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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

27. Februar 2015

NSU-Prozess: Die Helfer schweigen

 Von Harald Biskup
Beate Zschäpe, Hauptangeklagte im NSU-Prozess, erhofft sich Entlastung durch ehemalige Nazi-Kameraden.  Foto: dpa

Im NSU-Prozess stellen sich die einstigen Kumpel von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos vor das Terrortrio. Angebliche Ahnungslosigkeit bestimmt das Auftreten der Zeugen aus dem rechtsradikalen Milieu. Der Korpsgeist scheint weiter zu funktionieren.

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München –  

Bei soviel Dreistigkeit verschlägt es sogar dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl vorübergehend die Sprache – und der hat an fast 190 Verhandlungstagen im NSU-Prozess schon viel Kaltschnäuzigkeit bei Zeugen aus dem rechtsradikalen Milieu erlebt. Da besitzt doch ein 40-jähriger Mechaniker aus Chemnitz, der zu den Urgesteinen der dortigen Neonazi-Szene gerechnet wird, bei seiner Vernehmung vor dem Oberlandesgericht München die Chuzpe zu behaupten, er kenne das Kürzel NSU bloß aus den Medien. „Mir sind die drei Buchstaben lediglich als Hersteller von Autos und Motorrädern bekannt und als Kurzform von Neckarsulm.“

Andreas G. tritt im Kapuzenpulli auf, einer Art Einheitsuniform der vor Gericht auftretenden ehemaligen Unterstützer und Kumpel aus dem Umfeld des NSU. In einschlägigen Kreisen ist er besser bekannt unter dem Spitznamen „Mucke“. Den erklärt er damit, dass er in Neonazi-Bands gespielt hat, die er konstant „Kapellen“ nennt. Die Gruppen trugen so unzweideutige Namen wie „Auf eigene Gefahr“ (AEG) oder „Noie Werte“. Der Terror-Zelle, deren Abkürzung der Zeuge nur als Motorenwerke kennen will, gefielen seine Songs offenbar so gut, dass sie zwei Lieder als Begleitmusik für eine Version ihrer Bekenner-DVD ausgewählt hatte. Zum Soundtrack ihrer Morde sozusagen.

Ahnungslos gibt sich Andreas G. auch, als Richter Götzl ihn nach „den 88ern“ fragt, einer Chemnitzer Skinhead-Vereinigung. Keck behauptet er, das sei „bloß so ein Symbol gewesen, das viele junge Leute auf ihrer Jacke trugen. Ich hatte auch so eine Jacke, das sah einfach schick aus.“ Hohngelächter gibt es im Zuhörerraum, als der Zeuge seine ganz eigene Version der Bedeutung von „88“ zum Besten gibt: Das solle ausdrücken, dass es schon 1988 Skins in Chemnitz gegeben habe. Dabei ist längst Allgemeingut, dass „88“, wegen der Reihenfolge im Alphabet, der Neonazi-Code für „Heil Hitler“ ist.

Entlastung durch frühere Weggefährten

Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos will G. ebenso wie den Angeklagten Ralf Wohlleben „nicht mal namentlich“ gekannt haben. Beate Zschäpe sei in den späten 90er Jahren mit einem gewissen Thomas S. liiert gewesen, der zu seinem Freundeskreis gehört habe. „Da ist man sich zwangsläufig mal über den Weg gelaufen. Da hat man Hallo gesagt, aber mehr war da nicht.“ Nur so viel sagen, wie eben unvermeidlich ist, sich auf Erinnerungslücken berufen und vor allem alte Kameraden schützen: Der Korpsgeist scheint weiter zu funktionieren – auch bei anderen Zeugen aus dem Neonazi-Milieu.

