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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

23. Mai 2013

NSU-Prozess: Das Ansehen Beate Zschäpes

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Beate Zschäpe: Ein Allerweltsgesicht.  Foto: dpa

In vielen Berichten ist Beate Zschäpe die Nazi-Braut, Gesicht des braunen Terrors. Viele vergessen: Sie ist auch ein Mensch, der solange als unschuldig zu gelten hat, bis das Gegenteil bewiesen ist.

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Auch nach den ersten Verhandlungstagen im Münchener NSU-Mordprozess ist nicht klar zu erkennen, wer auf der Anklagebank im Oberlandesgericht Platz genommen hat – eine eiskalte Nazi-Mord-Braut, das Gesicht des braunen Terrors, eine Bestie, eine Killerin oder die Angeklagte Beate Zschäpe.

Natürlich fällt es schwer, vielleicht ist es sogar unmöglich, in einem aufwühlenden Mordprozess wie diesem die Hauptangeklagte nüchtern zu betrachten, dafür erscheinen die ihr zur Last gelegten Verbrechen zu monströs. Doch darf nicht die Monstrosität eines Verbrechens über die Einhaltung menschenrechtlicher Garantien für den mutmaßlichen Verbrecher entscheiden. Noch in kaum einem anderen Strafverfahren der jüngeren Zeit wurde die Unschuldsvermutung in der Öffentlichkeit so beiläufig, so selbstverständlich zur Seite geschoben wie in diesem.

Vor 65 Jahren hat die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen die Unschuldsvermutung sehr schön definiert: „Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.“ Das ist genau so gemeint, wie es geschrieben ist: Jeder Mensch ist bis zu seiner rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig „anzusehen“, also wie jedermann, wie einer von uns.

Bürgerliche Wohlanständigkeit

Beate Zschäpe hat – von ihren Verteidigern beraten – alles getan, um ihr Angesehen-Werden als Unschuldige der Öffentlichkeit zu erleichtern. Sie bewegt sich im Gerichtssaal wie jedermann, sie lacht wie jedermann, sie kleidet sich, sie schaut wie jedermann. Aber das hilft ihr nichts, im Gegenteil, ihr sorgfältiges Bemühen, wie jedermann zu wirken, wird nicht nur in der Boulevard-Presse als bemühte Sorgfalt der Nazi-Braut interpretiert, sich im Kostüm bürgerlicher Wohlanständigkeit heimtückisch zu verbergen.

Zschäpe betritt den Gerichtssaal in schwarzem Hosenanzug, weißer Bluse und mit schwarzen Schuhen: „Der Teufel hat sich schick gemacht“ (Bild). Zschäpe verschränkt die Arme: „Nazi-Braut in Hitler-Pose.“ (die türkische Zeitung Habertürk). Zschäpe lässt sich fotografieren: „Sie schien sich im Glanz der Kameras zu sonnen und genoss es offenbar, im Mittelpunkt zu stehen.“ ( Anwalt einer Opferfamilie im Interview). Zschäpe lässt sich nicht fotografieren: „Nazi-Braut Beate Zschäpe hat inzwischen Routine, den Fotografen die kalte Schulter zu zeigen.“ (Bild) Zschäpe lässt sich von ihren Anwälten ein Pfefferminzbonbon reichen: „Frechheit“ (die türkische Zeitung Yeni Safak). Zschäpe lacht: „Diese Kälte, diese Leichtigkeit.“ (Bild) Zschäpe lacht nicht: „Emotionslos.“ ( Kölner Express)

"Ein Allerweltsgesicht"


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Das Bild, das Beate Zschäpe der Öffentlichkeit von sich zeigt, ist das Bild einer Unschuldigen. Und es ist gerade dieses Bild, das das Urteil der Öffentlichkeit über Beate Zschäpe als emotionslose Bestie unwiderruflich bestätigt. Ernst Elitz, Kolumnist der Bild-Zeitung, hat in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen etwas sehr Dummes und etwas sehr Vernünftiges zum NSU-Prozess geschrieben. Der erste Satz über Zschäpe lautet: „Das Böse hat ein Gesicht.“ Das ist fürchterlich dumm, denn das Böse gibt es so wenig wie das Gute, die Hölle und das Paradies, und so gibt es auch kein Gesicht, in dem es sich manifestieren könnte.

Im zweiten Satz aber (der kein Satz, sondern ein Bild-Satz ist) heißt es: „Ein Allerweltsgesicht.“ Das trifft es, und das ist es, was die Öffentlichkeit Zschäpe nicht verzeiht. Wer sie ansieht, entdeckt keine Terroristin, sondern die Allerweltsaugen, den Allerweltsmund und die Allerweltsstirn Zschäpes – ihr Allerweltsgesicht. Nichts an ihm, nichts an Zschäpe verrät etwas über die Person. Je unauffälliger sie sich benimmt, desto unerklärlicher und vor allem bedrohlicher wirkt sie. Denn wenn jemand wie ihr, die als Sachbearbeiterin oder als Busfahrerin nicht auffallen würde, die planmäßige Auslöschung von zehn Menschenleben zuzutrauen ist, dann sind wir vor nichts und vor niemandem sicher. Nicht das Böse hat ein Allerweltsgesicht – jeder hat ein Allerweltsgesicht.

Eitle Verschwörungstheorien

Vermutlich werden noch Jahre vergehen, bis das Urteil der Justiz über Beate Zschäpe gesprochen ist. Das Urteil der Öffentlichkeit ist hingegen längst verkündet, unwiderruflich. Und weil es zur Begründung bisher an Tatsachen fehlt – Zschäpe hat sich im Prozess mit keinem Wort geäußert, Zeugen wurden noch nicht vernommen, lediglich die Anklage wurde verlesen – werden Verschwörungstheorien als Tatsachensurrogate nobilitiert.

Mit einem besonders prächtigen Exemplar ist der Rechtsanwalt und Schriftsteller Georg Oswald in der Welt hervorgetreten. Zwar ist ihm nichts am Aussehen und Auftreten Beate Zschäpes aufgefallen, aber ein Foto mit ihr und ihren drei Anwälten („Smarte, entschlossene Anzug- und Kostümträger“), die Wolfgang Heer, Wolfgang Sturm und Anja Stahl heißen. Bei Oswald heißen sie „Stahl, Heer, Sturm“, was daran liegt, dass seine Beweisführung nicht mit den Vor-, sehr wohl aber mit den Nachnamen gelingt. Oswald schreibt: „Wenn sich nun aber die Hauptangeklagte des NSU-Prozesses ein Verteidigerteam aus der ganzen Republik mit den Nachnamen Heer, Stahl und Sturm zusammenstellt, liegt die Vermutung ziemlich nahe, dass sie uns etwas damit sagen will.“

Und was will Beate Zschäpe damit sagen? „Hohn ist...ein Gestaltungsmittel rechtsradikaler Symbolik, die immer wieder sehr geschickt zum Einsatz gebracht wird.“

Aber die Verhöhnung des Menschenverstands ist keine Spezialität rechtsterroristischer Nazi-Bräute, sondern offenbar auch schreibender Rechtsanwälte. Der Mann heißt nicht zu Unrecht Oswald. So hieß auch der Mörder Kennedys. Mehr muss nicht gesagt sein.

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