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Rechtsextremer Terror: Spurensuche in Zwickau

Jahrelang haben Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Untergrund gelebt. Der Staat blieb arglos. Nun beginnt die Spurensuche warum weder Polizei noch Verfassungsschutz die drei Terroristen aufspüren konnten.

        

Das brennende Haus Frühlingsstraße 26.
Das brennende Haus Frühlingsstraße 26.
Foto: dapd/Bernd Rupprecht
Zwickau –  

Jeder will das Loch sehen, es ist ja auch nicht zu übersehen: Frühlingsstraße 26 im Zwickauer Stadtteil Weißenborn, der Polizeibulli vor der Tür, Flatterband und Gitter um das weitläufige Grundstück, der Schrott auf dem Rasen. Und im Dach rechts die gigantische Lücke, die mal eine Wohnung war. Vor 13 Tagen soll Beate Zschäpe sie in die Luft gesprengt haben.

„In was für einer Welt sind wir angekommen?“, fragte eine Frau. Sie ist mit ihrer Mutter vorbeigekommen, ihre Oma wohnt um die Ecke. „Das ist doch ein guter Stadtteil“, sagt die Frau. Feine Häuser, renoviert, helle Farben, die Gärten gepflegt. Die Hecken geschnitten, die Rosen für den Frost angehäufelt. Man pflegt, was man hat. Man kümmert sich. „Früher war in dem Haus ein Lebensmittelladen, dann eine Drogerie“, erzählt die Frau. Sie denkt laut vor sich hin: „Was die Beate Zschäpe wohl für eine Strafe bekommt?“, fragt sie. „Die sind doch heute so schnell wieder raus.“

Die Brandtrümmer sind zum Ausflugsort geworden. Eine ältere Frau auf Krücken bleibt stehen und schaut auf den weggesprengten Giebel. Sie kommt von der Physiotherapie. Einmal die Woche. Die Hüften. „Ja“, sagt sie. Sie habe die Leute manchmal gesehen, die dort wohnten. Den jungen Mann, die Frau, den anderen. „Aber sonst auch nichts.“ Da war auch nichts zu sehen. Unfassbar sei das Ganze. Die Buslinie 22 führt durch die Frühlingsstraße. „Was da noch alles hätte passieren können“, sagt sie. „Und wer weiß, was noch dabei herauskommt?“

Das Haus steht leer. Das Parterre ist schon länger unbewohnt. In den Fenstern hängen Zettel: Zwei- und Dreizimmer-Wohnungen zu haben. Der weitläufige Garten ist ebenfalls abgesperrt. Der Rasen liegt voller Lindenlaub.

Natürlich hat niemand etwas geahnt: Eine Mörderbande in der Nachbarschaft, jahrelang. So etwas hätte überall sein können, aber passiert ist es nun einmal in Zwickau-Weißenborn.

Die Polizei hat ihre Untersuchungen eingestellt. Schutt und Asche sind durchsiebt, die Reste der Wohnung ausgeräumt. Man fand Waffen, Handschellen, Pfefferspray, die zynische Bekenner-DVD. Auf dem Rasen liegen die Badewanne, Heizkörper, Rohre. Alles, was nicht verbrannt ist, nachdem Beate Zschäpe am 4. November kurz nach 15 Uhr die Wohnung verließ, über die Straße huschte und einer Nachbarin, Ecke Veilchenstraße, zwei Kätzchen übergab: Sie müsse mal weg, komme aber gleich wieder… Dann ging alles in Flammen auf, die Scheiben platzten, Teile der Mauer verschoben sich, es regnete Steinbrocken und Dachziegel. Die Kätzchen hat das Ordnungsamt abgeholt.

