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Niedersachsen-Wahl

20. Januar 2013

Niedersachsen-Wahl: Phönix aus der Asche

 Von  und 
Er sei keine Hilfe gewesen, räumte Peer Steinbrück ein. Stephan Weil beteuerte dagegen: „Ich kann in unserem Ergebnis keine Bremsspuren erkennen.“ Foto: dpa

Peer Steinbrück hat den niedersächsischen Sozialdemokraten nicht geholfen. Doch die Debatte über den Kandidaten ist abgeblasen.

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So richtig glücklich sehen die beiden Männer noch nicht aus, als sie um 18.44 Uhr auf das kleine Podium im Willy-Brandt-Haus steigen. Im Atrium der Berliner SPD-Zentrale herrscht drangvolle Enge, aber auch eine merkwürdig ratlose Stimmung. Es ist kein einziges Mal geklatscht worden, als die ersten ernüchternden Hochrechnungen über die Monitore gingen, und die meisten Gäste halten sich an ihrem Glas Wasser fest.

Nun also muss Sigmar Gabriel mit einer Mut-mach-Rede die Enttäuschung beiseiteschieben, die sich breitgemacht hat, seit die Demoskopen mal ein Patt und mal gar eine hauchdünne Mehrheit für CDU und FDP im niedersächsischen Landtag prognostizieren. Man muss sagen, dass der Parteichef das nicht schlecht macht: Die SPD habe zugelegt, die CDU verloren, die Wahlbeteiligung sei gestiegen, die Linken draußen, Rot-Grün auf der Siegerstraße. „Das wird ein gutes Jahr. Da bin ich sicher“, ruft Gabriel in den Saal.

Das sind kräftige Worte, und zu diesem Zeitpunkt sind sie ziemlich mutig. Denn der schwergewichtige Mann aus Goslar kann nicht wissen, dass er gut vier Zitterstunden später, nach einem Abend, der spannender verläuft als viele Tatort-Krimis, tatsächlich auf unerwartete Weise Recht bekommen wird.

Zunächst sieht es so aus, als habe die SPD ihr Wahlziel eines Regierungswechsels deutlich verfehlt, und deswegen muss Kanzlerkandidat Peer Steinbrück nun noch dringend ein paar Worte sagen. Es habe keinen Rückenwind aus Berlin für die Parteifreunde in Niedersachsen gegeben, gesteht er: „Mir ist bewusst, dass ich maßgeblich dafür eine gewisse Mitverantwortung habe.“ Jetzt stellen die Genossen ihre Gläser beiseite und applaudieren. Sie klatschen tatsächlich, weil ihr Vormann öffentliche Selbstkritik übt. So absurd die Situation ist: Man hat das Gefühl, dass ihr Beifall irgendwie befreiend wirkt.

Bauchgefühl war schon besser

Das also ist die Strategie, mit der die SPD-Spitze über diesen Abend kommen will. Seit Freitag haben die unveröffentlichten Umfragen suggeriert, dass der Vorsprung von Rot-Grün komplett weggeschmolzen sei und am Ende doch Schwarz-Gelb gewinnen dürfte. „Mein Bauchgefühl war schon besser“, gesteht wenige Stunden vor Schließung der Urnen ein führender Genosse. Deswegen ist Generalsekretärin Andrea Nahles schon kurz nach Schließung der Wahllokale, viel früher als üblich, vor die Kameras getreten, und hat die Losung des Abends vorgegeben. Sie beglückwünscht den niedersächsischen Spitzenkandidaten Stephan Weil zu seiner „großartigen Leistung“, streut Asche auf Steinbrücks Haupt („Wir wissen, dass wir liefern müssen. Das haben wir nicht geschafft.“) und beteuert zugleich, dass er selbstverständlich Kanzlerkandidat bleibe.

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Ein paar hundert Kilometer weiter westlich, in Hannover, wirkt das Lächeln von Stephan Weil zu dieser Zeit sehr gequält. Die Mundwinkel wollen sich nicht so recht nach oben bewegen. So bilden seine Lippen eher einen horizontalen Strich durch sein Gesicht, als könnten sie sich ebenso wenig zu einer klaren Entscheidung durchdringen wie die Wähler in Niedersachsen an diesem historischen Wahlabend. Weil weiß zu diesem Moment noch nicht, woran er ist. Ob er neuer Ministerpräsident wird, oder hauchdünn geschlagen als Oppositionsführer in den Landtag einziehen wird.

