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Rechtsextremismus: Wir und die Anderen

Thomas Heise hat mehrere Dokumentarfilme über ostdeutsche Jugendliche gedreht und somit Einblicke in deren Leben gewonnen. Er wirft die Frage auf: Ist der Rechtsextremismus wirklich so fremd und unfassbar?

Neonazis entrollen ihre Flagge als Vorbereitung zu einem Aufmarsch. Foto: Getty

„Eine Zeit, die das Gedächtnis für die Dinge, die ihr Leben formen, verloren hat, weiß nicht wo sie steht, und noch weniger, was sie will. Eine Zivilisation, die das Gedächtnis verloren hat, und von Tag zu Tag, von Ereignis zu Ereignis taumelt, ist unverantwortlicher als das Vieh, denn dieses verfügt über die Sicherheit der Instinkte.“
(Siegfried Gideon)

Im Jahr 1989, als die DDR zusammenbrach, waren die späteren Täter von Zwickau 12, 14 und 16 Jahre alt. Drei Jahre später, 1992, waren sie 15, 17 und 19 Jahre alt. So alt wie damals die Jugendlichen einer Gruppe aus Halle-Neustadt, die ich 1992 in einem Film porträtierte: „STAU – Jetzt geht’s los“. Ich hatte mich dafür zu interessieren begonnen: für Kinder, die ihre Eltern hatten scheitern sehen.

Einer der jungen Leute, Peter H., hatte ein blaues Auge und hielt eine Schreckschusspistole in der Hand: „Das war das Begrüßungsgeld“. Dann las er vor, was er als „Darstellung seiner Entwicklung“ in einem Aufsatz für die Schule geschrieben hatte: „Die Zeit, in der wir leben, ist unsere Zeit.“

Die alleinerziehende Mutter des 18-jährigen Konrad beschreibt die ihre, die 1992 vorbei ist: „Ich hatte alles gegeben für die DDR und hatte meinen Kindern vorgelebt, dass man nicht nur die tägliche Arbeit machen soll, sondern alles, damit der Sozialismus in Gang kommt, geben soll. Ich bin abends immer runter gegangen und habe die Sandkästen noch durchgeharkt, um das Schöne zu erhalten, das neu gebaut worden war im Wohngebiet Silberhöhe in Halle. Und dann kam die Wende. Der Junge zog los mit dem Rucksack nach Berlin und holte sich stapelweise Milka-Schokolade. Da kamen mir die ersten Tränen. Und dann hab ich gedacht, dein Sohn hat doch eigentlich nicht die Milka-Schokolade vermisst, sondern ein anderes, schönes Leben. Du musst jetzt auf Finanzen umschalten. Ich habe Konrad gesagt, verhalte dich ruhig in der Wohnung, lass keinen rein, und ich hole dich nach und das klappt alles. Es war auch eine Verlockung für mich, rüberzugehen, um für meinen Sohn etwas Sicheres zu schaffen. Und ich bin dann, immer wenn Ferien waren, zu Konrad gefahren und hab mich um den Jungen gekümmert. Er kam doch nicht mit der Wirtschaft klar. Aber er möchte es jetzt alleine meistern, sein Leben. Er möchte es alleine besser machen. Aber wie?“

Dann verkleidete sich Falko, der Straßenbaulehrling, zum Fasching im Roxy als Major der Volksarmee und prügelte auf den Rechten Ronny ein, der sich als Linker Autonomer verkleidet hatte.

Der Blick auf diese Jugendlichen als etwas Fremdes, das außerhalb einer ansonsten funktionierenden Gesellschaft stehen würde, verkennt, dass es sich um unsere Kinder handelt, die herauf kommen aus der Mitte dessen, was wir demokratische Gesellschaft nennen – ein fragiles Gebilde in Bewegung.

Unser Autor

Geboren 1955 in Berlin, DDR. 1971-73 Druckerlehre. Ab 1975 Regieassistent im Defa-Studio für Spielfilme Potsdam-Babelsberg.

1978-83 Studium an der HFF Potsdam-Babelsberg. Seit 1983 freiberuflicher Autor und Regisseur am Theater (oft mit Heiner Müller), im Hörspiel- und
Dokumentarfilmbereich. Bis zum Ende der DDR wurden jedoch all seine Dokumentarfilmprojekte mit „operativen Mitteln“ verhindert, vernichtet oder eingezogen.

Nach dem Mauerfall hat Thomas Heise mehrere Dokumentarfilme über ostdeutsche Jugendliche gedreht, die sich im rechtsradikalen Milieu bewegten, sich aber später zum Teil wieder davon lösten. „STAU – Jetzt geht’s los“ (1992), „Neustadt. (Stau – der Stand der Dinge)“ (1999/2000), „Kinder. Wie die Zeit vergeht“ (2007).

Wer ist „Wir“?

Das sind jene, die sich 1995 auch mal einen Rechtsextremen wie Manfred Roeder zum Vortrag zur Offiziersweiterbildung an die Führungsakademie der Bundeswehr holen, um von ihm etwas über die Übersiedlung von Russlanddeutschen in den Raum Königsberg zu erfahren. „Wir“ sind unsere Polizei, der 1998 vom Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung eine „riskante Berufsauffassung“ und „problematische Einstellungen gegenüber Ausländern“ bescheinigt wird. Eine Polizei, die „durchzulüften“ ist (siehe Die Zeit vom 2.Januar 1998). „Wir“ sind diejenigen, deren Verfassungsschutzbericht zur selben Zeit feststellt, dass sich Hinweise auf den Besitz von Schusswaffen in der rechten Szene „vermehren“, während unsere V-Leute ebendort im Führungseinsatz sind.

„Wir“ sind eine radikalisierte Gesellschaft aus sich mit zunehmender Geschwindigkeit voneinander entfernenden, sehr verschiedenen und voneinander sich abgrenzenden Milieus ohne Beziehung zueinander. Wie sieht deren Normalität aus? Was schlummert unter der Decke? Einen „kultigen Schlüsselanhänger“ mit der Aufschrift „Hart und zäh“, deutsche Fraktur in Schwarz-Rot-Gold gestickt, und ein eisernes Kreuz mit dem Motto „Klagt nicht, kämpft“, Fraktur in Blutrot auf Schwarz gestickt, kann man heute für zwei Euro bei der Bundeswehr kaufen. (http://www.raeer.com/shopexd.asp?id=21740)

„Die Protagonisten ahnen, dass sie in der Wertschätzung einer Gesellschaft, deren Regeln sie nicht mehr durchschauen, längst als Bodensatz auf gleichem Fuß mit den Fremden stehen und versuchen, dieser Erkenntnis mit dem verzweifelten Insistieren auf dem eigenen Deutschtum zu trotzen. Diese Welt scheint Lichtjahre von dem Deutschland entfernt, an dessen Bankschaltern sich Millionen um Wertpapiere balgen – in der Hoffnung so ihrer Identität als doppelt freie Lohnarbeiter zu entfliehen. Das kann man in der Berliner Zeitung am 24.Juni 2000 zu „Neustadt. (Stau – der Stand der Dinge)“, meinem zweiten in Halle an der Saale gedrehten Film über die erwachsen gewordenen jungen Leute lesen.

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Autor:  Thomas Heise
Datum:  28 | 11 | 2011
Seiten:  1 2
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