Bei den Ermittlungen zur NSU-Terrorzelle hat es gleich zu Beginn eine bislang unbekannte Fahndungspanne gegeben. Das geht aus Unterlagen des Bundeskriminalamtes hervor, die diese Zeitung einsehen konnte. Danach hatte die Thüringer Polizei in dem am 4. November 2011 in Eisenach ausgebrannten Wohnmobil der mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt einen Rucksack offenbar nicht gründlich genug durchsucht.
So entdeckten die Beamten zwar im Inneren des Rucksacks einen größeren Geldbetrag aus einem früheren Bankraub sowie Munition. Eine Innentasche, in der sich DVDs mit dem NSU-Bekennervideo befanden, übersahen sie jedoch laut den Ermittlungsakten.
Erst einen knappen Monat später, am 1. Dezember 2011, entdeckten BKA-Beamte offenbar bei einer Nachuntersuchung des Rucksacks die Innentasche. Sie fanden darin sechs DVDs, die in durchsichtigen Kunststoffhüllen verpackt waren. Alle Scheiben trugen den Aufdruck des inzwischen bekannten sogenannten Bekennervideos des NSU. Darin werden die Ceska-Morde in einer zynischen Collage aus Zeichentricksequenzen der Cartoon-Serie „Paulchen Panther“ und Fotos von den Tatorten als eine gegen Migranten gerichtete terroristische Anschlagsserie des NSU dargestellt.
Die brisante Entdeckung im Rucksack aus dem Wohnmobil ist bis heute nahezu unbekannt. Stattdessen hieß es offiziell stets, dass die Bekennervideos lediglich im Brandschutt der Zwickauer Wohnung des Trios sowie in Briefumschlägen aufgefunden wurden, die Beate Zschäpe auf ihrer Flucht nach dem 4. November abgeschickt haben soll.
Dass der Rucksackfund dagegen bislang fast unerwähnt blieb, mag daran liegen, dass die Fahndungspanne für die Terrorermittlungen nicht folgenlos geblieben ist. Das verdeutlicht ein Rückblick auf die damaligen Geschehnisse, der sich an der offiziellen Darstellung der Ermittler orientiert:
Am 4. November 2011 werden die Leichen von Mundlos und Böhnhardt in einem ausgebrannten Wohnmobil in Stregda bei Eisenach entdeckt. Drei Stunden nach ihrem Tod, gegen 15 Uhr, brennt die Wohnung des Zwickauer Trios in der Frühlingsstraße. Zschäpe flieht, stellt sich erst am 8. November der Polizei.
Wären die Bekennervideos in dem Rucksack aber schon am 4. oder 5. November entdeckt worden, hätte sich den Beamten auch deutlich früher der terroristische Hintergrund der Taten erschlossen. Dann hätten auch die erst am 10. November einsetzenden umfangreichen Fahndungs- und Ermittlungsmaßnahmen der Bundesanwaltschaft wohl schon vier bis fünf Tage früher begonnen.
Inwieweit diese Zeitverzögerung die Ermittlungen beeinträchtigt hat, lässt sich aus heutiger Sicht schwer abschätzen. Wenn es aber weitere Helfer oder gar mögliche Mitglieder des NSU gegeben haben sollte, hätten diese zumindest mehrere Tage Zeit gehabt, Spuren zu verwischen
Allerdings wirft der Fund der Bekennervideos im Wohnmobil auch noch weitere Fragen auf. Warum etwa hatten Mundlos und Böhnhardt diese DVDs überhaupt mitgenommen, wenn sie doch nur einen Bankraub in Eisenach durchführen wollten? Die DVDs könnten ein weiterer Hinweis darauf sein, dass die Gruppe sich möglicherweise trennen wollte oder einen Umzug in ein neues Domizil plante.
Dafür spricht auch der Umstand, dass die beiden Männer insgesamt acht Waffen sowie mehrere Zehntausend Euro aus früheren Banküberfällen im Fahrzeug mitführten. Vielleicht wollten sie nach dem Überfall in Eisenach diese Gegenstände an die neue Adresse schaffen.
Und dann lassen die Fotos aus der BKA-Ermittlungsakte noch eine weitere merkwürdige Auffälligkeit erkennen: Der Rucksack mit der verräterischen Bankraubbeute und den DVDs lag Fotos aus der Akte zufolge auf dem hinteren oberen Schlafplatz des Wohnmobils auf mehreren Bekleidungsstücken.
Matratze und Textilien weisen deutliche Schmutzspuren auf, verursacht offenbar von dem durch die Hitzeeinwirkung geschmolzenen Plexiglasfenster über dem Bett. Der darauf liegende Rucksack jedoch ist so gut wie fleckenlos.
13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bomben- anschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe.
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