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31. März 2014

NSU-Prozess: Das Schweigen der Beate Zschäpe

 Von Mirko Weber
Beate Zschäpe.  Foto: dpa

Die Strategie der Angeklagten Beate Zschäpe macht den Münchner NSU-Prozess zur Geduldsprobe. Denn nur sie könnte für Aufklärung sorgen.

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München –  

Oberlandesgericht Nymphenburgerstraße, hinter dem Bürgerbräukeller im Stadtteil Haidhausen, wo Adolf Hitler nach dem Attentatsversuch Georg Elsers tobte. Stadteinwärts der Königsplatz, wo das Braune Haus stand. Geschichte auf einen Blick. Sehr viel Geschichte.

Neun Uhr dreißig. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag – bis in den späten Nachmittag hinein. Das ist der Rhythmus beim NSU-Prozess. Die Kontrollen sind umständlich, der Platz mitunter knapp, man muss früh da sein. Acht Uhr dreißig also. Es ist ein grauer Tag, der Himmel fleckig wie ein alter Wollmantel. Vor der gelben Schranke am Einlass stehen zwei neue Publikumsgesichter. Man kennt sich jetzt längst vom Sehen auf der Tribüne unter dem Dach in Saal A 101: es gibt Dauergäste, Zaungäste, Schulklassen, Rentnerzirkel. Ob man wohl rein käme, fragen die beiden. „Keine Sorge“, sagt ein Prozessveteran (97. Tag), der hinter ihnen steht. „Es ist nichts los heute.“ Nichts los heißt, dass ein paar Plätze frei bleiben. Vor der zweiten Tür des Gerichts stehen zwei der drei Anwälte von Beate Zschäpe, Anja Sturm und Wolfgang Stahl. Sie rauchen um die Wette.

Das Seltsame, auch Befremdliche an diesem NSU-Prozess in München ist, dass man sich irgendwann gewöhnt an die Umstände. Für Zuschauer (50) und Berichterstatter (50) gibt es in einem Seitengang vier Pausenwege: Richtung Toilette, Kaffeeautomaten, Wasserspender und einen Tisch, drauf liegen in Plastikfolie eingeschweißten Semmeln. Man lässt sein Geld liegen. Die Kantine baut auf Ehrlichkeit. Unter Neon steht dort, wer nicht sitzt. Fünfzig Quadratmeter Fläche vielleicht. Polizisten ringsum. Dahinter ist die Gerichtswelt mit Brettern zugenagelt.

Unten im Saal, wo die Nebenkläger sitzen, links die Angeklagten mit ihren Verteidigern, rechts die Bundesanwaltschaft und vorne, an der Stirnseite, das Gericht (sieben Richterinnen und Richter und der Vorsitzende, Manfred Götzl), beginnt der Prozess immer zu spät, kurz vor zehn Uhr, wenn es gut geht. Das liegt auch an den Fotografen, die noch nicht aufgegeben haben. Sie passen den Moment ab, in dem Beate Zschäpe den Saal betritt.

Ein paar Sekunden sieht man ihr verschlossenes Gesicht von vorne, dann erstmal nur noch ihren Rücken. Jeder Tag beginnt mit dieser Prozedur. Zschäpe dreht sich hinter ihrem Stuhl um, wirft die Haare in den Nacken und beginnt, mit Wolfgang Heer zu reden, ihrem dritten Anwalt. Manchmal reden alle drei Anwälte auf Zschäpe ein. Betont heiter.

Neben und hinter Zschäpe sitzen die wegen Beihilfe angeklagten André E. (schweigt), der NPD-Mann Ralf Wohlleben (schweigt auch), Holger G. und Carsten S.

Holger G. hat seine kurze Aussage am Anfang vom Blatt abgelesen. Carsten S., der einzige, der ausführlich redete, hat die Übergabe der Pistole Ceska 83 an Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zugegeben (wofür er Geld von Ralf Wohlleben bekommen haben will). Mit der Ceska sind nachweislich neun der zehn Morde an Migranten verübt worden. Weiterhin verhandelt werden zwei Sprengstoffanschläge, schwere Brandstiftung, 15 Raubüberfälle und der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn. Es ist nicht so, dass man je vergisst, was hier in Rede steht, auch nach hundert Tagen nicht, aber die Dimension des Ganzen gerät einem schon mal aus dem Sinn. Dann erschrickt man.


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Dreimal grüßt der Richter: „Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen. Nehmen Sie bitte Platz.“ Götzl prüft, auch dies im immer gleichen Takt, die Präsenz: „Herr Rechtsanwalt Alkan…, Herr Rechtsanwalt Götze, Frau Rechtsanwältin Lex.“ So geht es weiter. „Martinek, Mohammed, Müller-Laschet. Rabe, Singer, Wilms, Wolf.“ Mit der Zeit hört man sofort, wenn einer fehlt. Es sind mehr als 50 Vertreter der Nebenklage. „Dann fahren wir fort“, sagt Manfred Götzl.

Prozesstage wie der kommende hundertste am 1. April lösen bei allen Unbeteiligten außerhalb des Saals und generell in der Öffentlichkeit den Reflex aus, es ließe sich, wo nun schon der Termin ein runder ist, plausibel machen, an welchem Punkt die Verhandlung steht. Wie weit sie ist.

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