Das Magazin Stern überrascht mit einer unglaublich klingenden Tatversion für den Heilbronner Polizistenmord von 2007: Verfassungsschützer seien dabei gewesen, als die tödlichen Schüsse auf Michèle Kiesewetter fielen.
Ermittler am Ort des Heilbronner Mordes.
Foto: Alex Domanski/rtr
Ermittler am Ort des Heilbronner Mordes.
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Seit Bekanntwerden der mutmaßlichen Zwickauer Terrorzelle vergeht kaum ein Tag ohne neue Enthüllungen und Spekulationen. Das Magazin Stern überraschte am Mittwoch mit einer unglaublich klingenden Tatversion für den Heilbronner Polizistenmord von 2007. Demnach waren in- und ausländische Geheimdienstler dabei, als die tödlichen Schüsse auf die Polizistin Michèle Kiesewetter fielen. Wenn die Stern-Story stimmen sollte, steht nicht nur die Täterschaft am Polizistenmord wieder in Frage. Dann tut sich plötzlich auch eine neue Spur auf, die zu türkischen Extremisten und ihren Kontakten in die deutsche Neonaziszene führt.
Das Magazin beruft sich auf ein ihm vorliegendes Dokument des US-Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency (DIA). Dieser „Contact report“ soll eine Observation wiedergeben, die am 25. April 2007, dem Tag des Polizistenmordes, in Heilbronn durchgeführt wurde. Dabei waren dem Papier zufolge zwei US-Geheimdienstler sowie zwei Beamte eines Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV) – ob die Deutschen aus Bayern oder Baden-Württemberg kommen, blieb allerdings unklar.
Die vier Geheimdienstler, die offenbar bei dem Einsatz kooperieren, beobachten dem Protokoll zufolge zunächst den aus Ludwigshafen stammenden Deutschtürken Mevlüt Kar und eine zweite, nicht identifizierte Person. Kar habe demnach 2,3 Millionen Euro in einer Bank in Heilbronns Innenstadt eingezahlt. Dann sei er in Richtung Theresienwiese gegangen, eine große Marktfläche mit Parkplatz in Heilbronn. Diese habe er laut Protokoll um 13.50 Uhr erreicht, wo es laut DIA-Report zu einem Zwischenfall gekommen sei. Übersetzt heißt es im Bericht: „Schießerei, in die BW OPS Offizier mit Rechtsextremen und reguläre Polizeistreife vor Ort verwickelt waren.“
Der Terror der Zwickauer Zelle
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Der Terror der Zwickauer Zelle
Beate Zschäpe (36) war eine der wenigen Frauen in der rechtsextremistischen Szene. Sie soll sich politisch kaum engagiert haben. Vielmehr hatte sie nach bisherigen Erkenntnissen offenbar mit den beiden toten Gewalttätern ein Verhältnis.
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Uwe Böhnhardt (34) galt als Waffennarr. Seine rechtsextremistischen Gesinnungsgenossen gehen davon aus, dass er der Todesschütze gewesen sein könnte. Das Fahndungsfoto stammt aus dem Jahr 1998.
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Uwe Mundlos (38)galt als der Gebildete in der Gruppe. Seine Lehrerin beschrieb den Professorensohn als sehr höflich. Weiter heißt es über ihn, er sei ein aufgeschlossener Typ gewesen, rhetorisch begabt und politisch interessiert. Das Fahndungsfoto stammt aus dem Jahr 1998.
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Die beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen sind seit den 90er Jahren in den Neonazi-Szene aktiv. Das Foto zeigt Uwe Mundlos (links) und Uwe Böhnhardt (Mitte) im Herbst 1996 in Erfurt im Umfeld eines Prozesses gegen den Holocaust-Leugner Manfred Roeder.
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Uwe Böhnhardt 1996 in Erfurt.
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Uwe Mundlos mit dem späteren stellvertretenden NPD-Landesvorsitzenden Ralf Wohlleben (l.) 1996 in Erfurt
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Etwa 60 Rechtsextreme ziehen am 03. Februar 2001 mit dem Transparent "Thüringer Heimatschutz" durch die Innenstadt von Jena. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler hatten die drei in den 90er Jahren Verbindungen zur Neonazi-Gruppe "Thüringer Heimatschutz.
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Polizisten führen Beate Zschäpe, die einzige noch Lebende aus dem Mördertrio, am Mittwoch aus einem Gebäude der Staatsanwaltschaft Zwickau.