Holger G., ebenfalls angeklagt im NSU-Prozess, verbirgt sein Gesicht vor den Kameras.  Foto: REUTERS

Geladen ist G. auf Antrag der Verteidigung von Wohlleben, die sich von früheren Weggefährten eine Entlastung ihres Mandanten versprochen hat. Und so nimmt ihn Anwalt Olaf Klemke – erfolglos – in die Mangel, fragt nach seiner Funktion bei „Blood and Honour“. Technik und Equipment, antwortet G. knapp. Für Security sei Thomas S. verantwortlich gewesen. Was auf dessen T-Shirt gestanden habe? „Saalschutz“. In Fraktur oder in lateinischen Buchstaben? „Fraktur“. Und wie stand es mit seiner damaligen politischen Einstellung? „Das, was die meisten als rechtsradikal bezeichnen würden.“

Streit im Prozess

Vertreter der Nebenklage und Bundesanwalt Herbert Diemer sind am Donnerstag im NSU-Prozess massiv aneinandergeraten. Die Anwälte der Familie Yozgat, deren Sohn Halit 2006 in Kassel erschossen wurde, beantragten, den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier und Bayerns Ex-Regierungschef Günther Beckstein zu befragen. Es geht um den Verdacht, der hessische Verfassungsschutz habe vor dem Mord Bescheid gewusst, dass etwas geschehen werde. Diemer warf den Anwälten eine „Medieninszenierung“ vor. Das Gericht hat über die Anträge noch nicht entschieden. (dpa)

Die Zwillingsbrüder F. firmieren in der Szene nur als „die Geklonten“. Sie haben Beate Zschäpe und „den beiden Uwes“ zu einem Unterschlupf verholfen, als die drei von der Polizei gesucht wurden. Gunter F., 37, Metallbauer, schildert den Transfer des Trios in die Wohnung einer Szene-Freundin, als habe er flüchtige Bekannte zum Bahnhof chauffiert. Warum das Trio vorübergehend von der Bildfläche verschwinden musste, habe er „nicht weiter hinterfragt“. Nach einem Frage-Marathon gibt er schließlich Besuche zu und wartet er mit der Begründung auf, man habe dem Trio „ein bisschen Abwechslung“ bieten wollen.

Wenn es konkret wird, wird F. wortkarg. Schon möglich, dass Zschäpe und ihre Komplizen mal auf Gegenbesuch waren. „Bei mir sind viele Leute aus- und eingegangen.“ Dafür, dass er die drei Untergetauchten nur flüchtig gekannt haben will, hat er viel Unterstützung geleistet. Zum Beispiel, indem er einem „der beiden Uwes“ (vermutlich Böhnhardt) mit Hilfe seines Personalausweises zu einem gefälschten Reisepass verhalf.

Böhnhardt hatte sich auch mehrfach Bahncards ausstellen lassen, die sein Foto zeigten, aber auf den Namen von F. lauteten.

Richter Götzl konfrontiert den Zeugen auch mit einer Namensliste, auf der minuziös Angaben zu seinen Eltern und allen vier Geschwistern aufgeführt sind – offenbar um Böhnhardt zu einer zeitweiligen neuen Identität zu verhelfen. Es sei „völlig unglaubwürdig“ , konstatiert eine entnervte Nebenklage-Anwältin von der Behrens, dass über diese Liste nicht geredet worden sei. Er könne sich „nicht mehr an alle Dialoge entsinnen, „die ich vor 17 Jahren mit meinem Bruder geführt habe“, sagt F. Vermutlich eine der ehrlichsten Antworten der langen Vernehmung, in deren Verlauf er sich wie von einer unsichtbaren Regie leiten lässt, alte Kumpane zu decken und nur das Unvermeidliche preiszugeben.

Angeklagter Ralf Wohlleben im Gerichtssaal im Oberlandesgericht in München (Bayern).  Foto: dpa

An dieses Prinzip hält sich auch der Kunststoff-Schlosser Jörg W.. Er räumt immerhin ein, seit 1998 der Division Sachsen von „Blood and Honour“ angehört zu haben – mit dem Standard-Hinweis, das sei eine harmlose „Musikbewegung“ gewesen. Unbeirrt nennt er Chemnitz in breitem erzgebirgischen Tonfall mehrfach Karl-Marx-Stadt. Minuten später erscheint der Mann, der eben noch behauptet hatte, Waffen seien „nie ein Thema“ gewesen, nicht mehr so harmlos, als er plötzlich als Lieferant jenes Sprengstoffs dasteht, der später in einer als Bombenwerkstatt genutzten Garage des NSU-Trios in Jena gefunden wird. Von Thomas S., der das TNT später an Zschäpe & Co. weitergegeben hat, sei er angesprochen worden. „Ich hatte zufällig was da, und das hab ich ihm gegeben.“ Als hätte er einem Freund mit einem Eimer Farbe fürs Renovieren ausgeholfen.

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