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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

30. November 2011

Rechtsextremismus: Terrorhelfer von der NPD

 Von Matthias Thieme
Ralf Wohlleben (ohne Maske) wird nach seiner Festnahme von einem Polizisten zum Gebäude des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe gebracht (29.11.2011).  Foto: dapd/Kopatsch

Der bekannte Rechtsextremist Ralf Wohlleben soll dem Zwickauer Trio geholfen haben. Für die NPD äußerst brisant: Wohlleben war von 2002 bis Mitte 2008 stellvertretender Landesvorsitzender und Pressesprecher der Partei in Thüringen.

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Der bekannte Rechtsextremist Ralf Wohlleben soll dem Zwickauer Trio geholfen haben. Für die NPD äußerst brisant: Wohlleben war von 2002 bis Mitte 2008 stellvertretender Landesvorsitzender und Pressesprecher der Partei in Thüringen.

Erstmals gibt es eine direkte Verbindung der NPD zur Zwickauer Terrorzelle: Mit dem Jenaer Neonazi Ralf Wohlleben verhaftete die Bundesanwaltschaft einen mutmaßlichen Helfer der Terroristen, der in der NPD eine steile Karriere gemacht hat und bis vor kurzem eng mit der Partei verbunden war.

Am Dienstag gegen sieben Uhr früh nahmen die Ermittler Wohlleben fest: Der 36-Jährige wird dringend verdächtigt, Beihilfe zu sechs vollendeten Morden und einem versuchten Mord der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)“ geleistet zu haben, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Wohlleben soll der Terror-Vereinigung im Jahr 2001 oder 2002 über einen Kurier eine Schusswaffe und Munition geliefert haben. Damit habe er billigend in Kauf genommen, dass die Waffe für rechtsextremistische Morde verwendet werden konnte, so der Generalbundesanwalt.

Für die NPD ist äußerst brisant: Wohlleben war von 2002 bis Mitte 2008 stellvertretender Landesvorsitzender und Pressesprecher der Partei in Thüringen sowie NPD-Kreis-Chef von Jena. Er ließ sich im Jenaer Stadtteil Lobeda-Altstadt im Jahr 2004 zur Ortschaftsratswahl aufstellen und stand im gleichen Jahr sogar auf dem ersten Platz der Landesliste der NPD zur Landtagswahl in Thüringen. Auch bei der Bundestagswahl 2005 trat er auf dem dritten Platz der Landesliste und als Direktkandidat der NPD im Wahlkreis Greiz-Altenburger Land an und bekam 4,5 Prozent der abgegebenen Stimmen. Wohlleben war auch Herausgeber der NPD-Postille „Thüringenstimme“. Die Festnahme des 2010 aus der NPD ausgetretenen Mannes zeigt nun erneut die gefährliche Verzahnung der Partei mit gewaltbereiten Rechtsextremen bis hin zur mutmaßlichen Beihilfe zum Terror.

Finanzielle Hilfe

Offenbar haben die Ermittler erst in den letzten Tagen neue gerichtsverwertbare Erkenntnisse erlangt, die zur Festnahme Wohllebens ausreichten. Ob es Aussagen von bereits Festgenommenen waren oder die Hausdurchsuchung bei Wohlleben am vergangenen Donnerstag, sagten die Ermittler nicht. Die vielfältigen Aktivitäten des glühenden Neonazis Wohlleben sind hingegen schon lange bekannt: Seit 1995 ist Wohlleben in rechtsextremistischen Kreisen in Thüringen aktiv und stand bereits in den 1990er-Jahren in enger Verbindung zu den drei Mitgliedern der Terrororganisation „NSU“. Wohlleben soll diesen bei ihrer Flucht im Jahr 1998 geholfen haben und das Mord-Trio in der Folge laut Bundesanwaltschaft auch finanziell unterstützt haben.

Brutale Attacke

Rechte Schläger haben am Wochenende in Dortmund zwei Jungen türkischer Herkunft verprügelt und getreten.

Der Haupttäter war nach Angaben der Polizei ein Skinhead, der 24-Jährige wurde am Sonntag festgenommen und sitzt seither in Untersuchungshaft. Er ist einschlägig vorbestraft: Weil er einen Punker erstochen hat, war er zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Zwei weitere Verdächtige wurden inzwischen identifiziert, teilte die Staatsanwaltschaft am Dienstag mit. Nach zwei weiteren Mittätern wird noch gefahndet.

Zudem vermittelte er den Kontakt zwischen den NSU-Mitgliedern und dem Beschuldigten Holger G., der dem Terror-Trio Geld und Ausweisdokumente überließ. Aufgrund seiner anhaltenden Verbindung zu der unter falscher Identität lebenden Gruppe müsse er von ihren terroristischen Straftaten gewusst haben, schlussfolgern die Ermittler.

Für Kenner der Szene ist dies keine große Überraschung, denn der bereits wegen Körperverletzung und Nötigung verurteilte Mittdreißiger ist in der Neonazi-Szene von Thüringen seit vielen Jahren eine Größe – die Schlüsselfigur der gewaltbereiten Szene. Seine Beziehungen zu den abgetauchten Rechtsterroristen, mit denen er in den 90er-Jahren im „Thüringer Heimatschutz“ aktiv war, sind seit langem bekannt. Manche Beobachter der Szene fragten sich in den vergangenen Wochen eher, warum der bekannte Neonazi, der auch Kontakt zu vorbestraften rechtsextremen Bombenbastlern pflegte, noch auf freiem Fuß ist.


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Wohlleben organisierte auch das „Fest der Völker“, zu dem mehrere Hundert Neonazis und Skinheads aus ganz Europa nach Thüringen anreisten. Außerdem veranstaltete er mehrfach den „Thüringentag der nationalen Jugend , wo er als Redner auftrat. Das Motto der Veranstaltung im vergangenen Jahr: „Die Demokraten bringen uns den Volkstod – Stoppen wir sie!“

Anders als viele Gesinnungsgenossen gilt der Werbegrafiker Wohlleben als äußerst internetaffin: Er vernetzte laut Verfassungsschutz diverse rechtsextreme Homepages und war Betreiber eines Servers, über den er „parteigebundenen und freien Nationalisten aus Thüringen“ günstigen Speicherplatz zur Verfügung stellte.

Aufruf zur Brandstiftung

Erst kürzlich publik gewordene Dateien eines Neonazi-Internetforums, in dem Wohlleben Administrator war, zeigen, wie er etwa rechtsextreme Veranstaltungen zur „Auferstehung zum Nationalsozialismus“ im „Braunen Haus“ in Jena organisierte, einem bundesweit bekannten Neonazi-Treffpunkt, den Wohlleben mit aufbaute.

In dem Internetforum rief Wohlleben auch zu militanten Demonstrationen auf wie etwa im Jahr 2009 in Dresden. In dem Forum befürwortete Wohlleben auch den Vorschlag, bei der Demonstration eine Polizeiwache anzuzünden.

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