Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

30. Januar 2012

Rechter Terror: Zwickauer Zelle wollte nach Südafrika fliehen

 Von Andreas Förster
Polizisten wühlen im Schutt der Zwickauer Zelle.

Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wollten nach Südafrika fliehen - ihr Vorhaben scheiterte jedoch an Beate Zschäpe. Die wurde dann im Jahr 2007 zum Verhör einbestellt – ohne Folgen.

Drucken per Mail

Das Zwickauer Neonazi-Trio hatte einem Zeitungsbericht zufolge vor gut zehn Jahre eine Flucht nach Südafrika ins Auge gefasst. Das Vorhaben sei jedoch am Widerstand von Beate Zschäpe gescheitert, die ihre Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nicht habe begleiten wollen. Das berichtete die Zeitung "Die Welt".

Zschäpe habe nach Aussagen eines Ermittlers nicht aus Deutschland weggewollt.

Entsprechende Erkenntnisse fänden sich in einer geheimen Dokumentation, in der die Verfassungsschutzämter von Bund und Ländern ihr Wissen über die Terrorzelle zusammengetragen hätten.

Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe seien aber offenbar zu keinem Zeitpunkt ins Ausland gegangen, um sich der Verfolgung zu entziehen. Längere Aufenthalte in Bulgarien, Tschechien, Ungarn oder Belgien, über die immer wieder spekuliert wurde, hielten die Ermittler inzwischen für nahezu ausgeschlossen, heißt es. Die Ermittler gehen dem Bericht zufolge davon aus, dass die Rechtsextremisten von 1998 bis 2011 ununterbrochen über Wohnungen in Sachsen verfügten

NSU hatte Kontaktleute im Raum Nürnberg

Wie außerdem bekannt wurde, gibt es Spuren der NSU zu weiteren Unterstützern, die in den Raum Nürnberg führen. So war Anfang November 2011 in der fränkischen Stadt mindestens ein Bekennervideo der Gruppe offenbar durch einen Einheimischen zugestellt worden.

Am Mittag des 4. November waren die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in der Nähe von Eisenach tot in einem ausgebrannten Wohnmobil aufgefunden worden, nachdem sie Stunden zuvor eine Sparkassenfiliale ausgeraubt hatten. Gegen 15 Uhr am selben Tag setzte Beate Zschäpe, die mit den beiden mehr als 13 Jahre lang zusammen gelebt hatte, die gemeinsame Wohnung in Zwickau in Brand und floh. Die Fahnder konnten rekonstruieren, dass Zschäpe sich bis zu ihrer Festnahme am 8. November jeweils kurzzeitig an mehreren Orten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie in Bremen aufgehalten hatte. In diesen Orten gab sie auch mehrere Umschläge mit den Videos auf, die auf dem Postweg ausgewählte Empfänger im gesamten Bundesgebiet erreichen sollten.

Engmaschiges Netz

Zwei dieser Videos gelangten auch zur Nürnberger Zeitung, ein zweites zur Kommunistischen Arbeiterzeitung (KAZ). Der KAZ wurde dabei ein unfrankierter Umschlag mit dem Video in den Briefkasten geworfen. Da Zschäpe nach dem 4. November aber nicht in Nürnberg war, muss eine bislang unbekannte Person den Film eingeworfen haben.

Das passt zu anderen Erkenntnissen der Fahnder, die sich inzwischen für Mitglieder der 2004 verbotenen Fränkischen Aktionsfront (FAF) interessieren. Die in der Region um Nürnberg operierende FAF war ein Zusammenschluss von regionalen Neonazi-Kameradschaften und orientierte sich dabei am Thüringer Heimatschutz (THS), dem auch die mutmaßlichen NSU-Aktivisten angehört hatten. Zwischen beiden Organisationen aus Bayern und Thüringen gab es enge Verbindungen. Der vorbestrafte ehemalige FAF-Führungskader Matthias F. gehörte zudem der rassistischen Gruppe Aryan Hope (Arische Hoffnung) an, die der 2000 in Deutschland verbotenen Blood & Honour-Bewegung nahesteht. In diesen Kreisen hatten sich auch Mundlos und Böhnhardt bewegt und Unterstützer rekrutiert.

Ermittler sind bei der Auswertung von Fundstücken aus der Zwickauer Wohnung noch auf weitere Hinweise darauf gestoßen, dass sich die mutmaßlichen NSU-Mitglieder zeitweise im Raum Nürnberg aufhielten. Geprüft wird daher auch die Möglichkeit, dass Unterstützer oder Mitstreiter der NSU aus dieser Region an den fünf Morden beteiligt waren, denen zwischen 2000 und 2005 in Nürnberg und München fünf Migranten zum Opfer fielen.

Gut ausgewählte Tatorte

Es sei auffällig, so ein Ermittler, dass die bayerischen Tatorte, was Lage und Erreichbarkeit betrifft, jeweils gut ausgewählt waren. Das lasse auf eine besondere Ortskenntnis schließen. Gestützt wird diese These durch eine, bislang allerdings nicht bestätigte Zeugenaussage von Anfang Dezember: Damals hatte ein Informant beim BKA angegeben, dass die drei aus Zwickau in der rechtsradikalen Szene im Westen bekannt, ja berühmt gewesen seien. Neonazis aus dem Westen hätten den Ostlern sogar beim Auskundschaften der Tatorte geholfen.

Unterdessen ist eine neue Fahndungspanne bekannt geworden. Der Spiegel berichtet, die Zwickauer Polizei habe im Januar 2007 Beate Zschäpe als Zeugin befragt. Es ging um einen mutwillig verursachten Wasserschaden in der Wohnung über der des Trios, das damals noch in der Polenzstraße wohnte. Zschäpe sei unter dem Namen Susanne E. auf dem Revier erschienen. In dem 20-minütigen Gespräch habe sie sich einige Male in Widersprüche verwickelt, allerdings seien die Beamten nicht stutzig geworden und hätten sie wieder gehen lassen. Gut drei Monate später wurde in Heilbronn die Polizistin Michéle Kiesewetter erschossen, auch diese Tat wird der NSU zugeschrieben. (mit dpa)

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bomben- anschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe.


Neonazi-Terror
Der Terror der Neonazis vom Zwickau.

Die Gewalttaten der Neonazis der Zwickauer Zelle: Zeittafel, Orte des Geschehens und die Terror-Folgen in Bildern.

Spezial

Die große Aufbereitung des Nationalsozialismus: Rückblick auf den Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main.

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Video
FR-Themen
Zeitunglesen macht klug - Rundschau-Lesen macht klüger.

Unbequeme Recherchen, aufgedeckte Skandale: Die FR legt den Finger in Wunden. Journalistische Höhepunkte aus sechs Jahrzehnten.

Textimport

Verfolgen Sie unsere Nachrichten in Ihrer Lieblingsdarstellung - via RSS-Feed. Für Ihren Windows-PC bieten wir sogar einen kostenlosen Newsreader an. Informationen im Digital-Bereich.

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Spezial

Überwachung durch den Staat, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?