Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

01. November 2012

Ombudsfrau Barbara John: "Die Angehörigen sind schwer enttäuscht"

Barbara John, 74, Ombudsfrau für die Angehörigen der NSU-Opfer. Foto: dapd

Opfer-Ombudsfrau Barbara John beklagt Mängel bei der Aufklärung der NSU-Morde. Es entstehe im Untersuchungsausschuss der Eindruck, dass die Behörden eher eigenen Interessen folgen und sich selbst schützen wollen.

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Opfer-Ombudsfrau Barbara John beklagt Mängel bei der Aufklärung der NSU-Morde. Es entstehe im Untersuchungsausschuss der Eindruck, dass die Behörden eher eigenen Interessen folgen und sich selbst schützen wollen.

Als Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer hat Barbara John (CDU), einst Berliner Ausländerbeauftragte, täglich Kontakt mit den Angehörigen. „Sie suchen vor allem Hilfe im Umgang mit Behörden“, sagt sie und fordert weniger bürokratische Hürden bei der Unterstützung der Opferfamilien.

Frau John, wie haben die Angehörigen das Jahr, seit die Zwickauer Zelle aufgedeckt wurde, erlebt?

Es hat sie sehr erleichtert, dass die Öffentlichkeit nun weiß, dass sie die unschuldig Geschädigten sind. Die Vermutung der Sicherheitsbehörden, dass die Taten aus dem Einwanderermilieu begangen wurden, hat sie stark belastet. Darum war die Gedenkveranstaltung im Februar in Berlin so wichtig für sie, weil die Kanzlerin das vor der ganzen Nation klarstellte – und versprach: Bund und Länder werden alles tun, um die Taten aufzuklären und alle Mittäter zur Verantwortung zu ziehen. Leider kam es nicht so. Die Aufklärung zieht sich quälend hin und bringt Erkenntnisse über unvorstellbare Versäumnisse und Vorurteilslastigkeit der Ermittler. Das hat die Angehörigen schwer enttäuscht.

Hat das einen Heilungsprozess verhindert?

Man darf nicht vergessen: Einige Taten liegen ein Jahrzehnt zurück. Die belastendste Zeit war die nach dem Verlust des Angehörigen oder den schweren Verletzungen, die die Opfer in Köln erlitten. Damit mussten sie ganz allein fertig werden, das warf viele aus der Bahn. Der 4. November brachte eine wichtige Klarstellung – aber danach kamen leider Zweifel auf, ob die Frage je geklärt wird: Warum wir? Wie kam es dazu?

Konnte das Gefühl der Ausgrenzung, das damals durch die Morde, Verdächtigungen und die fehlende Anteilnahme in der Öffentlichkeit entstand, geheilt werden?

Einen geliebten Menschen zu verlieren, lässt sich nicht heilen, damit muss man ein Leben lang umgehen. Die große Aufmerksamkeit und nun wieder die vielen Medienanfragen an die Opfer, das ist für sie seelische Schwerstarbeit. Ein Hinterbliebener sagte mir: „Jedes Mal, wenn ich wieder darüber sprechen musste, bin ich für drei Tage krank.“

Ein Hinterbliebener der Möllner Morde von 1992 beklagt, die Medien blickten nur auf die Täter, kaum auf die Opfer. Sehen es so die meisten Angehörigen?

Ihnen ist klar, dass man sich nun für die Aufklärung interessiert, also die Täter. Die Ursache zu finden – für die Taten wie das Behördenversagen – ist ihnen wichtig. Den Untersuchungsausschuss empfinden sie als bedeutsam. Leider entstand der Eindruck, dass die Behörden eher eigenen Interessen folgen und sich selbst schützen wollen. Da muss sich in der Aufarbeitung noch sehr viel ändern.

Ist in der Einwanderergemeinde die Sicht anders als in den deutschen Medien?

Ja. Viele in der Community denken, die Behörden handelten rein vorurteilsgeprägt. Viele machten da ja schon eigene schlechte Erfahrungen. Verbreitet ist darum der Vorwurf: „Wären die Opfer deutsche Geschäftsleute oder Politiker gewesen, wäre alles ganz anders gelaufen.“

Hat also diese Aufdeckung, dass hinter den Morden Nazis standen, die sich gegen uns alle richten, die Migranten gar nicht mit der Mehrheitsgesellschaft zusammengeschweißt, sondern sie eher getrennt?

Ich denke nicht, dass sich die Trennung verstärkt hat. Aber auch die Enthüllungen des letzten Jahres prägten die Wahrnehmung: Wir sind für viele Behörden weniger wichtig als die Mehrheitsbevölkerung.

Fühlen die Hinterbliebenen sich wieder heimischer in Deutschland?

Das ist das Land, in dem sie leben und auch leben wollen. Darum wünschen sie sich am meisten, so etwas möge hier nie wieder geschehen. Noch läuft die Aufarbeitung, der Prozess steht erst noch an. Die Angehörigen hoffen, dass sich dieses Land nach der zweitschlimmsten Mordserie seiner Nachkriegsgeschichte nun wirklich ändert. Darauf hoffen und vertrauen sie.

Das Interview führte Steven Geyer.

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