iFangen wir mit der Musik an, sie ist die eigentliche Sensation des Abends: ein tönend bewegtes Feuerwerk, dem man selbst als Wagner-Skeptiker fünfeinhalb Stunden gebannt beiwohnt und sich währenddessen wiederholt verwundert aus dem Sessel zur Balustrade reckt, weil man gar nicht glauben mag, dass das Orchester, das unten im Graben sitzt, das nämliche ist, das man in den vergangenen zwei Spielzeiten häufig so übersteuert und zugleich so lethargisch und unpräzise erlebt hatte, so wenig balanciert und so monochrom.
Nun, das sind die Schatten der Vergangenheit, die der mediokre Carl St. Clair mit sich zog. Die Gegenwart gehört der Jugend. Nicht einmal 30 Jahre alt ist der neue Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin, Patrick Lange, aber er steht vorn am Pult wie eine Art Obelix, mit dem kleinen Unterschied, dass der Gallier in die Kraftmeiertonne fiel, Lange jedoch in eine, wo die Musen ihn küssten, allen voran diejenigen, die für die klingenden Subjekte zuständig sind. Dass diese Tonne unweit von Nürnberg stand, wollen wir vorerst als Zufall der Musikgeschichte verbuchen.
Das Prädikat grandios
Man sollte vorsichtig sein mit dem Attribut grandios. Doch was Lange mit der Partitur der „Meistersinger“ anstellt, verdient dieses Prädikat uneingeschränkt. Gerade die bräsige Steifheit zahlreicher Passagen, das Gestelzt-Germanische darin, hat ja viele mit gutem Grund zur Abneigung gegen diese Oper bewegt. Davon ist aber am Sonntagabend bei der Premiere schlichtweg nichts zu hören. Schon die Ouvertüre ist ein in vielen Facetten funkelndes Juwel, zudem formal gebändigt. Entschieden und in rascher Abfolge treten die musikalischen Charaktere hervor, aber eben nicht so altbacken und didaktisch, wie man es häufig hört. Da vernimmt man keine Sehet-her-hier-kommt-ein-Leitmotiv-Pädagogik, da waltet nur die pure Lust. Entsprechend saftig klingt die Melodie der Sehnsucht in der Ouvertüre.
Und genau darum geht es dem Intendanten der Komischen Oper, Andreas Homoki, der mit dieser Inszenierung zurückkehrt in den Club der erlauchten Regisseure. Es geht um sehnende Lust, um uneingeschränkte Liebe und am besten immer um beides zugleich. Dass diese Lust und Liebe eingebunden ist in eine nach wie vor etwas krude Handwerkergeschichte, vergisst man bald. Und auch, dass diese Oper beladen ist durch ihre Rezeption innerhalb der deutschen Geschichte. Noch Peter Konwitschny konnte seinerzeit in Hamburg gar nicht anders, als in der nach wie vor nationalismusverdächtigen Schlussansprache des Hans Sachs abzubrechen und den entrüsteten Kommentar „Das kannst Du doch nicht singen“ in den Saal zu schicken.
Homoki umschifft dieses politische Riff mit höchster Geschmeidigkeit. Wenn Sachs den welschen Kram verdammt, rennen alle einfach weg. So einen fremdenfeindlichen Quatsch will keiner hören. Insbesondere nicht in einer Opéra Comique. Denn das und nicht mehr und nicht weniger sind Wagners „Meistersinger“ an diesem Abend, obwohl der Komponist diese Genrebezeichnung nie je zu formulieren wagte, selbst in seinen Briefen nicht.
Frank Philipp Schlößmann hat das dafür geeignete Bühnenbild erdacht. Die mittelalterliche Stadt Nürnberg ist hier eine Ansammlung aus augmentierten Pappmachéhäusern Marke Augsburger Puppenkiste, die sich je nach Stimmungslage verschieben. Mal ducken sie sich in kleinbürgerlicher Attitüde ganz eng aneinander, um niemanden hinein (aber auch nicht hinaus) zu lassen; mal streben sie ins Offene; mal verschwinden sie ganz.
Die Häuser, sie sind, wie die Menschen gekleidet sind (Kostüme: Christine Mayer). Sie sind grau. Vier Stunden lang, bis zur Festwiesenszene, sieht man nichts anderes. Aber es gibt Unterschiede in diesem Einheitsbrei. Walther von Stolzing beispielsweise, der stolze Ritter (stimmschön, in der Höhe etwas wackelig: Marco Jentzsch), ist zwar grau, aber nicht farblos. Denn er hat, was viele nicht haben, er hat eine Haltung. Und eine Vision dazu. Die Tristan-Vision. Sprich: den Ausstieg aus dem Kessel der Mittelmäßigkeit. Kein Wunder, dass sich die schmucke Eva (mit hell leuchtendem, aber auffällig metallischem Sopran: Ina Kringelborn), wiewohl ebenfalls grau gewandet, augenblicklich in ihn verliebt. Denn auch sie will hinaus aus dem Korsett der Vorschriften, endlich ihre Isolde-Vision ausleben.
„Die Meistersinger“ als Variante des „Tristan“
Von diesem Punkt aus denkt Homoki das Stück. Er denkt es als Variante des drei Jahre vor den „Meistersingern“ vollendeten „Tristan“ (1865), und eben nicht als altmeisterliches Lehrstück über Deutschland. Hans Sachs (expressiv: Tómas Tómasson) kommt in diesem Liebestraumspiel die Rolle des tragischen Helden zu. Natürlich liebt der Schuster Eva, und natürlich weiß er, dass er sie nicht kriegt. Er ist eben nur der Schuster und nicht der Ritter. Gleichwohl, Pogners Tochter zweifelt, und das sehr ausdauernd. Doch kaum hat Stolzing inmitten des knallbunten Häusermeers, um das herum sich das nun knallbunte Volk tummelt in ausgelassener Freude darüber, dass es endlich ein Ende hat mit der Farbe Grau, sein Werbelied gesungen, sinkt sie hernieder, die Macht der Liebe, und direkt auf Evchens Haupt.
Wir haben mit der Musik angefangen, wir hören mit ihr auf – und merken an, dass der von der Regie phantastisch geführte Chor genau so auch gesungen hat und dass unter den zahllosen Meistersängern Dimitry Ivashchenko (Pogner) und Karolina Gumos als Magdalena herausragten.
Komische Oper, Berlin: 2., 9. Oktober, 7., 13., 27. November. www.komische-oper-berlin.de