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Niedersachsen-Wahl

18. Januar 2013

Doris Schröder-Köpf: Fluch und Segen der Prominenz

 Von Karl Doemens
Doris Schröder-Köpf und ihr Mann, Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Foto: dpa

Doris Schröder-Köpf will als Landtagsabgeordnete aus dem Schatten ihres Mannes treten. In der Politik hat sie sich ehrgeizige Ziele gesteckt - nicht jedem Genossen gefällt das auch.

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Doris Schröder-Köpf will als Landtagsabgeordnete aus dem Schatten ihres Mannes treten. In der Politik hat sie sich ehrgeizige Ziele gesteckt - nicht jedem Genossen gefällt das auch.

Hannover –  

Um die schwarzen Lederstiefel hat sich ein weißer Schneekranz gebildet. Unerbittlich kriecht die Kälte nun nach oben. Es wäre schön, wenn jemand die Tür aufmachen würde. Doch in dem Häuschen in der Iltener Straße rührt sich niemand. Doris Schröder-Köpf verbirgt ihre Enttäuschung. Schnell steckt sie noch eine Broschüre in den Briefkasten. Dann tritt sie lächelnd den Rückzug durchs Gartentor an.

„Natürlich sind um diese Zeit viele Leute nicht zu Hause“, erklärt die 49-Jährige die Situation. Eine Radioreporterin hat ihr ein Mikrofon entgegengestreckt. „Und viele Ältere haben auch Angst. Schließlich erkennt man mich ja nicht auf Anhieb“, setzt sie bescheiden hinzu. Eigentlich sieht die Frau des früheren Bundeskanzlers aus wie immer: sportlich-elegante Kleidung, eine sehr schlanke Daunenjacke, dezentes Make-up. Nur versteckt die Wollmütze, die sie zum Schutz vor dem Schnee aufgesetzt hat, ihre blonden Haare. Anders als ihre Wahlhelfer hat sie keine rote SPD-Winterweste übergezogen.

Die zierliche Frau ist eine Prominente. Jahrelang saß sie als Kanzlergattin im Zentrum der Macht. Sie reiste mit ihrem Mann um die Welt, glänzte auf Empfängen und und erfand den Titel „Agenda 2010“ für die rot-grünen Sozialreformen. Nun verteilt sie Flugblätter und Eiskratzer im Hannoveraner Stadtteil Mittelfeld. Am Sonntag kandidiert sie für den niedersächsischen Landtag. Sie ist auf der Liste abgesichert, so dass ihr Einzug ins Parlament relativ sicher scheint.

Gestalten und Dinge verändern

Bestimmte Themen, erzählt Schröder-Köpf, hätten sie schon immer begleitet. Zum Beispiel die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Bevor sie 1997 Schröder heiratete, arbeitete sie alleinerziehend als Journalistin. „Erst habe ich beschrieben. Dann habe ich geschwiegen. Aber jetzt kann ich gestalten und dazu beitragen, dass die Dinge geändert werden“, charakterisiert sie ihren Lebensweg. Der bevorstehende Rollenwechsel elektrisiert sie.

Im Haus Nummer 10 öffnet ein Mann die Tür. Schröder-Köpf drückt ihm die Broschüre in die Hand und beginnt einen Small-Talk. Wie lange er schon hier lebe? Ob es ihm gefalle? „Wenn Sie irgendetwas haben, mailen Sie“, verabschiedet sie sich: „Adresse steht auf dem Flyer.“

Knapper Wahlausgang erwartet

Wahlforscher rechnen wenige Tage vor der Landtagswahl in Niedersachsen mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen und einem sehr knappen Ausgang. Nach einer repräsentativen Umfrage der Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung käme die CDU auf 41 Prozent der Stimmen und wäre damit stärkste Fraktion. Die SPD erreichte demnach 33 Prozent und die Grünen 13 Prozent. Die FDP würde den Einzug in den niedersächsischen Landtag mit fünf Prozent knapp schaffen. Linke und Piraten erreichen demnach nur jeweils drei Prozent.
Klare Mehrheitsverhältnisse zeichnen sich damit nicht ab. Sowohl das regierende Bündnis aus CDU und FDP, als auch die Oppositionsparteien SPD und Grüne könnten die Wahl mit hauchdünnem Vorsprung gewinnen und im Landtag mit knapper Mehrheit regieren. Der amtierende Ministerpräsident David McAllister (CDU) ist allerdings auf den Wiedereinzug der FDP angewiesen. Gäbe es eine Direktwahl, würden sich 51 Prozent der Befragten für McAllister entscheiden und nur 35 Prozent für seinen SPD-Herausforderer Stefan Weil.

