Gerda S. ist Rentnerin, wohnt in der Nähe des Mainkais und hat gerade von ihrer Wohnungsgesellschaft eine Mieterhöhung um 80 Euro bekommen. Sie beantragt jetzt Wohngeld.
Nahe der Glauburgstraße wird ein Sechs-Parteien-Mietshaus gerade modernisiert und in Eigentumswohnungen umgewandelt. Angekündigte Mieterhöhungen, Baulärm und die dringende „Empfehlung“ der neuen Eigentümer-Gesellschaft, sich doch bitte etwas Neues zu suchen, haben schon mehrere Alt-Mieter in Angst und Wut versetzt.
Eine dreiköpfige Familie wohnt in Sachsenhausen, es steht eine Zwillingsgeburt bevor, nach einem halben Jahr Suche steht für die wachsende Familie fest: „Es gibt für uns fünf keine Wohnung in Frankfurt, die wir noch bezahlen könnten.“
Der Countdown läuft. Noch weniger als ein Monat, dann wird das neue Stadtoberhaupt gewählt. Dann steht fest, wer Frankfurt in den kommenden sechs Jahren regiert. Oder doch nicht? Bekommt ein Kandidat im ersten Wahlgang die nötige Mehrheit von 50 Prozent plus einer Stimme? Oder gibt es eine Stichwahl? Und was sind überhaupt die beherrschenden Themen, die über Sieg und Niederlage bei der OB-Wahl entscheiden? Der Fluglärm? Oder doch die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt?
In einer Podiumsdiskussion wollen wir über alle diese Fragen am kommenden Dienstag, 21. Februar, im Foyer der Frankfurter Rundschau mit den aussichtsreichsten Kandidaten der OB-Wahl sprechen. Auf dem Podium vertreten sind: Boris Rhein (CDU), Peter Feldmann (SPD), Rosemarie Heilig (Grüne), Janine Wissler (Linke), Herbert Förster (Piraten) und Ursula Fechter (Flughafenausbaugegner). Das Stadtgespräch moderieren werden die FR-Redakteure Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert.
Zur Wahl aufgerufen sind rund 467.000 Frankfurterinnen und Frankfurter. Das sind 32.000 mehr als bei der vergangenen OB-Wahl im Jahr 2007. Damals wurde Petra Roth (CDU) mit großer Mehrheit als Stadtoberhaupt bestätigt. Ihre Amtszeit sollte eigentlich erst im Sommer 2013 enden. Im November gab Roth jedoch überraschend bekannt, sie werde ihr Dienstzimmer bereits 2012 räumen.
Das Stadtgespräch am Dienstag, 21. Februar, beginnt um 19 Uhr (Einlass: 18.30 Uhr) bei der FR, Karl-Gerold-Platz 1 (vormals: Textorstraße 35). Der Eintritt ist frei.
Drei Fälle, die die gegenwärtigen Notlagen auf dem Frankfurter Wohnungsmarkt illustrieren. Da gibt es zum einen Goldgräberstimmung auf dem Eigentumswohnungs-Segment. Gründerzeit-Häuser werden massenhaft aufwendig modernisiert und lukrativ zu Preisen von mehr als 4000 Euro pro Quadratmeter veräußert. Das geht sehr gut. Wer etwas hat, der investiert gerne in eine Immobilie, der Finanzmarkt ist ja so unsicher. Für die eingesessenen Mieter heißt das in den meisten Fällen Vertreibung. Mit „Gentrifizierung“ wird ein Prozess beschrieben, der sich derzeit besonders im Nordend beobachten lässt: Leicht verstaubte Gründerzeit-Quartiere werden luxussaniert, die Mieten für Normalverdiener unbezahlbar, die angestammten Bewohner müssen weichen und mit ihnen die bisherige lokale Infrastruktur an Kneipen und Geschäften. Dieser Entwicklung auszuweichen ist aber schwierig. In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl der preiswerten, öffentlich geförderten Wohnungen von 60.000 auf rund 30.000 geschrumpft. Es gibt grundsätzlich einfach zu wenig Wohnraum in der flächenmäßig kleinen Metropole. Parallel steigt die Bevölkerungszahl stetig, durch Geburten und Zuzüge.
Kaum noch Sozialwohnungen
Bis zum Jahr 2020 wird laut der neuesten Prognose des Bürgeramtes Statistik die Zahl der Einwohner auf etwa 725.000 anwachsen. Bis 2030 wird sie leicht auf 724.000 abnehmen. Für den Zeitraum 2010 bis 2020 wird von einem zusätzlichen Wohnungsbedarf von rund 27.000 Wohnungen, in der Zeit von 2020 bis 2030 von einem Bedarf von etwa 6000 Wohnungen ausgegangen. Dies entspricht einem Jahresbedarf von 2400 Wohnungen in der ersten und 565 Wohnungen in der zweiten Periode. Eine Kernfrage heißt: Wo soll dieser Wohnraum denn entstehen? Die größten Bauflächen hat Frankfurt noch im Europaviertel und auf dem Riedberg, der Rest ist eher Kleinvieh. Der Grüngürtel, der fast 30 Prozent der Stadtfläche ausmacht, ist unantastbar – bislang zumindest.
Die Knappheit macht das Gut immer wertvoller, besonders in begehrter citynaher Lage. Das drückt der umstrittene Mietspiegel 2010 aus. Lagen-Zuschläge für Bockenheim und Innenstadt, wie sie jetzt Gerda S. vom Mainkai zahlen muss, haben bereits Tausende von Mietern entsetzt.
Entsetzt sind auch die Mieter, die in ihren bislang grünen Innenhof eine Eigentumswohnanlage gesetzt bekommen. Die Knappheit führt zunehmend zur vielfach diskutierten „Verdichtung“. Um wenige Flächen besser auszunutzen, sieht das Innenstadtkonzept des Planungsdezernates auch Wohnhochhäuser vor. Und es soll, wie in Niederrad, leerstehender Büro- zu Wohnraum werden. Eine aus der Wohnungsnot geborene Idee, die sich – bislang – noch kaum durchsetzen konnte.
Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Die aktuelle Beteiligung an der OB-Wahl in Frankfurt ist gering - aber immerhin besser als vor fünf Jahren.
Wo räumt Peter Feldmann ab? Wo ist Boris Rhein chancenlos? Die erfolgreichsten und problematischsten Stadtteile der beiden OB-Kandidaten in der Stichwahl.

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
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