Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

11. Dezember 2013

NSU-Prozess: Beate Zschäpe und ihre Bewunderer

 Von Stefan Geiger
Die Angeklagte Beate Zschäpe betritt am 03.12.2013 den Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München.  Foto: dpa

Im NSU-Prozess sagt Patrick K. aus, Beate Zschäpe habe ihn vor dem Abrutschen in die rechte Szene gewarnt. Der frühere Nachbar des NSU-Trios ist kein angenehmer Zeuge. Und auch kein glaubwürdiger.

Drucken per Mail

Im NSU-Prozess sagt Patrick K. aus, Beate Zschäpe habe ihn vor dem Abrutschen in die rechte Szene gewarnt. Der frühere Nachbar des NSU-Trios ist kein angenehmer Zeuge. Und auch kein glaubwürdiger.

München. –  

Er wolle „halt auch mal nach Hause“, sagt der Zeuge im Münchner NSU-Prozess. Er war auf 10.30 Uhr geladen. Jetzt ist es kurz vor 18 Uhr. Zuvor, seit dem Morgen, war seine Mutter verhört worden. Das Zuhause ist in Zwickau. Auch die Mutter wollte zurück, weil die Tochter heute Geburtstag habe. Das wird nicht mehr klappen.

Nein, Patrick K., die arbeitslose „Fachkraft für Sicherheit“, ist kein angenehmer Zeuge und auch kein besonders glaubwürdiger. Er stänkert auf Facebook gegen Ausländer. Von sich selbst sagt er, dass er früher einmal rechts war, inzwischen aber nicht mehr. Der Zeuge, der als Jugendlicher im selben Haus wie das NSU-Trio gewohnt hat und über diese Zeit berichten soll, verwickelt sich immer wieder in Widersprüche, kann sich schlecht erinnern. Er sagt nicht viel mehr, als dass Zschäpe stets freundlich und hilfsbereit war. Das haben auch schon andere ausgesagt. Aber wenn man der Bundesanwaltschaft zuhört, wie sie ihm die Glaubwürdigkeit abspricht, ihm droht, dann ist nicht mehr ganz klar, ob er angeklagt ist oder immer noch Beate Zschäpe und die vier, die mit ihr auf der Anklagebank sitzen. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl hat diesen Ton vorgegeben.

Zeuge ist nicht gleich Zeuge

Das fällt deshalb besonders auf, weil nur eine halbe Stunde zuvor ein anderer Zeuge dazwischengeschoben worden ist, der nicht so lange warten musste. Er ist kein Vertreter der Unterschicht. Er hat an André E., einen der Angeklagten, eine Wohnung vermietet und diese Wohnung fristlos gekündigt, als ein Sonderkommando der Polizei die Wohnung durchsucht und dabei „einen gewissen Schaden hinterlassen hatte“. Dieser Zeuge weiß, anders als Patrick K., sich auszudrücken.

Aber auch dieser Mann verwickelt sich in einen unauflösbaren Widerspruch. Er glaubt – nachträglich und aufgrund der Fernsehbilder – beim Einzug der Familie von André E. entweder Uwe Böhnhardt oder Uwe Mundlos gesehen zu haben. Das sind die beiden Haupttäter des NSU, die sich selbst getötet haben. Aber der Zeuge benennt bei der Polizei den einen Uwe und jetzt vor Gericht den anderen Uwe als den Umzugshelfer. Nur eines kann stimmen. Ein Zeuge, der irrt. So etwas gibt es. Götzl verabschiedet diesen Zeugen freundlich. Welch ein Unterschied zur Kälte, mit der er Patrick K. wegschickt.

Patrick K. ist nicht immer so unbeholfen wie im Gerichtssaal. In einem Fernsehfilm hat er herumgepöbelt. Auf dem Tisch stand Alkohol. Er hat damals wohl sagen wollen, dass die Vorwürfe gegen Beate Zschäpe auch falsch sein könnten. Dass Zschäpe, die er unter einem anderen Namen kannte, ihm imponierte, daran lässt der Zeuge keinen Zweifel. Dass sich Zschäpe einmal abfällig über Ausländer geäußert hat, daran mag er sich nicht mehr erinnern. Wohl aber daran, dass sie die „beste Freundin“ seiner „Mam“ war, die damals „richtig aufgeblüht“ sei. Und dass sie für die Mutter auch einmal einen Lebensmittel-Einkauf bezahlt hat.

Auch andere Zeugen erinnern sich in dieser Woche wieder daran, wie nett das NSU-Trio auf dem Campingplatz auf Fehmarn war. Der eine Uwe sei ein „Frauenversteher“ gewesen. Niemand im Münchner Gerichtssaal behauptet deshalb, diese Zeugen aus der Mittelschicht wollten Beate Zschäpe schonen.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Bei allen Widersprüchen und Erinnerungslücken – in einem für die Angeklagte nicht ganz unwichtigen Punkt sind sich Patrick K. und seine Mutter einig: Zschäpe habe Patrick davor gewarnt, in die rechte Szene abzurutschen.

Die Mutter nervt als Zeugin, weil sie wiederholt behauptet, „andere Sorgen zu haben“. Ein naher Angehöriger sei gestorben, sie habe einen Herzinfarkt, es gebe den Vorwurf, der leibliche Vater habe ihre Tochter missbraucht. Trotzdem müssen sie hier die Wahrheit sagen, antwortet spontan eine Nebenklägervertreterin. Kein Augenblick des Innehaltens im Saal. Die Zeugin fügt dann noch eine zweite Episode über Zschäpe hinzu, der sie alle eigenen Probleme erzählt habe, und von deren Leben sie doch nur wenig wisse: Drei Tage vor dem Selbstmord der beiden Uwes sei ihre Freundin zum letzten Mal bei ihr gewesen. Da sei Zschäpe bedrückt gewesen, als ob sie etwas erzählen wollte. Was sie dann doch nicht getan habe.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bomben- anschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe.


Neonazi-Terror
Der Terror der Neonazis vom Zwickau.

Die Gewalttaten der Neonazis der Zwickauer Zelle: Zeittafel, Orte des Geschehens und die Terror-Folgen in Bildern.

Spezial

Die große Aufbereitung des Nationalsozialismus: Rückblick auf den Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main.

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Video
FR-Themen
Zeitunglesen macht klug - Rundschau-Lesen macht klüger.

Unbequeme Recherchen, aufgedeckte Skandale: Die FR legt den Finger in Wunden. Journalistische Höhepunkte aus sechs Jahrzehnten.

Textimport

Verfolgen Sie unsere Nachrichten in Ihrer Lieblingsdarstellung - via RSS-Feed. Für Ihren Windows-PC bieten wir sogar einen kostenlosen Newsreader an. Informationen im Digital-Bereich.

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Spezial

Überwachung durch den Staat, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?