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Beate Zschäpe wird am Sonntag mit einem Kleinbus vom Gelände der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gefahren. Gegen die arbeitslose Gärtnerin wird wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord ermittelt. Sie will nach Medienberichten dazu nur aussagen, wenn ihr als Kronzeugin Strafmilderung zugesichert wird.
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In diesem Haus im niedersächsischen Lauenau soll der mutmaßliche Komplize der Gruppe Holger G. bis zu seiner Verhaftung am Sonntagvormittag gewohnt haben.
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Feuerwehrleute und Polizisten stehen am 4. November in Eisenach vor einem ausgebrannten Wohnmobil, in dem die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos entdeckt wurden. Die beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen hatten sich offenbar selbst erschossen. In dem Wohnwagen findet die Polizei Spuren zu mehreren unaufgeklärten Verbrechen.
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Zeitgleich geht in Zwickau das Haus in Flammen auf, indem die Gruppe zuletzt wohnte. Die Ermittler gehen davon aus, das Beate Zschärpe das Haus in Brand gesteckt hat.
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In dem durch die Explosion völlig zerstörten Haus finden die Ermittler die Waffe, mit der nicht nur die Heilbronner Polizistin sondern auch neun ausländische Geschäftsleute seit 2000 erschossen wurden.
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Hinter dieser Tür des Hauses in Zwickau lebte das Trio offenbar unbehelligt. Bereits 1998 fand die Polizei bei den drei Neonazis in einem Haus in Jena Rohrbomben und Sprengstoff. Verhaftet wurden sie nicht.
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Ermittler bei der Spurensuche in den Trümmern des Zwickauer Hauses.
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Dort finden sie auch ein Bekennervideo, in dem sich die Gruppe der Mordserie rühmt.
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In dem Video bezeichnet sich die Gruppe als "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU).
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Ein Bildschirmfoto aus dem Bekennervideo zeigt die Hand der Zeichentrickfigur "Paulchen Panther" aus der Serie "Pink Panther", die eine Pistole abfeuert, während dahinter eine Filmaufnahme von Polizisten gelegt ist.
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Außerdem werden in dem 15-minütigen Film Bilder der neun Opfer der sogenannter Döner-Mordserie eingeblendet.
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Das Bildschirmfoto aus dem Bekennervideo zeigt die Aufnahme einer Patronenhülse mit dem eingeblendeten Datum 28.06.2001. An diesem Tag wurde der türkische Obst- und Gemüsehändler Sueleyman T. in Hamburg ermordet.
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Auf das Grab von Heinz Galinski, dem einstigen Präsidenten des Zentralrats der Juden, wird am 19. Dezember 1998 einen Sprengstoffanschlag verübt. Auch dafür könnte die Gruppe verantwortlich sein. Bereits im Januar 1998 hatte die Polizei die Bombenwerkstatt des Trios im thüringischen Jena entdeckt. Die drei blieben jedoch auf freiem Fuß und tauchten unter.
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Die Porträts von acht der zehn Mordopfer des Trios. Acht türkische und ein griechischer Ladenbesitzer werden zwischen 2000 und 2006 an verschiedenen Orten in Deutschland erschossen.
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Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens transportieren am 29. August 2001 im Münchner Vorort Ramersdorf die Leiche des Lebensmittelhändlers Habil K. ab. Der 38-Jährige war in seinem Geschäft mit zwei Kopfschüssen getötet worden.
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Polizisten der Nürnberger Spurensicherung arbeiten am 29. Juni 2005 an einem Imbiss in Nürnberg. Der türkische Standbetreiber Ismail Y. war am 9. Juni vormittags mit fünf gezielten Schüssen kaltblütig ermordet worden.
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Am 19. Januar 2001 explodiert eine Sprengfalle vor einem iranischen Lebensmittelgeschäft in der Probsteigasse in Köln. Die 19-jährige Tochter des Inhabers wird schwer verletzt. Auch für diesen Anschlag könnte nach Erkenntnissen der Ermittler das sächsische Terror-Trio verantwortlich sein.
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Eine Nagelbombe explodiert am 9. Juni 2004 in der überwiegend von Türken bewohnten Keupstraße in Köln. 22 Menschen werden verletzt. Die Suche nach den Tätern bleibt erfolglos In ihrem Bekennervideo rühmt sich nun die rechte Terrorgruppe des Anschlags.
