist auch wahrscheinlicher, da der Verfassungsschutz keine eigenständigen Befragungen in Kasernen durchführen darf. H. gab weiter an, dass in den Gesprächen in der Kaserne – so habe es ihm Mundlos erzählt – wiederholt Fragen zu internen Vorgängen gestellt worden seien, die eigentlich in der rechten Szene geheim bleiben sollten.

Laut H. habe Mundlos daher vermutet, dass seine Befrager ihre Informationen von Tino Brandt bekommen haben könnten, mit dem er damals eng zusammengearbeitet habe. Brandt, Anführer des „Thüringer Heimatschutzes“, war tatsächlich zwischen 1994 und 2001 V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes. „Ich denke, dass Uwe aufgrund der Informationsflüsse auf die Person Tino Brandt gekommen ist, weil der von allem Kenntnis hatte“, sagte H. beim BKA aus.

Nicht zu Details befragt

Die Zeugenaussage widerspricht grundlegend der Darstellung von MAD-Vertretern vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Der frühere MAD-Abteilungsleiter Dieter Huth hatte am 8. November angegeben, dass Mundlos während seines Armeedienstes vom 1. April 1994 bis 31. März 1995 in Bad Frankenhausen nur einmal befragt worden sei. Dieses Gespräch habe angeblich erst am 9. März 1995 stattgefunden, drei Wochen vor dem Dienstzeitende. Laut dem überlieferten Protokoll wurde Mundlos dabei nicht nach Details der Thüringer Szene befragt.

Schon in der Ausschusssitzung hatten die Abgeordneten jedoch massive Zweifel an der Darstellung des MAD geäußert, wonach es nur eine Befragung von Mundlos in dessen Wehrdienstzeit gegeben haben soll. Die Zeugenvernehmungen von H. beim BKA konnten die Abgeordneten dem MAD-Vertreter jedoch nicht vorhalten. Die Protokolle sind Bestandteil der NSU-Ermittlungsakten und waren dem Ausschuss nicht übermittelt worden.

Der MAD selbst gibt an, keine Akten über Mundlos mehr zu besitzen. Die Unterlagen seien laut Huth den Datenschutzbestimmungen entsprechend vernichtet worden. Das Protokoll über die Mundlos-Befragung von 1995 fand sich deshalb auch nur im Archiv des sächsischen Verfassungsschutzes, an den eine Kopie weitergeleitet worden war.

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Ressort

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bomben- anschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe.


Neonazi-Terror
Der Terror der Neonazis vom Zwickau.

Die Gewalttaten der Neonazis der Zwickauer Zelle: Zeittafel, Orte des Geschehens und die Terror-Folgen in Bildern.

Spezial

Die große Aufbereitung des Nationalsozialismus: Rückblick auf den Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main.

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Video
FR-Themen
Zeitunglesen macht klug - Rundschau-Lesen macht klüger.

Unbequeme Recherchen, aufgedeckte Skandale: Die FR legt den Finger in Wunden. Journalistische Höhepunkte aus sechs Jahrzehnten.

Textimport

Verfolgen Sie unsere Nachrichten in Ihrer Lieblingsdarstellung - via RSS-Feed. Für Ihren Windows-PC bieten wir sogar einen kostenlosen Newsreader an. Informationen im Digital-Bereich.

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?