OFC - Kickers Offenbach
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20. Dezember 2012

OFC: Ein bisschen Frieden in Offenbach

 Von Sebastian Rieth
Dass der Bieberer Berg gelegentlich bebt, hat Trainer Arie van Lent schon erlebt - im Guten wie im Schlechten. Foto: dpa

Offenbachs Pokalhelden halten Trainer van Lent im Amt und zwingen die Klubführung zum Treueschwur. Mit den Einnahmen für das Erreichen des Viertelfinales sollen nun Gläubiger bedient werden.

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Offenbachs Pokalhelden halten Trainer van Lent im Amt und zwingen die Klubführung zum Treueschwur. Mit den Einnahmen für das Erreichen des Viertelfinales sollen nun Gläubiger bedient werden.

Die Augen waren klein und verschlafen, der Hunger war dafür umso größer. Um kurz nach zehn am für einige viel zu frühen Morgen saßen die müden Pokalhelden der Offenbacher Kickers in ihrer Kabine, lasen all die Lobeshymnen, die nach dem sensationellen 2:0-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf in den Tageszeitungen auf sie angestimmt wurden, und warteten ungeduldig auf den Catering-Service. Wer den Tabellendreizehnten der Bundesliga, den haushohen Favoriten im Achtelfinale aus dem DFB-Pokal wirft, der darf auch mal ordentlich Kohldampf haben. Nach dieser rauschenden Nacht nennt man so etwas wohl ein Katerfrühstück.

Zum zünftigen Brunch mit Weißwurst und Leberkäse bat Trainer Arie van Lent sogar die draußen wartenden Journalisten kurzerhand ins Allerheiligste des Stadions. Nach der „Explosion der Glückshormone“, wie Torschütze Mathias Fetsch sein Erlebnis am Dienstagabend nannte, war die Stimmung am Bieberer Berg gelöst. Der gewaltige Druck hat sich in Wohlgefallen aufgelöst.

Vor der Partie war der kriselnde Drittligist auf allen Ebenen bedenklich ins Wanken geraten. Finanziell taumelte der mit 4,7 Millionen Euro Schulden behaftete Klub dem Abgrund entgegen. Insider hatten befürchtet, ohne die Einnahmen der nächsten Runde könnten schon bald die Lichter ausgehen. „Der Verein kämpft jeden Tag ums Überleben“, bestätigte Sportdirektor Oliver Roth. Ausgerechnet das scheinbar aussichtslose Kräftemessen mit dem Bundesligisten sollte als Gradmesser zur Beurteilung der Arbeit von Trainer van Lent dienen. Nach fünf Niederlagen aus den letzten sechs Ligaspielen und dem Abrutschen auf den elften Rang stand dessen Entlassung eigentlich schon fest. Nach der 1:5-Pleite gegen Osnabrück gab niemand mehr einen Pfifferling auf die Mannschaft.

Am eigenen Schopf aus dem Sumpf

Doch in dieser dramatischen Situation, in der sich alles zuspitzte, zog sich das Team am eigenen Schopf aus dem Sumpf – und Verein wie Trainer den Kopf aus der Schlinge. Als der große Pokal-Abend vor ausverkauftem Haus zum Schlussakt eines finsteren Dramas zu geraten drohte, setzten die Spieler Zeichen. Erst mit ihrer Leistung, dann beim gemeinsamen Jubel mit dem Coach, den sie im Freudentaumel sogar verletzten. „Meine Lippe ist aufgeplatzt“, erzählte van Lent. Später stand er alleine vor jener Fankurve, die drei Tage zuvor noch lautstark seine Ablösung gefordert hatte, und machte mit den Zuschauern die Welle. Wie sich die Dinge ändern können.

Auch das Präsidium entschloss sich rasch zum Sinneswandel. Plötzlich hieß es, der Trainer sei ein guter Mann und habe nie ernsthaft zur Disposition gestanden. Das war pure Heuchelei. Sportdirektor Roth und Präsident Frank Ruhl hatten van Lent mit ihrem Verweis auf eine „kritische Bestandsaufnahme“ samt angedrohter „Konsequenzen“ selbst in die Schusslinie gebracht und ihn drei Tage lang der wütenden Fanszene als Sündenbock vorgeführt. Sein Rauswurf war beschlossene Sache. Davon wollte man nach 90 fabelhaften Pokal-Minuten nichts mehr wissen. Die allgemeine Amnesie hatte ein- und die Vereinsführung sich selbst den Heiligenschein aufgesetzt. „Wir brauchen beim OFC kein Harakiri, sondern Kontinuität und Nachhaltigkeit“, antwortete Roth mit heiserer Stimme auf kritische Nachfragen. Präsident Ruhl betonte, es sei nie um eine vorzeitige Ablösung van Lents gegangen. Nach der Pressekonferenz gab er dem Trainer die Hand und lobte ihn für eine „sagenhafte Leistung“. Ob das von Herzen kam, weiß nur der Präsident selbst. Die Blicke der beiden Männer sprachen Bände.

Verbesserungsbedarf in Außendarstellung

Nicht zum ersten Mal gab die seit September amtierende neue Vereinsführung ein schlechtes Bild ab. Roth gestand: „Wir haben in der Außendarstellung Verbesserungsbedarf.“ Kapitän Sead Mehic hat dafür Verständnis. Man müsse den Verantwortlichen Zeit geben. „Sie sind auch nur Menschen.“ In der Präsidiumssitzung könnten heute sogar die Weichen für eine Vertragsverlängerung mit van Lent gestellt werden. In diesem Geschäft, erst recht in diesem Klub ist nichts unmöglich. „Ich weiß aber nicht“, warf Roth in die Runde, „ob er bei dieser ganzen Scheiße überhaupt noch will.“

Van Lent ist kein nachtragender Mensch. Der 42-Jährige fordert lediglich ein wenig Anerkennung. „Ich mache gute Arbeit“, sagte er nach dem Pokal-Coup. „Wir tun alles für den Verein. Die Leute sollen endlich mal begreifen, dass der Sport nicht so einfach ist.“ Schon gar nicht in Offenbach. Van Lent hat in anderthalb Jahren eine Mannschaft geformt, die an manchen Tagen über sich hinauswächst und an anderen gnadenlos versagt. Ein „schönes und ein hässliches Gesicht“ habe sein Team, sagt der Trainer. Aber damit muss man sich wohl abfinden. Zumindest für diese Saison.

Trotz des „warmen Regens“ (Ruhl) der Pokaleinnahmen wird kein frisches Geld in die Mannschaft fließen. Die garantierten 1,1 Millionen Euro für das Erreichen des Viertelfinals werden benötigt, um Gläubiger zu bedienen und Löcher zu stopfen. Der OFC ist längst nicht aus dem Gröbsten raus. „Aber wir sind stolz, dass wir mit unserem Erfolg ein wenig Arbeit abnehmen konnten“, sagte Mehic und fügte hinzu: „In Offenbach ist immer was los.“ Da gibt es sogar ein Katerfrühstück anstelle einer Henkersmahlzeit.

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