Was sind wir Menschen doch? Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen, das Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen, da hatte Gryphius schon recht. Was ist das Leben? Erst lebst Du für Spaß, Sex und eine bessere Welt; aus Spaß, Sex und heiler Welt wird Kind, Kegel und Karriere. Da gesellt sich irgendwann noch ein geistreiches Hobby hinzu, etwa das Tennisspiel, aus Tennis wird Golf, aus Golf wird Bridge und aus Bridge da wird juchei, Pflegestufe eins, zwei, drei, vorbei. So ist das Leben.
Noch spiele ich kein Bridge, aber beim Einkaufen frag’ ich mich immer öfter: Kriege ich das alles überhaupt noch auf? Lohnt sich das noch für einen wie mich? So eine Dauerwurst, bringt’s das noch? Gut, ich könnte sie vererben, aber welcher Erbe dankt Dir eine Dauerwurst. Guckt mal, die Erbsen da drüben, die haben noch zwölf Monate, dann ist die Dose tot. Erlebe ich das noch, den Dosentod? Werden diese Erbsen noch in mir bestattet? Man will doch dabei sein. Best before, ich dachte, mein Verfallsdatum sei best beforty (am besten vor 40), und nun? Hurra, ich habe überlebt, trotz Nikotin und Suff und guter Butter und verlorenen Spielen gegen Spanien und alledem; ich habe überlebt, aber wen? Mich. Nun sollen wir uns immer länger überleben, trotz Sozialstaat und leerer Rentenkassen und alledem. Aber wozu?
Thomas Reis, 45, ist eigentlich Historiker und uneigentlich Kabarettist („Ich bin gerne Kabarettist, aber Henker beneide ich doch. Die verändern Menschen wirklich.“).
Große Erfolge erzielte er zuletzt mit seinen Programmen „Gibt’s ein Leben über 40?“ und „Machen Frauen wirklich glücklich?“. Reis (www.thomasreis.de) blickt regelmäßig in der FR auf die Ereignisse des Monats zurück.
Sterben ist kein schöner Tod, da müssen wir gar nicht drüber diskutieren, jeder hat Angst vorm Tod, aber er bleibt keinem erspart, noch. Das Ende der Sterblichkeit werden in Zukunft Biochips, Gentechnik, synthetische Hyperklone und organische Speichermedien für komplexe Bewusstseinstransfers herbeiführen, aber gewiss nicht das todesängstliche Wahlvolk Bayerns, dass sich vom Rauchverbot offenbar nachhaltige Langlebigkeit verspricht und dafür den ersten Schritt Richtung Selbstentmündigung tat. Werden wir bald darüber abstimmen, dass in der Öffentlichkeit nur noch Blumenkohl, Wirsing und Tintenfisch (Paul) gegessen werden dürfen, Petersilie, Spinat und Schweinshaxen hingegen strengstens verboten sind, wegen der Schwermetallbelastung, des bösen Cholesterins und natürlich aus Gründen des Schweineschutzes? Wann gibt es Abstimmungen gegen Religiöse, Intellektuelle, Demokraten, Trinker, Sportler, Sexuelle? Wer schützt die Nichtsexuellen vor all den geilen Triebtätern, die unsere Welt bevölkern, in quasi jedem öffentlichen Raum, wer schützt Nichtleser vor Buchstabensuppentraumata und Nichtsportler vor gemütlichen Fernsehabenden, wer schützt Nichttrinker vor Verdruss und Nichtdemokraten vor der Macht des Pöbels? Wer schützt die Nichtverblödeten vor den Verblödeten, brauchen wir aktive Verdummungsverbote oder sogar einen Nichtverdummungsschutz, ergo, Fernsehverbote für Nichtakademiker?
Wer schützt Nichtreligiöse vor dem Synapsengift, das fromme Menschenfänger versprühen, um unseren Verstand auszumerzen, wer schützt uns vor den Bischöfen, Mullahs, Oshos, Käß- und Drewermanns, vor diesen Kammerjägern der Vernunft? Niemand! Und das ist auch gut so.
Wer verblöden, veröden, verfetten oder sich vergiften lassen möchte, dem sei das bitte selbst überlassen. Wer sich durch Gottesfurcht gesundheitlich bedroht fühlt, es ist ja nicht nur der Weihrauch, der geht doch nicht in die Kirche, um dort allen Gläubigen aufs Butterbrot zu schmieren, was für hirnverbrannte Idioten sie sind, das gehört sich einfach nicht.
Warum also sollte ein Nichtraucher unbedingt in eine Raucherkneipe gehen wollen dürfen müssen, um dort, wild mit der heiligen Gesetzesschrift fuchtelnd, allen unbelehrbaren Rauchern klarzumachen, wie sie sich fürderhin ihre Lebensqualität vorzustellen haben, nämlich rauchfrei, weil das viel gesünder sei. Es kann doch nicht so schwer sein, damit einfach aufzuhören. Doch, kann es.
