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27. Januar 2015

NSU-Prozess: Polizei soll Zeugen eingeschüchtert haben

 Von Harald Biskup
Ein Plakat vor dem Oberlandesgericht in München erinnert an den NSU-Anschlag in Köln.  Foto: dpa

Erstmals seit im NSU-Prozess der Nagelbomben-Anschlag in der Kölner Keupstraße verhandelt wird, sagen zwei Zeugen aus, die den mutmaßlichen Täter Uwe Böhnhardt zur Tatzeit am Tatort gesehen haben. Einmal mehr wird deutlich, mit welchen Vorurteilen die Beamten in Köln ermittelten.

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München –  

Erstmals seit das Oberlandesgericht München im NSU-Prozess den Nagelbomben-Anschlag in der Kölner Keupstraße verhandelt, haben am Dienstag zwei Zeugen ausgesagt, die den mutmaßlichen Täter Uwe Böhnhardt zur Tatzeit am Tatort gesehen haben.

Die Rentnerin Gerlinde B. (63), damals Sparkassen-Angestellte in der Filiale am nahen Wiener Platz, war an jenem 9. Juni 2004 auf dem Rückweg von einem Fitness-Studio, als ihr auf einem Trampelpfad, den sie als Abkürzung benutzte, ein junger Mann entgegen kam, der sein offenbar nagelneues Fahrrad mit beiden Armen am geschwungenen Lenker so behutsam schob, dass es ihr merkwürdig vorkam. Ich konnte mir kein Reim darauf machen.“

Ihre Beschreibung ist detailliert, zum Beispiel dass die schwarze Hartschalenbox auf dem Gepäckträger „zu groß für ein Rad war“. Sie erinnert sich, dass der junge Mann verschwitzt gewesen sei und angespannt wirkte. Solche Details sind in dem Puzzle, dass der Staatsschutz-Senat zusammenzusetzen versucht, wichtig. Die bisher befragten Opfer des Anschlags konnten zu den mutmaßlichen Tätern keine verwertbaren Angaben machen.

Die Zeugin Gerlinde B. hat auf Nachfragen des Vorsitzen Richters Manfred Götzl keinen Zweifel, dass es sich bei dem jungen Mann in bläulichem T-Shirt und Radlerhose und mit Käppi um Uwe Böhnhardt gehandelt habe. „Er ist Jahrgang 1977, genau wie mein Sohn und keineswegs unansehnlich.“

Protest vor dem Münchner Oberlandesgericht: Hier wird der Prozess um die Morde und Terroranschläge des NSU fortgesetzt.  Foto: dpa

Als ihr die Polizei damals Sequenzen, eingefangen von einer TV-Kamera, vorspielte, sei sie sich nicht sicher gewesen, ob sie dem darauf zu sehenden Mann begegnet war. Doch als sie 2011 nach dem Auffliegen des NSU-Trios im Fernsehen ein Foto von Böhnhardt gesehen habe, „hat das bei mir heftige Reaktionen ausgelöst, denn ich habe ihn sofort wiedererkannt.“

Auf Fragen der Nebenklage erinnert sie sich, dass die Polizei sie nach dem Anschlag gefragt habe, ob der flüchtige Mann mit dem Fahrrad „wie ein Türke oder Kurde ausgesehen“ habe. Aus ihrem Umgang mit Sparkassen-Kunden könne sie definitiv ausschließen, dass der Mann Türke sei.

Ginge es nicht um ein so bedrückendes Ereignis, müsste man dem Auftritt des Zeugen Alexander P. einen gewissen Unterhaltungswert bescheinigen. Der Richter, sonst in diesem Verfahren ausgesprochen sensibel und rücksichtsvoll im Umgang mit Zeugen, tut sich sichtlich schwer mit der rheinisch-lockeren Art des Kölner Feuerwehrmanns.

Zeugen schildern Angstzustände

Am fraglichen Tag hatte P. sein Motorrad in einer Mülheimer Werkstatt aus der Reparatur abgeholt und wollte gerade losfahren, als ein Radfahrer „mit einem irren Tempo wie von der Tarantel gestochen auf ihn zukam. Ihm stand die Panik ins Gesicht geschrieben, er wirkte enorm gestresst. Fast wäre es zum Crash gekommen.“

Deswegen habe er dem Unbekannten „noch einige schmutzige kölsche Worte hinterhergerufen.“ Am nächsten Morgen habe er ihn auf einem Zeitungsfoto, das vermutlich Böhnhardt zeigt, sofort wiedererkannt.

Der Zeuge kann den Mann sehr präzise beschreiben. Er habe eine selbsttönende Brille mit Goldfassung getragen, habe „gut situiert“ auf ihn gewirkt, das Rad, die Fahrradtasche und der Naben-Dynamo seien hochwertig gewesen, das könne er als passionierter Radler beurteilen. Allerdings hatte er den Mann, „der mit Trekking-Hose und mit Römer-Sandalen an mir vorbeirauschte, älter geschätzt. Uwe Mundlos war damals 27 Jahre alt.

Gleich in seiner ersten und (für ihn bis heute unverständlich) einzigen Vernehmung durch die Polizei habe er ausgesagt, er sei hundertprozentig sicher, dass der Mann keine ausländischen Wurzeln habe. Merkwürdig sei ihm vorgekommen, dass die Beamten hätten wissen wollen, „warum ich in der Umgebung des Tatorts war, und sie haben sich auch für meine politische Ausrichtung interessiert. Ich hatte das Gefühl, sie hielten mich für den Bombenleger.“

Ein Polizist sichert in Köln die Spuren des NSU-Anschlags in der Kölner Keupstraße (Archivbild).  Foto: dpa

Um zu beschreiben, welches verheerende Bild sich ihnen in der Keupstraße nach der Explosion der Bombe bot, benutzen die Zeugen unterschiedliche Metaphern. „Es war wie nach einem Erdbeben“, führte der Kaufmann Arif S. gestern aus. Deutlicher als andere Opfer des Terror-Anschlags schilderte S. Angstzustände, die die offenbar in harschem Ton geführten polizeilichen Vernehmungen bei ihm ausgelöst hätten.

Wie bereits zahlreiche andere Zeugen berichtete er, er sei im Zusammenhang mit der Frage, wer hinter der Tat stecken könnte, auf Schutzgeld-Erpressungen und sogar auf die Hisbollah angesprochen worden. „Ich weiß, dass es Rassisten oder Neonazis waren“, habe er gekontert, worauf die Beamten ihn mit eindeutiger Geste („einer machte das Pssst-Zeichen“) aufgefordert hätten, diese Vermutung zu vergessen und zu schweigen.

Auch andere Geschädigte gaben an, von den ermittelnden Polizisten massiv eingeschüchtert worden zu sein. Beim Verhör hätten sie gezittert. Ebru. A (35), die in der Keupstraße einen Schmuckladen betrieb, berichtete von einer „großen Leere“ nach dem Anschlag. „Wir wussten nicht, was das zu bedeuten hatte.“

Mehrere Zeugen gaben an, sie hätten trotz psychischer Belastungen keinen Arzt oder Therapeuten aufgesucht – aus Angst, mit der Tat in Verbindung gebracht zu werden.

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