An einem Donnerstag wird Halit Yozgat mit zwei Kopfschüssen in seinem Internetcafé in Kassel getötet. Er wurde 21 Jahre alt. Der Vater des Opfers findet ihn um 17 Uhr tot unter der Theke.
Heute wird der Mord dem Terrortrio Nationalsozialistischer Untergrund zugeschrieben. Schon damals erkannten die Ermittler, dass er Teil der bundesweiten Mordserie mit einer Ceska-Waffe war. Wenn der Täter in Kassel gefunden würde, so ihre Hoffnung, wäre der Verantwortliche für alle Bluttaten gefasst.
Neben dem Vater trifft die Polizei am Tatort fünf Kunden des Cafés an. Der einzige Zeuge, der zur Tatzeit oder ganz kurz davor im Internet-Café war und sich nicht meldet, ist Andreas T. Er hatte sich in eine Flirt-Hotline eingewählt – von 16.51 bis 17.01 Uhr. Die Ermittler stoßen rasch darauf, dass es sich um einen hauptamtlichen Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes handelt. T. wird in den Augen der Polizei zum Tatverdächtigen. Sie überprüfen sein Umfeld und stoßen dabei auch auf Kontakte zu Personen aus der rechtsextremen und der islamistischen Szene: Es sind sechs V-Leute, die von Andreas T. geführt wurden, die ihm also Informationen zusteckten. Mit dem rechtsextremen Informanten hat T. kurz vor der Tat telefoniert, mit einer anderen „Quelle“ kurz nachdem er das Café verlassen hat.
Im Geheimdienst rotiert man – denn ein Verfassungsschützer als Mordverdächtiger, das hat es in der Republik noch nicht gegeben. Die Geheimdienstler schauen ihre Akten durch, führen Gespräche. Und während die Polizei an eine heiße Spur glaubt, ist der Verfassungsschutz schon kurz nach der Tat sicher, dass T. nicht der Täter sein könne und sich die Polizei auf dem Holzweg befinde. Dort ärgert man sich, dass die Polizei Druck aufbaut, weil sie der falschen Spur hinterher renne. Durch das Ergebnis der Ermittlungen fühlen sich die Geheimdienstler bis heute bestätigt. Anders der Kasseler Chefermittler Gerald Hoffmann. Er macht im Bundestags-Untersuchungsausschuss erneut deutlich, dass die Aufklärung des Falles behindert worden sei.
Die Karten seien kartonweise in der Keupstraße in Köln-Mülheim unter die Leute gebracht worden, sagte am Mittwoch ein Sprecher der Stadt und bestätigte damit einen Bericht des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) kritisierte die Aktion als „in hohem Maße unsensibel“.
In der überwiegend von Türken bewohnten Keupstraße war 2004 eine Nagelbombe explodiert und hatte 22 Menschen verletzt. Die Polizei glaubte jahrelang an eine Abrechnung unter türkischen Kriminellen. Doch dann stellte sich im vergangenen Jahr heraus, dass die rechtsextremistische Terrorgruppe NSU den Anschlag verübt hatte.
Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums sagte in Berlin, in den vergangenen Tagen seien 200 000 solcher Karten in zehn deutschen Städten verteilt worden, darunter in Köln. Zu einzelnen Straßenzügen könne sie nichts sagen. Die Karten sollten in Verteilständern in Cafés und Kneipen kostenlos angeboten werden. Sie weisen auf eine Beratungsstelle beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hin, an die man sich wenden kann, wenn man bemerkt, dass sich jemand zum radikalen Islamisten wandelt. Die Form einer Vermisstenanzeige sei gewählt worden, weil man einen Menschen, der sich radikalisiere, nicht mehr wiedererkenne, sagte die Sprecherin.
Der Grünen-Fraktionsgeschäftsführer im Bundestag, Volker Beck, bezeichnete die Aktion am Mittwoch als „beispiellose Geschmacklosigkeit“ und forderte eine Entschuldigung von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU). Der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag, Sebastian Edathy (SPD), sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, die „missglückte Kampagne“ auch in die Keupstraße zu tragen, sei „hochgradig unsensibel“.
Die Türkisch-Islamische Union (Ditib), der größte der islamischen Dachverbände in Deutschland, bat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem offenen Brief, „sich persönlich mit den Auswüchsen der „Vermisst“-Aktion des Bundesinnenministeriums zu befassen“. Die Aktion sei ein Affront. (dpa)
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13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bomben- anschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe.
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