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Mit diesen Fotos aus einer Überwachungskamera sucht die Polizei in Köln nach dem Bombenanschlag nach einem zweiten Mann.
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Das Bild einer Überwachungskamera zeigt die Täter bei einem Bankraub am 07.09.2011 in Arnstadt. Eine Serie von mindestens 14 Bankrauben wird Böhnhardt und Mundlos inzwischen zugeodnet, davon zehn in Sachsen und je zwei in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern.
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Die Polizei sichert im April 2007 Spuren am Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese.
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Die 22-jährige Polizistin Michèle K. wurde getötet, ein Kollege wurde schwer verletzt.
Die drei sächsischen Neonazis Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sollen für die sogenannte Döner-Morde, den Tod einer jungen Polizisten sowie eine Reihe von weiteren rechtsextremistischen Anschlägen und eine Reihe von Banküberfällen verantwortlich sein. Angeblich gehörten sie einer Zelle namens "Nationalsozialistischer Untergrund" an.
Fotostrecken Politik
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Sollte das vom Stern präsentierte DIA-Papier echt sein und sich der Vorgang auf der Theresienwiese so abgespielt haben, wäre das eine spektakuläre Wende in dem Fall um die mutmaßliche Terrorzelle. Nicht nur, dass deutsche Geheimdienste wichtige Informationen noch immer unter Verschluss halten. Neu wäre auch, dass neben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die nach bisherigem Ermittlungsstand an dem Polizistenmord beteiligt gewesen sein sollen, weitere Täter als Todesschützen in Frage kommen. Brisant wäre auch, dass die beiden Neonazis in Heilbronn einen türkischen Extremisten getroffen haben, um von ihm möglicherweise Waffen zu kaufen.
Sollte das stimmen, dann hätten sich die beiden untergetauchten Neonazis mit einer schillernden Figur eingelassen: Der in dem DIA-Bericht erwähnte Kar galt nicht nur als fünfter Mann der sogenannten Sauerland-Zelle, einer islamistischen deutschen Terrorgruppe, die im Sommer 2007 zerschlagen wurde. Kar soll auch seit 2004 V-Mann des türkischen Geheimdienstes MIT sein.
Aus München und Stuttgart gab es nur ausweichende Antworten zu dem Bericht. Das bayerische Innenministerium erklärte, dass kein LfV-Beamter zum fraglichen Zeitpunkt in Heilbronn gewesen sei. Das Stuttgarter LfV hingegen äußerte sich nicht und verwies auf die Bundesanwaltschaft.
Das Parlamentarische Kontrollgremium (PKG) des Bundestages befasste sich auch mit dem Bericht. Der PKG-Vorsitzende Thomas Oppermann (SPD) sagte nach der Sitzung, die Vertreter der Sicherheitsbehörden hätten den geschilderten Vorgang „derzeit nicht bestätigen“ können. Nun werde das Bundesinnenministerium die Sache untersuchen.
Ein Dementi ist das nicht, offenbar halten die Spitzen der deutschen Sicherheitsbehörden in dem verwickelten Fall um die mutmaßliche Terrorzelle von Zwickau alles für möglich. Doch bleiben Zweifel und Fragen. Warum etwa informierten die Verfassungsschützer, wenn sie denn wirklich in Heilbronn vor Ort waren, nicht die Polizei über die Beteiligten an der Schießerei? Möglich wäre, dass die Geheimdienstler die Überwachung der Sauerland-Zelle nicht gefährden wollten. Spätestens nach deren Festnahme und ihrer Verurteilung im Jahre 2009 aber hätte man die Polizei ins Bild setzen können.
Und wer verbirgt sich hinter dem „BW OPS Offizier“, der laut DIA-Protokoll in die Schießerei verwickelt gewesen sein soll? War es vielleicht ein verdeckter Ermittler, der Kontakt zur Sauerland-Zelle hatte und in ein Waffengeschäft zwischen Kar und den Neonazis aus Zwickau verwickelt war? Hinweise auf einen solchen Waffendeal in Heilbronn am Tage des Polizistenmordes soll es bereits vor Jahren gegeben haben.
Gegen Mevlüt Kar haben deutsche Behörden 2009 einen internationalen Haftbefehl erlassen. Kar soll sich derzeit in Istanbul aufhalten. (mit fra.)