Niedersachsen-Wahl

20. Januar 2013

Niedersachsen-Wahl: Was für ein Abend!

 Von 
Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (rechts) und SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil in einem TV-Studio. Foto: dpa

Niedersachsen hat gewählt - aber wen? Die Spitzenkandidaten von SPD und CDU lächeln stundenlang in die Kameras, aber sie wissen es auch nicht. Und in Berlin bemühen sich die Spinn-Doktoren aller Parteien, Gutes für die Bundestagswahl herauszulesen.

Drucken per Mail
Berlin –  

Sie sind eben doch ganz unterschiedliche Charaktere. Stephan Weil von der SPD kämpft sich von einer Fernseh-Kamera zur anderen, lächelt, dankt dem Wähler, lobt seine Partei und lächelt dann wieder. Um 18.23 Uhr fängt er damit an, da brennt in den Wahllokalen noch überall das Licht. Wie anders ist da David McAllister, der amtierende Ministerpräsident! Der CDU-Mann wartet noch eine weitere gute Stunde, bis 19.38 Uhr, bis er sich zum ersten Mal zeigt. Da glaubt er schon, von "berechtigten Hoffnungen" sprechen zu können, an der Regierung zu bleiben.

Niedersachsen-Wahl

Alle Prognosen, Ergebnisse und Koalitionsrechner zur Landtagswahl in Niedersachsen in unserer interaktiven Grafik. Analysen und Kommentare im Spezial.

Tatsächlich gibt es an diesem Abend lange - sehr, sehr lange - überhaupt keine berechtigten Gründe, weder zur Hoffnung noch zur Verzweiflung. Mal sehen die Hochrechnungen der Fernsehsender Schwarz-Gelb vorn, mal Rot-Grün, aber ständig wechselnd und auch immer nur mit hauchdünnen und extrem ungewissen Mehrheiten. Einen so dramatischen Wahlabend hat die Republik selten erlebt. "Spannender als der Tatort", sagt der SPD-Politiker Hubertus Heil schon zu Beginn des Abends. Er sollte Recht behalten.

Zumal es ein Abend der Superlative wurde: Die Grünen erzielten ihr bisher bestes Ergebnis in Niedersachsen, und erstaunlicherweise tat das auch die FDP. Die profitierte in nie dagewesener Weise von Leihstimmen der CDU. 80 Prozent der FDP-Stimmen, so schätzte die Forschungsgruppe Wahlen, gehörten Leuten, die eigentlich CDU-Wähler sind. "Fremdblut-Zufuhr" nennt das SPD-Chef Sigmar Gabriel.

Rösler und Steinbrück atmen auf

Doch Stimme ist Stimme, und Wahlerfolg ist Wahlerfolg. Philipp Rösler, dem angeschlagenen FDP-Bundesvorsitzenden, dürfte es an diesem Abend ziemlich egal sein, warum die Niedersachsen seiner Partei ein so schönes Ergebnis verschafften. Für ihn bedeutet es, dass er vor Putsch-Versuchen vorerst sicher ist. Der hässliche Vorschlag von FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle, den für Mai angesetzten Wahlparteitag der FDP auf März vorzuziehen, ist vom Tisch. Und selbst Wolfgang Kubicki, der erratischste aller FDP-Landespolitiker, verspricht, er werde Rössler wieder wählen.

Aufatmen auch bei Peer Steinbrück, für den Niedersachsen ebenfalls zur Schicksalswahl hätte werden können. Selbst wenn es am Ende für Rot-Grün nicht reicht, hat die SPD in Niedersachsen dort respektabel genug abgeschnitten, dass Steinbrück Kanzlerkandidat bleiben kann. Und weil die Partei ja auch keinen anderen Bewerber hat, den sie sofort aufbieten könnte, zeigt sich auch Gabriel erleichtert. „Was wären wir für ein jämmerlicher Haufen, wenn wir gleich den Kandidaten auswechseln würden, wenn der Wind mal von vorne kommt", sagt der SPD-Chef.

Und doch wissen alle, dass Steinbrück und seine Debatten um das Geld die Niedersachsen-Wahl schwer belastet haben. Auch Steinbrück selbst ist sich dessen bewusst. "Mir ist sehr bewusst ist, dass es aus der Berliner Richtung keinen Rückenwind gegeben hat", sagt Steinbrück und fügt noch hinzu: "Mir ist sehr bewusst, dass ich daran eine gewisse Mitverantwortung trage." Man darf gespannt sein, ob es dem Kandidaten nun gelingen wird, seine Zunge besser im Zaum zu halten.

Omen für die Bundestagswahl

Das Wort des Abends war der Lagerwahlkampf, und die Berliner Spinn-Doktoren aller Parteien taten ihr Bestes, aus der Niedersachsen-Wahl günstige Omen für die Bundestagswahl im September herauszulesen. Der CDU fiel das relativ leicht, sie konnte sich immerhin darauf berufen, in Niedersachsen als stärkste politische Kraft bestätigt worden zu sein. Oder wie McAllister sagte, als er so relativ spät vor die Kameras trat: "Die CDU in Niedersachsen ist die Super-Partei!"

Nur zwei Parteien fiel der Optimismus an diesem Abend schwer: Der Linkspartei und den Piraten, die beide den Einzug in den Landtag um Längen verpassten. Für die Linkspartei läutet die Niedersachsen-Wahl damit womöglich das Ende ihres Präsenz in Westdeutschland ein; die Piraten müssen fürchten, dass ihre unerhörte Erfolgsserie nun endgültig beendet ist. Siegesgewiss verkündet SPD-Chef Gabriel jedenfalls schon einmal, im Bundestagswahlkampf wolle er diesen Parteien gezielt Stimmen abjagen

Doch zunächst einmal wird man noch wissen wollen, wer denn nun eigentlich die Wahl in Niedersachsen gewonnen hat. Diese so spannende und unerhört knappe Wahl, die uns wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Politik-Spezial

Denkbar knapp siegt Stephan Weil (SPD, li.) im Bündnis mit den Grünen bei der Niedersachsen-Wahl.

Interaktive Grafik - alle Ergebnisse, Koalitionsrechner

Spezial mit Analysen und Kommentaren


Spezial: Niedersachsen-Wahl
Interaktiv

Die Wahl in Niedersachsen beeinflusst die politischen Gewichte im Bundesrat. Unserer Grafik zeigt die Zusammensetzung.

Videonachrichten Politik
Anzeige
Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.

Meinung
Anzeige
Frankfurter Rundschau im Abo
ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!