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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

12. Januar 2014

NSU-Prozess: Lilly, Heidi und der Faschismus

 Von Tom Schimmeck
Früher braun heute lila: die Angeklagte Beate Zschäpe.  Foto: dpa

Im Prozess gegen die NSU-Terroristen verstört vor allem eins: die blümchenspießige Fassade der Neonazis.

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Wenn uns die Welt da draußen mal wieder allzu fremd, zu kompliziert, bedrückend und bedrohlich wird, flüchten wir ins Vertraute, vermeintlich Berechenbare. Wir schließen die Vorhänge, frönen dem Hobby, ziehen uns in die Stammkneipe zurück, aufs Sofa oder gleich ins Bett. In unsere Kernwelt, unsere Heimat, die uns überschaubarer und bequemer vorkommt, beruhigend normal und – ein Seufzer – ach so gemütlich.

Wenn es hart auf hart kommt, werden wir spießig. Hoffen so, das Böse auf Distanz halten zu können. Dieses Monstrum, dieser Dämon. Denken wir.

Woran ich immer weniger glaube, seit ich, aus sicherer Ferne, den NSU-Prozess verfolge. Letzte Woche lief er wieder an, der unheimliche Marathon in Schwurgerichtssaal 101 des Strafjustizzentrums München. 72. Verhandlungstag. Und wird wohl noch das ganze Jahr weitergehen.

Vieles schockiert hier: Der brutale Serienmord an Menschen, die aus der Türkei und Griechenland hierher kamen und sich ein Leben aufbauten. Das Leid ihrer Familien, verschärft und verlängert durch ein kolossales Versagen von Polizei und Verfassungsschutz. Das Verstörendste für mich aber ist die Spießigkeit dieser Killerwelt. Die Fotos von den Campingferien auf Fehmarn. Mit Kaffeemaschine und Fernseher. Mit Einkaufsbummel und Spieleabend. Beate und ihre beiden Jungs. Getarnt als Liese, Max und Gerry. Braungebrannt. Sportlich. „Sie hat die Männer regelrecht bemuttert“, sagte eine Zeugin. Alle waren so „lieb“ zu den Kindern. Und „hundertprozentig korrekt“ im Straßenverkehr. So wild lebt es sich im Untergrund.

Rinderrouladen sind ihre Spezialität. Überhaupt wird gern gegrillt, gekocht und gebacken. Auch zu Hause. Hinter Rüschengardinen und Blumenkästen. Mit Dr. Oetkers „besten Backrezepten“. Das habe so appetitlich gerochen, sagten die Zwickauer Nachbarn. Sie tauften Beate Zschäpe „Diddl-Maus“. Als die das heimelige Nest abfackelte, drückte sie einer Anwohnerin noch schnell zwei Körbchen mit ihren Kätzchen in die Hand – Lilly und Heidi.

Die Angeklagte schweigt seither, sagt vor Gericht nicht mal Ja oder Nein. Das Reden übernehmen ihre Anwälte Stahl, Heer und Sturm. Herrje, diese strammen Namen. Von Beate Zschäpe alias Bärbel, Silvia, Mandy usw. kennen wir nur Versatzstücke. Eine holprige Familiengeschichte. Die fröhliche Bravo-Leserin. Ihre kitschig-naiven Comic-Zeichnungen am Rande eines Briefes: Entlein, Schäfchen. So niedlich. Das fiese Vermächtnisvideo der NSU kam bekanntlich als Pink-Panther-Story daher.

„Der Teufel hat sich schick gemacht“, kreischte „Bild“, das Fachblatt für niedere Instinkte, als die Angeklagte erstmals vor Gericht erschien. Wie um die Dame im Hosenanzug auf Distanz zu halten. Wie sieht das Böse wirklich aus? Zu normal. Manch Beobachter fühlte sich gleich an Hannah Arendts Satz von der „Banalität des Bösen“ erinnert, einst geschrieben im Angesicht des angeklagten Hanswurst Adolf Eichmann: „Er ist ein Spießer mit allem Anschein der Respektabilität, mit allen Gewohnheiten des guten Familienvaters...“.

Das vermeintlich so monströse Böse kommt manchmal so nah, dass wir uns in ihm spiegeln könnten. Das kann einem den Schlaf rauben. Sollte es gelegentlich auch. Glückselige Gemütlichkeit, ahnen wir, ist wohl ein Eckpfeiler des Faschismus.

Tom Schimmeck ist Autor.

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