Aktuell: Trauer um Claudia Michels | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Fußball-News | Eintracht Frankfurt

Niedersachsen-Wahl

15. Januar 2013

Stephan Weil: Spröder Optimist

 Von Karl Doemens
„Anpacken.Beter maken.Dat is uns Motto.“ Stephan Weil im plattdeutschen SPD-Wahlprogramm.Foto: dpa

Die Chancen des Hannoveraner Oberbürgermeisters, die Wahl zu gewinnen, stehen gar nicht schlecht. In den letzten Umfragen lag Rot-Grün vorn.

Drucken per Mail

Der Regionalexpress RE 4850 hat den Bahnhof von Braunschweig kaum verlassen, da holt das ärgerliche Thema den Kandidaten schon ein. Gerade noch hat Stephan Weil in der Fußgängerzone rote Rosen verteilt. „Denken Sie daran, am 20. Januar ist Niedersachsen-Wahl. Ich bin von der SPD. Die können Sie gut wählen“, hat der Mann in der Lederjacke gesagt und viele freundliche Reaktionen bekommen. Ausnahmsweise hat es nicht geregnet. Ein Jazz-Trio sorgte für gute Stimmung. „Ich fühle mich wohl in meiner Haut“, hat der sozialdemokratische Spitzenkandidat erklärt.

Und nun das. Auf der kurzen Zugfahrt zur nächsten Wahlkampfstation in Peine gibt Weil ein Fernsehinterview. Gleich die erste Frage zielt auf den glücklosen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. „Ich bin froh, dass das Thema hier im Wahlkampf keine große Rolle spielt“, weicht er demonstrativ gelassen aus. Doch so einfach lässt der Reporter nicht locker. Ob er denn finde, dass Spitzenpolitiker zu wenig verdienen? „Ich bin bis jetzt mit meinem Geld gut ausgekommen“, sagt der 54-Jährige, „und ich bin optimistisch, dass mir das auch als Ministerpräsident gelingt.“

Das ist gut gekontert, und Stephan Weil lächelt zufrieden. Viel lieber hätte er trotzdem etwas über die fehlenden Ganztagsschulen und die drohenden Krankenhausschließungen in der Region gesagt. Oder das Werftensterben im Norden. Aber da ist die Kamera schon abgeschaltet. So passiert ihm das öfter: Ganz egal, ob er in Berlin die Pläne eines rot-grün dominierten Bundesrates vorstellt, ob er in Emden einen Windradbauer besucht oder in Hannover zum Fernsehduell mit CDU-Amtsinhaber David McAllister antritt – stets verdunkelt der Schatten Steinbrücks ein Stück weit die mediale Wahrnehmung.

Sein Vorsprung ist geschmolzen

Dabei sind die Chancen des Hannoveraner Oberbürgermeisters, die Wahl am Sonntag zu gewinnen, gar nicht schlecht. In den Umfragen liegt Rot-Grün vorn, wenn auch der Vorsprung zuletzt geschmolzen ist, seit die FDP wieder auf fünf Prozent taxiert wird. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen kündigt sich an.

Weil setzt alles auf eine Karte: Schon seit Monaten tourt er kreuz und quer durchs Land, um seine Bekanntheit zu steigern. Rund 40.000 Kilometer hat er zwischen Ems und Weser zurückgelegt. Die Amtsgeschäfte im Rathaus der Landeshauptstadt hat er inzwischen seinem Stellvertreter übertragen. Sollte er am Sonntag scheitern, geht er als Oppositionsführer in den Landtag.

Diese Geradlinigkeit ist typisch für Weil. Offen gesteht er in der Diskussion über ein Atom-Endlager seinen Dissens mit SPD-Chef Sigmar Gabriel ein: Der will ergebnisoffen in ganz Deutschland nach einem Standort suchen, während Weil Gorleben kategorisch ausschließen will. Und trotz der Negativschlagzeilen kommt es ihm umgekehrt nicht in den Sinn, sich von Peer Steinbrück zu distanzieren.

"Hier steckt Substanz dahinter"

Kompetent, sachorientiert und ernsthaft – so beschreiben Weils Anhänger den Kandidaten. „Hier geht es nicht nur um Eloquenz, hier stecken auch Substanz dahinter und Inhalte und Erfahrung“, lobt der Braunschweiger SPD-Chef Christoph Bratmann den Ehrengast beim örtlichen Neujahrsempfang. Indirekt spiegelt er damit freilich auch ein kritischeres öffentliches Bild, das Weil als etwas spröde, vielleicht sogar langweilig erscheinen lässt.

Doch dieser Eindruck trügt. Nicht nur verbirgt sich hinter der unauffälligen Fassade ein Mann mit feinem Humor, der im Fernsehduell deutlich lockerer und lebendiger als der smarte Medienprofi McAllister herüberkommt. Auch gewinnt Weil enorm im direkten Gesprächskontakt. Wie ein Fisch im Wasser treibt er an diesem Nachmittag durch die Innenstadt von Peine. Da werden Hände geschüttelt und Schultern geklopft. Ohne Hemmungen stürmt Weil in Modeboutiquen und Drogeriemärkte. Mal hält er einen kleinen Plausch, mal weist er nur freundlich auf die Landtagswahl hin.

Selbst dem Verkäufer eines Blumenladens drückt er eine Rose in die Hand: „Ich wette, dass Sie lange keine Blumen mehr geschenkt bekommen haben“, sagt er. Der Mann lächelt.

In solchen Situationen kann man sich den Kandidaten, der am Wochenende regelmäßig 15 Kilometer joggt, gut als Landesvater vorstellen. „Meine Damen!“, nähert er sich charmant vier älteren Besucherinnen eines Cafés, die ihn an ihren Tisch bitten. Das Thema Peer Steinbrück ist in diesem Moment weit weg. „Ich bin nicht siegessicher, aber optimistisch“, sagt Weil. Dann muss er weiter. Zum Bahnhof. Die alten Damen winken ihm freundlich hinterher. Im Zug nach Lehrte wartet das nächste Kamerateam.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Politik-Spezial

Denkbar knapp siegt Stephan Weil (SPD, li.) im Bündnis mit den Grünen bei der Niedersachsen-Wahl.

Interaktive Grafik - alle Ergebnisse, Koalitionsrechner

Spezial mit Analysen und Kommentaren


Spezial: Niedersachsen-Wahl
Interaktiv

Die Wahl in Niedersachsen beeinflusst die politischen Gewichte im Bundesrat. Unserer Grafik zeigt die Zusammensetzung.

Videonachrichten Politik
Anzeige
Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.

Meinung
Anzeige
Frankfurter Rundschau im Abo
ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!