Weil weiß allerdings schon eins: an ihm hat es nicht gelegen, sollte es nicht reichen. „Die SPD hat zugelegt“, ruft er seinen Anhängern im übervollen Fraktionssaal der Sozialdemokraten zu. Zugelegt trotz der „nicht ganz einfachen Bedingungen in den letzten Wochen“. Die niedersächsischen Genossen hätten gekämpft wie seit 15 Jahren nicht mehr, lobt Weil. Sie seien hochmotiviert gewesen. Für den freundlichen Hannoveraner steht fest, ein noch besseres Ergebnis wäre drin gewesen, wenn, ja wenn Peer Steinbrück glücklicher agiert hätte. Bei aller Loyalität möchte Weil an diesem Abend nicht die Verantwortung dafür übernehmen, dass der erhoffte Schub aus Hannover für den Bundestagswahlkampf ausgeblieben ist.

Auf den Bildschirmen der SPD-Wahlparty in Hannover wird in diesem Moment eine ZDF-Hochrechnung eingeblendet, bei der Rot-Grün hauchdünn vorne liegt. Der Saal jubelt, ein junger Mann mit Struwelfrisur dreht sich um zum Monitor. „Vielleicht reicht’s ja doch“, sagt er. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, wie recht er behält.

Die Genossen müssen noch einen Polizeiruf-Krimi und eine quälende Diskussion bei Günther Jauch über sich ergehen lassen, bis ARD-Wahlexperte Jörg Schönenborn um kurz vor 23 Uhr endlich eine verlässliche Hochrechnung präsentiert. Dass Rot-Grün am Ende doch ganz knapp die Nase vorne haben könnte, hatte sich im ZDF schon länger angekündigt. Nun bestätigt Schönenborn die Sensation des Abends: SPD und Grüne dürften im Hannoveraner Landtag auf eine Mehrheit von einer Stimme kommen.

Jetzt löst sich in Hannover schlagartig die Anspannung auf dem Gesicht von Stephan Weil: „Wir sind durch eine Achterbahn der Gefühle gefahren“, sagt er. Die Fragen der Reporter kann er wegen der Begeisterung der Anhänger kaum verstehen: „Hier ist die Hölle los. Meine Stimmung wird immer besser.“

In noch viel größerem Maße dürfte das für Peer Steinbrück gelten. Zwar hat sich Parteichef Gabriel schon früh am Abend jeder Spekulation über einen möglichen Rückzug des Kandidaten breitbeinig in den Weg gestellt: „Was wären wir für ein jämmerlicher Haufen, wenn wir gleich den Kandidaten auswechseln würden, wenn der Wind mal von vorne bläst?“ Und Steinbrück selbst hat selbstbewusst versichert: „Ich bin und bleibe Spitzenkandidat der SPD.“ Bei einem schlechteren Abschneiden der SPD aber hätte es in den nächsten Wochen sicher vernehmbares Gegrummel gegeben.

Nun wird der Sensationserfolg von Hannover den Stolperstart des Kandidaten fürs erste vergessen machen. Kaum ein namhafter Genosse dürfte diese Chance zu einem Neustart in den nächsten Tagen noch durch Personaldebatten in Frage stellen. „Wenn wir verloren hätten, wäre das die Niederlage von Peer Steinbrück gewesen“, gibt Stephan Weil die Richtung vor. „Jetzt scheinen wir zu gewinnen. Ich finde, das ist dann auch der Sieg von Peer Steinbrück.“

Hinter den Kulissen freilich steigt der Druck auf Steinbrück, seine allzu selbstverliebte Haltung den Erfordernissen seiner neuen Aufgabe anzupassen. Dazu gehört auch eine stärkere Konzentration auf inhaltliche Botschaften. Er wolle „Themen in den Vordergrund stellen, die nah bei den Menschen sind“, verspricht der Kandidat. Das klingt nicht mehr nach Nebenverdiensten, Pinot Grigio und Kanzlergehalt. Aber irgendwie erinnert es mehr an Kurt Beck als an Peer Steinbrück. Der Kandidat muss seine Rolle noch finden. Und zwar sehr bald: Noch so eine unfassbare Chance wird er kaum bekommen.

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