Ja, ich bekenne, ich bin Raucher, seit über 30 Jahren und ich hab so meine Erfahrungen mit dem Versuch, dieses genüssliche Laster aufzugeben. Es soll Leute geben, ich kenne welche, die schaffen das sogar, aber wirkliche Raucher schaffen das nie. Nichtrauchen stürzt Raucher in Situationen vollkommener Ratlosigkeit, Du hast einfach nix mehr zu tun. Was machste nach dem Frühstück? Noch mal frühstücken? Aber was machst Du nach dem Sex? Eben.
Nichtrauchen ist die aktivste Form der Passivität, voll darauf konzentriert, etwas nicht zu tun. Das ist bescheuert. Nichtrauchen ist für Raucher enorm ungesund, als Raucher, gut, da hast Du ab und an ein wenig Krebs und so, aber im Großen und Ganzen geht’s Dir prima. Ja, der Husten, aber da merkst Du doch, dass da noch was in Dir lebt, da will noch was raus.
Ich habe aufgehört aufzuhören, dabei habe ich stets tagelang angegeben: reine Willenssache. Eben, ich will nicht. Ich hab’ heimlich geraucht, auch heimlich vor mir selbst. Ich wollte mich nicht enttäuschen, ich habe mich auf dem Balkon versteckt, unter einer Decke, die hat angefangen zu brennen. Menschen, denen es nix ausmacht aufzuhören, sind ekelhaft. Die haben mir einfach nicht mehr geschmeckt. Als ob’s darum geht. Diese Ein-Päckchen-Pro-Tag-Gelegenheitspaffer ohne ideologische Einbindung, diese Marlboro-Light-Schnullis.
Die erste Frage, die sich ein sozial verantwortungsbewusster Raucher stellen muss, ist: Rauche ich wirklich genug? Ich hab mir nix vorzuwerfen, ich rauche nicht gern, aber viel. Raucher sind die Stützen einer Gesellschaft, die vom Überleben bedroht ist. Rauchende Alkoholiker sind die Säulen des Sozialstaats, wir arbeiten viel mehr, sterben früh und vor allen Dingen schnell. Wir sind bereit, unser Leben für das Allgemeinwohl zu opfern, aber Undank und Hass schlagen uns entgegen. Auf dem Bahnsteig werden wir längst ausgesondert. Verfemt stehen wir frierend in dunklen Gassen oder werden in Flughäfen gar als Abnormitäten zur Schau gestellt, in Glasvitrinen zur Besichtigung freigegeben wie einst die stolzen Stämme kolonialisierter Völker beim Maniokstampfen und Penisköcher-Schnitzen.
Der Feminismus hat sich erledigt, der ist durch und durch gesellschaftlich akzeptiert, dabei gefährdet FRauchen ihre Gesundheit nicht minder als Rauchen, was wir jetzt brauchen, ist der Fuminismus, die Emanzipation der Raucher. Es ist doch wohl unbestritten, dass jeder das Grundrecht auf Selbstzerstörung hat, jeder Mensch ist letztlich eine Selbstzerstörungsanlage, denken Sie an Jean Luc Piccards unendlich weise Worte: Das ist das Ende, meine Freunde, wir können nichts mehr tun, die Selbstzerstörungsanlage ist defekt. Alles, was lebt, hat den Auftrag zu töten, sei es nur sich selbst. Wenn nix mehr stirbt? Das wird sehr eng auf der Welt, wir brauchen Raucher, denn Rauchen ist gut gegen die Gesundheit. Nichtraucherschutz verschärft die Haushaltskrise, was wir brauchen sind großräumige Nichtrauchverbote und Nichtraucherlanglebigkeitsabgabengesetze. In jedem Fall dürfen wir Altern nicht zu billig machen, sonst bekommen Jugendliche, die ihre ewig leben wollenden Nichtrauchereltern erschlagen, keinen Knast mehr, sondern Abwrackprämie.
Es sollte verboten werden, dass paranoide Lebensirre ab 40 versuchen mit dem Rauchen aufzuhören, Wofür? Für die geilen Jahre ab 80? Die bleiben vielen dennoch nicht erspart. Ein gesunder Geist ruht in einem gesunden Körper, in einem kranken ist er eben wach. Aber es will keiner mehr wach sein. Alle dämmern vor sich hin im Vorruhestandskoma, gehen dazu über, pausenlos Salat zu fressen, ständig zu furzen, dieser Rohkostterrorismus, wahrscheinlich furzen die zu Hause in den Gasherd, als ökologische Selbstversorger. Das können sie gerne machen, die Dinkelvergaser, aber ständig über Raucher motzen: Nimm doch mal Rücksicht, wir müssen hier alle passiv mitrauchen. Interessanter Gedanke, über mir wohnt ein junges Paar, das ist recht aktiv. Ich sollte mal hochgehen und freundlich um Rücksichtnahme bitten: Könnten Sie das Kopulieren bitte einstellen, ich muss da unten passiv mitvögeln. Das ist ungesund. Bleiben Sie glücklich.
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