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16. Dezember 2015

NSU-Prozess: Ausländer? „Haben keine Rolle gespielt“

 Von Mirko Weber
Bestreitet die Vorwürfe, dem NSU eine Waffe besorgt zu haben: Ralf Wohlleben.  Foto: REUTERS

Im NSU-Prozess stellt sich der angeklagte NPD-Aktivist Wohlleben als gewaltfreier, ahnungsloser Rechter dar. Eine Waffenlieferung von ihm an den NSU soll es nicht gegeben haben. Stattdessen gibt er einem anderen Angeklagten die Schuld.

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München –  

Ralf Wohlleben ist mittlerweile vierzig Jahre alt, sitzt seit Ende 2011 in Untersuchungshaft, war lange führendes Mitglied der NPD in Thüringen, ist wegen Körperverletzung vorbestraft und gilt der Bundesanwaltschaft als „steuernde Zentralfigur“ innerhalb des ganzen NSU-Komplexes. Angeklagt ist er wegen der Beihilfe zum Mord in neun Fällen. Am Mittwoch ergreift er das Wort im Prozess am Oberlandesgericht München, eine Woche nach der vom Anwalt verlesenen Aussage Beate Zschäpes.

Wohllebens Einlassung ist seit einiger Zeit von seinen Anwälten Nicole Schneiders und Olaf Klemke angekündigt worden. Schneiders sagt, Wohlleben werde in einem „Akt der Notwehr“ gegen „dreiste Lügen“ vorgehen. Neben Wohlleben sitzt seine Frau. Wohlleben zittert ein wenig, redet sehr schnell. Anderthalb Jahre „in Isolationshaft“, stellt er voran, hätten ihn geschädigt. Manchmal stottere er. Er stottert dann aber gar nicht.

Biografisch erzählt Wohlleben nichts, was nicht bekannt wäre. Er wird 1975 in Jena geboren und „streng, zu streng“ erzogen, was ihn 1992 von zu Hause ausreißen lässt. Er wohnt im Heim in Gera und macht eine Ausbildung zum Tischler. 2002 lernt er seine Frau Jaqueline kennen, 2004 und 2006 werden zwei Töchter geboren.

An Politik hat er „schon in frühen Jahren viel Interesse“. Als Erich Honecker zurücktritt (Wohlleben ist 14 Jahre alt), sitzt er vor dem Radio und geht auf Montagsdemonstrationen. Wohlleben spürt, wie er sagt, einen großen Nationalstolz, der ja „integraler Bestandteil der DDR-Erziehung“ gewesen sei. Dadurch fühlt er sich denen zugehörig, die „heute als rechts gelten“. Beeindruckt, wie organisiert die NPD arbeitet, orientiert sich Wohlleben dorthin, befreundet sich mit André Kapke. Er ist kein Skin. Wohlleben trägt bis heute Scheitel.

Tino Brandt, Nazi und V-Mann, sucht „händeringend Leute für den ‚Thüringer Heimatschutz‘ (THS)“; Wohlleben wird Landesschulungsleiter. Erster Vorsitzender ist Carsten Schulze, der zu Anfang des Prozesses als Einziger der Angeklagten mündlich ausgesagt hat.

Kein Zweifel an rechter Gesinnung

Wohllebens Aussage ist umständlich, ja gedrechselt abgefasst. Man merkt das Werk der Anwälte. 2010 tritt Wohlleben aus der NPD aus, wiewohl er seine „Ansichten nicht ändert“. Kursorisch beurteilt er Menschen, die in der Szene seinen Weg gekreuzt haben. Dem Mitangeklagten Holger Gerlach bescheinigt Wohlleben einen „starken Hang zur Zockerei und Tollpatschigkeit“, Uwe Böhnhardt sei „introvertiert“ gewesen, mit „trockenem Humor“, Uwe Mundlos „Schwiegermuttis Liebling, humorvoll, sympathisch, kontaktfreudig“. Mit Beate Zschäpe, einer „netten Frau“, konnte man „lange reden“. Sie sei „schlagfertig“ gewesen.


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In diesen Konstellationen inszeniert sich Wohlleben als eine Art nationalistischer Mönch, aufrecht, unmilitant. Viel schiebt er auf den V-Mann Tino Brandt. Geldbeschaffung für Aktionen, Internetauftritte: alles Brandts Werk. So rückt wieder die Rolle des Verfassungsschutzes ins Zentrum. Was waren seine Ziele? Wohlleben bleibt nebulös: Das „Volk“ habe im Vordergrund gestanden, die Kultur habe „vor Verfall geschützt werden“ sollen. Er glaube an ein „Europa der Vaterländer“, wobei „kein Volk höher als das andere“ stehe.

Morde nicht absehbar

Vor dem Untertauchen des Trios Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe räumt er gemeinsame Urlaube ein. Auch am Aufhängen einer ominösen Puppe mit Bombenattrappe sei er beteiligt gewesen, habe aber nur „Schmiere gestanden“ und den Polizeifunk abgehört. Böhnhardt und Mundlos hätten nie den Eindruck erweckt, dass sie „einmal schwere Straftaten begehen“ würden, „schon gar nicht gegen Ausländer“. Ausländer hätten „nie eine Rolle gespielt“.

Gleichwohl leiht Wohlleben dem Trio sein Auto, als sie abtauchen. Er stellt Kontakte zu den Eltern her. In Chemnitz sieht er die drei 1998 wieder. Wohlleben hilft weiter, schließlich hat man mal zusammen „Progromly“ gespielt, was er selber aber „nie toll“ fand. Am Ende vermittelt er einen Rechtsanwaltkontakt, erkennt aber angeblich allmählich die eigene Gefährdung: „Ich sollte aufpassen, dass ich nicht verfolgt werde.“

Böhnhardt fragt ihn nach einer „scharfen Pistole“. Wohlleben sagt, er habe mit Waffen nichts zu tun. Böhnhardt hakt nach, Tino Brandt werde bezahlen, und er, Böhnhardt, gehe jedenfalls nicht ins Gefängnis, eher bringe er sich um.

Wohlleben erzählt die Szene als Geschichte einer Erpressung. Die Pistole, die Ceska, habe er nicht besorgt. Das habe Carsten Schulze übernommen. Gemeinsam habe man die Waffe und den Schalldämpfer überprüft („aus reiner Neugier“). Von einer „Organisierung des Lebens des NSU“, wie die Bundesanwaltschaft formuliert, könne keine Rede sein. Außerdem: „Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele lehnte ich damals wie heute ab.“ Er sei entsetzt, dass „die beiden“ (Zschäpe nimmt er aus) „gemordet“ haben. Vom NSU habe er erst Ende 2011 erfahren. Den Angehörigen der Opfer gelte sein „Mitgefühl“.

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