Jagd auf Linke und Ausländer

Seit drei Jahren soll die 36-Jährige hier gewohnt haben. Man sah sie, kannte sie aber nicht. Angeblich soll auch ein kleines blondes Mädchen manchmal bei ihr gewesen sein. Es wird eine Menge geredet jetzt. Die Hausverwaltung hat regelmäßig die 500 Euro Kaltmiete bekommen für die 120 Quadratmeter große Wohnung, die sie sich aus zwei Wohnungen zusammengelegt hatten. Die Leute im Viertel hielten Beate Zschäpe und Uwe Mundlos, 38, für ein Paar. Und Uwe Böhnhardt, 34, für ihren Bruder. Zschäpe hat manchmal mit Leuten geredet, aber ohne etwas zu erzählen. Hier ein kleiner Plausch, da ein Schwätzchen. Die einen dachten, sie habe irgendwas von Zuhause aus gearbeitet. Andere hielten die drei für „Hartzer“. Nicht nur im Haus Frühlingsstraße 26 klafft ein großes Loch. Auch in den Biografien des Trios. Ein Loch von etwa 13 Jahren, das die Ermittler der Bundesanwaltschaft jetzt füllen sollen. 13 leere Jahre, die zusammengepuzzelt gehören.

Es beginnt wohl am 26. Januar 1998 mit einer Hausdurchsuchung in Jena. Das Trio war den Sicherheitsbehörden nicht unbekannt: Sie mischten mit bei der „Kameradschaft Jena“, brutale Neonazis, die Jagd auf Linke und Ausländer machten. Sie waren in der Thüringer Kameradschaftsszene, zu besten Zeiten 150 bis 170 Leute, eng vernetzt, fast „familiär“, beschreibt es ein Erfurter Kenner der Rechtenszene.

Die Polizei hatte Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe im Visier. Sie fand das übliche Neonazi-Zeug: Reichskriegsflagge, einfache Waffen wie Schleudern, Propagandamaterial. Aber in einer Garage stießen sie auf Sachen, die dem Ganzen eine neue Dimension gaben: vier Rohrbomben und 1,4 Kilo TNT. Zwei Tage später erging ein Haftbefehl. Aber da waren die drei abgetaucht. Eine Panne. Heute schimpft Thüringens Innenminister Jörg Geibert (CDU), nennt es „unerklärlich“. Damals wurde aus den verschwundenen Jenaer Kameraden die Mörderbande, deren Taten jetzt nach und nach ans Licht kommen.

Kurz vorher waren sie noch einmal gesehen und fotografiert worden. Sie zogen mit Hunderten anderer Neonazis durch Dresden, demonstrierten gegen die Wehrmachtsausstellung. Es gibt Bilder davon, Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt neben einem roten Transparent: „Nationalismus – eine Idee sucht Handelnde.“

Fortan handeln sie. Ab 1999 häufen sich die Banküberfälle in und um Chemnitz. 14 Stück sollen auf ihr Konto gehen, nicht nur in Chemnitz, auch in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern.

Am 9. September 2001 beginnt die Mordserie. Mit Blumenhändler Enver S. Er ist 38 und zur Aushilfe im Geschäft an einer Ausfallstraße bei Nürnberg. Kurz nach Mittag findet man ihn getroffen von mehreren Kugeln verschiedener Waffen. Eine ist die Pistole Ceska, Typ 83, Kaliber 7,65, Nummer 034673 mit Schalldämpfer – die Waffe in dem Zwickauer Haus. Enver S. folgen mindestens neun weitere Opfer. Jahrelanges Morden von Rostock bis München, von Dortmund bis Heilbronn. Ermittler sehen die Taten, aber nicht die Hintergründe, nicht die Täter, nicht die Motive. Morde ohne Erklärung. Erst heute wird manches davon erkennbar. Hätte man etwas verhindern können?

Heiko Gentzel ist Landtagsabgeordneter in Thüringen. Der 51-jährige Sozialdemokrat ist Innenpolitiker, Mitglied der Parlamentarischen Kontrollkommission (PKK), die den Verfassungsschutz kontrolliert. Vor der Wende kümmerte er sich um Gabelstapler, danach um Geheimdienste. Und jetzt, nach den ausländerfeindlichen Morden, nachdem sich Mundlos und Böhnhardt in Eisenach in einem Wohnmobil erschossen, nachdem in Zwickau die Wohnung explodierte und sich Beate Zschäpe der Polizei gestellt hat, jetzt sitzt er vor 24 Aktenordnern, muss sie durchforsten und herausbekommen, wieso nach 1998 alles schiefging in Thüringen, wieso drei Rechtsextremisten abtauchen konnten. Warum weder Polizei noch Verfassungsschutz sie aufspürten.

