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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

08. Dezember 2011

Zwickauer Terrorzelle: Braune Landschaften in Deutschland

 Von Andreas Förster
Der mutmaßliche Terror-Unterstützer Ralf Wohlleben liebt die Idylle: Zumindest in seinem Vorgarten.  Foto: dpa

Die Ermittler rätseln: Wie hat sich die Zwickauer Neonazi-Terrorzelle finanziert? Und was machte die Gruppe in der Schweiz und an der Ostsee?

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Bei ihren Ermittlungen zu möglichen Aufenthaltsorten der seit 1998 im Untergrund agierenden mutmaßlichen Zwickauer Terrorzelle sind Fahnder auf Spuren in die Schweiz gestoßen. Demnach soll sich das Trio seit seinem Untertauchen wiederholt dort aufgehalten haben und dabei offensichtlich auch von Schweizer Gesinnungsfreunden unterstützt worden sein.

Wie die Berliner Zeitung aus Ermittlerkreisen erfuhr, war es den Sicherheitsbehörden bereits Ende der Neunzigerjahre gelungen, ein Telefonat mitzuhören, das einer der drei Untergetauchten mit einem Thüringer Freund führte. Das Gespräch sei aus einer Schweizer Telefonzelle heraus geführt worden, heißt es. Bei späteren Urlauben sollen zudem Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe nach Zeugenaussagen mindestens einmal mit einem Auto an die deutsche Ostseeküste gefahren sein, das ein Schweizer Kennzeichen trug.

Rätsel um die Finanzierung

Zunehmend Rätsel gibt den Ermittlern auch die Finanzierung des im Untergrund agierenden Trios auf. Sei man bislang davon ausgegangen, die drei hätten ihr Leben ausschließlich mit Banküberfällen finanziert, sei diese These mittlerweile nicht mehr zu halten, so ein mit den Ermittlungen vertrauter Beamter. Insgesamt hatten Böhnhardt und Mundlos bei den ihnen bislang zugerechneten 14 Banküberfällen zwischen 1999 und 2011 rund 600.000 Euro erbeutet.

In ihrem vor fünf Wochen bei Eisenach ausgebrannten Wohnmobil fand die Polizei rund 111.000 Euro in bar – Geld, das aus früheren Überfällen stammt, was die noch vorhandenen Banderolen der Bündel belegen. Bleiben unter dem Strich knapp eine halbe Million Euro, die den drei Flüchtigen über einen Zeitraum von zwölf Jahren zur Verfügung standen. Zu wenig Geld für ein Leben im Untergrund, zumal allein die kostspielige Anmietung von mehr als 50 Autos und Wohnmobilen seit dem Jahr 2000 insgesamt rund 60 000 Euro verschlang.

Drei Überfälle missglückten

Auch ist auffällig, dass Böhnhardt und Mundlos drei Überfälle zwischen November 2005 und Jahresende 2006 missglückten – nur ein paar Tausend Euro betrug damals die Beute. Erst im Januar 2007 war ein Bankraub in Stralsund wieder erfolgreicher, die beiden erbeuteten dabei mehrere 10.000 Euro.

Danach endete die Bankraubserie abrupt – zeitgleich mit der Mordserie an Migranten. Erst mehr als viereinhalb Jahre später, am 7. September 2011, sollen Böhnhardt und Mundlos wieder eine Bank überfallen haben, im thüringischen Arnstadt. Woher hatten sie in der Zwischenzeit das Geld, mit dem sie ihr Leben finanzierten?

Beamte des BKA tragen sichergestelltes Material aus der Wohnung eines Verdächtigen.
Beamte des BKA tragen sichergestelltes Material aus der Wohnung eines Verdächtigen.
 Foto: dpa

Inzwischen ist eine weitere Fahndungspanne bekannt geworden. Ermittler aus Sachsen waren im September 2000, nach dem ersten Mord an einem türkischen Kleinunternehmer, in der Chemnitzer Bernhardstraße auf eine Zwei-Zimmer-Wohnung gestoßen, die ein Jahr zuvor von dem inzwischen inhaftierten Johanngeorgenstädter Neonazi André E. angemietet worden war und dem gesuchten Trio zumindest zeitweise als Unterschlupf gedient haben soll.

Die Fahnder observierten damals mehrere Tage lang das Haus und fertigten Bild- und Videoaufnahmen an. Darauf soll unter anderem auch die ebenfalls aus der Neonazi-Gruppe „Brigade Ost“ in Johanngeorgenstadt stammende Mandy S. zu sehen sein, die später Zschäpe ihren Ausweis überlassen haben soll.

Mehrere Kontaktpersonen identifiziert

Auch konnten die Fahnder mehrere Kontaktpersonen der drei Flüchtigen identifizieren und deren Telefonate überwachen. Als Sachsen seinerzeit aber anbot, die verdächtige Wohnung mit einem Sondereinsatzkommando zu stürmen, blockte das Erfurter Innenministerium die Aktion ab. Die Gründe hierfür sind aus den bislang vorliegenden Akten nicht ersichtlich.

Es war nicht die einzige verpasste Chance, das gesuchte Trio festzunehmen. Vergangene Woche war in einer vertraulichen Sitzung des Thüringer Justizausschusses bekannt geworden, dass ein halbes Dutzend Aktennotizen aus der Zeit zwischen 2000 und 2002 existieren, laut denen das Innenministerium Festnahmeversuche verhindert hatte.

Dieses Vorgehen führte seinerzeit zu Krisengesprächen zwischen den Staatssekretären der Landesministerien für Justiz und Inneres sowie zwischen dem Thüringer Generalstaatsanwalt und dem LfV-Präsidenten. Große Folgen hatte das jedoch nicht: Im Jahr 2003 wurde das Ermittlungsverfahren gegen das gesuchte Trio eingestellt – und damit auch die Fahndung beendet.

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