Systematisch durchkämmt Schröder-Köpf das Mittelfeld-Viertel im Süden Hannovers. Viele einfache Nachkriegsbauten. Ein kultureller Schmelztiegel. Nach dem Krieg kamen die Schlesier. Dann die Afrikaner. Und Russlanddeutsche. Integration und Vielfalt sind Schröder-Köpfs politische Schwerpunktthemen. Aus dem Stegreif kann sie selbst bei Eiseskälte über den Wandel der Mehrheitsgesellschaft einen druckreifen Vortrag halten.

Doch auch aus einem anderen Grund zieht sie rund um die Gnadenkirche von Haus zu Haus: Hier leben viel SPD-Wähler. Die sollen nach amerikanischem Vorbild mobilisiert werden, damit sie am Sonntag wirklich zur Wahl gehen.

Wenn ihre Mütze nicht gerade tief ins Gesicht gerutscht ist, muss sich Schröder-Köpf nirgendwo vorstellen. Vor dem Seniorentreff spricht sie ein 91-Jähriger an: „Sie machen das sehr gut. Meine Stimme haben Sie.“ Am Rübezahlplatz kommt ein junger Afrikaner auf sie zu. Er selber dürfe nicht wählen, aber: „Meine Frau wählt Sie.“ Wenig später bittet der Fischverkäufer auf dem Bemeroder Rathausplatz um ein Autogramm.

Die Schröders wohnen ein paar Kilometer entfernt im hübscheren Stadtteil Waldhausen. „Wenn Sie drei Kinder haben und jeden Tag mit dem Hund Gassi gehen, dann sind Sie irgendwann bekannt“, sagt die Kandidatin. Doch ist das natürlich nicht die Erklärung für ihre Prominenz, die sie selbst als „Fluch und Segen“ bezeichnet. Dreimal schon musste sie die zertrümmerten Scheiben ihres Wahlkampfbüros erneuern lassen.

Im Internet wird sie wegen der Agenda-Politik beschimpft. Immer wieder wird sie von Journalisten auf den Ex-Kanzler angesprochen. Dann kann Schröder-Köpf richtig fuchsig werden: „Wenn Sie Fragen an meinen Mann haben, sollten Sie sie ihm stellen“, zischte sie neulich im ARD-Frühstücksfernsehen.

Die Genossen grummeln

Zur Wahrheit gehört auch, dass die parteipolitisch unerfahrene Frau ohne familiären Hintergrund wohl kaum so einfach als Landtagskandidatin aufgestellt worden wäre. Auch würde sie seltener zu Talkshows eingeladen. Und wahrscheinlich käme der ehemalige serbische Präsident Boris Tadic nicht in ihren Wahlkreis. Manche Genossen grummeln deshalb. Die bisherige Wahlkreisabgeordnete Sigrid Leuschner ist gar verbittert zur Linkspartei gewechselt.

Das sei bedauerlich, werde bei der Wahl aber keine Rolle spielen, glaubt Schröder-Köpf. Tatsächlich zeigt sich mancher SPD-Funktionär über den Abgang eher erleichtert. Und im Umfeld von Spitzenkandidat Stephan Weil freut man sich offen über den Zuwachs an weiblicher Prominenz und an Glamour, den „die Doris“ mitzubringen verspricht.

Doch als „Gerd seine Frau“, wie mancher in Abwandlung eines Ruhrpott-Wahlslogans für Gerhard Schröder kalauert, wird die Landtagsabgeordnete bestimmt nicht auftreten. „Jetzt geht es um meine Agenda“, hat sie dem Spiegel gesagt. In einer Regierung Weil soll sie Integrationsbeauftragte werden. Zwangsläufig wird sie nicht mehr so oft bei den beiden schulpflichtigen Adoptivkindern sein können.

Da kommen neue Aufgaben auf den Ex-Kanzler zu. „Die größte Hilfe meines Mannes ist, dass er sich um die Kinder kümmert“, sagt sie. Tatsächlich liefert er später den Sohn bei einem Wahlkampfauftritt seiner Frau am Fußballplatz ab. Er freue sich, mehr mit den Kindern zusammen zu sein, hat Schröder zum Jahreswechsel zu Protokoll gegeben. Dass er nun aber „zum Hausmann mutiere“, setzte er hinzu, sei nicht zu befürchten.

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