Personalprobleme und Indiskretionen

„Das Amt war ein reiner Trümmerhaufen“, erinnert sich Gentzel an die Zustände beim Thüringer Verfassungsschutz. Ständig habe es Personalprobleme und Indiskretionen gegeben. „Journalisten wussten mehr als wir in der PKK.“

Für Gentzel war der damalige Amtsleiter Helmut Roewer mehr Problem als Präsident. „Ein Paradiesvogel. Der hat seine eigene Show gemacht“, erinnert sich Gentzel. „Es ist unvorstellbar, was damals dort los war.“ So erzählten sie sich Geschichten in Erfurt über muntere Rotweinrunden, einen exzentrischen Präsidenten der barfuß auftrat oder auf einem alten Fahrrad bei Neonazi-Demos auftauchte, einen Schlapphut auf dem Kopf, eine Digitalkamera um den Hals. Der Präsident knipste selbst – und genoss es wahrscheinlich noch mehr, wenn ihn Fotografen dabei beobachteten und ablichteten.

Von 1994 bis 2000 schaltete und waltete der heute 61-jährige Roewer Chef, die damaligen Innenminister ließen ihn gewähren. Als in jenen Jahren Neonazis in Erfurt einen Schweinekopf auf das Gelände der Synagoge warfen und nachgefragt wurde, wo eigentlich Roewer sei, hieß es, er sei auf Sizilien und komponiere. Im Jahr 2000 wurde Roewer suspendiert. „Es war höchste Zeit, dass er ging“, sagt Gentzel. In Roewers Zeit waren führende Figuren der Thüringer Neonaziszene als Informanten angeheuert worden, auch Tino Brandt, damals Anführer des „Thüringer Heimatschutzes“. Brandt, schrieb damals die Thüringer Allgemeine, habe sich mit dem Verfassungsschutz-Geld erst zur Führungsfigur hochgearbeitet. Über 200000 Mark soll er als Spitzel kassiert haben. „Das Geld ging über die V-Leute in die Strukturen der NPD“, sagt Gentzel heute. „Für uns war da das Maß voll.“ Bis heute hält sich der Verdacht, der Dienst habe die rechte Szene erst richtig zum Blühen gebracht.

Fünf Jahre nach seiner Suspendierung stand Roewer in Erfurt vor Gericht wegen Untreue. Drei Jahre lief das bizarre Verfahren, dann wurde es gestoppt, weil Roewer verhandlungsunfähig war. 2010 wurde es ganz eingestellt gegen eine Geldauflage von 3 000 Euro. An manchen Verhandlungstagen bog sich das Publikum im Saal vor Lachen, wenn in der Beweisaufnahme stundenlang Buchtitel vorgelesen wurden, Bücher über Kunst, Malerei, Geschichte, Bildbände, Literatur über den Mittelmeerraum – lauter schöne Sachen, alle angeblich gekauft fürs Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz.

Wie Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt 1998 abtauchen konnten – vielleicht findet Gentzel einen Hinweis in seinen 24 Aktenbänden. 2001 kappte der Verfassungsschutz angeblich die Verbindungen zu den Top-Neonazispitzeln. Gentzel: „Es hieß, wir kümmern uns nicht mehr um die.“ Jetzt kommt alles wieder hoch.

So entsetzlich die Ereignisse schon sind, für Heiko Gentzel könnte alles noch schlimmer kommen: „Wenn einer von den Dreien ein V-Mann war oder vom Verfassungsschutz gedeckt wurde, das ist dann der Super-Gau.“ Ausschließen mag er das nicht, auch wenn bislang keine Hinweise vorliegen. Gentzel glaubt halt an gar nichts mehr.

Autor:  Bernhard Honnigfort
Datum:  17 | 11 | 2011
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