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Interview mit Familienrichterin: Die Aggression steigt

Die Präsidentin des Amtsgerichts Offenbach, Elisabeth Fritz, spricht im FR-Interview über ihre Erfahrungen als Familienrichterin und den Amoklauf von Lörrach

Frau Fritz, Sie sind Familienrichterin. Macht Sie der Amoklauf von Lörrach, bei dem es um einen Sorgerechtsstreit ging, nachdenklich?

Ob es wirklich um einen Sorgerechtsstreit ging, ist noch offen. Grundsätzlich bemerke ich aber, dass vor Gericht die Aggressivität in Familienrechtsstreitigkeiten steigt. Wie im restlichen Leben ja auch. Das ist eine verstörende Entwicklung. Ich bitte schon mal einen Rechtsanwalt oder einen Wachtmeister, nach der Verhandlung eine Mandantin zum Auto zu begleiten, wenn ich mir nicht sicher bin, ob der Mann nicht gewalttätig wird. Man entwickelt da so ein Gespür. Besonders wenn um die Kinder gekämpft wird, trifft das die Menschen in ihr Innerstes.

Zur Person

Elisabeth Fritz ist seit 2009 Präsidentin des Offenbacher Amtsgerichts. Als Direktorin des Amtsgerichts Königstein entwickelte die Familienrichterin mit einem Kollegen 2008 das Königsteiner Modell für Scheidungen, bei dem Ehepartner, Anwälte und das Jugendamt möglichst früh zusammenkommen.
In den 90er Jahren arbeitete Fritz als Richterin am Land- und Oberlandesgericht Frankfurt .
Die 54-Jährige lebt mit Mann und zwei Teenagern in Frankfurt. mre

Wie reagieren Sie auf Gewaltausbrüche?

Ich bemühe mich, es nicht unnötig zur Eskalation kommen zu lassen, sondern die Person angemessen zu behandeln. Ich versuche, den Menschen freundlich und mit Empathie zu begegnen, auch wenn die Entscheidung negativ für den Betreffenden ausgeht. Er darf nicht das Gefühl haben, als Objekt staatlicher Gewalt herabgewürdigt zu werden. Bahnt sich eine aggressive Stimmung im Gerichtssaal an, habe ich Strategien, zu einer ruhigen Situation zurückzukehren. Man muss den Männern klarmachen, dass Gewalt kein Weg ist. Bis jetzt habe ich das immer hingekriegt. Wichtig ist, selbst ruhigzubleiben.

Die Männer schlagen ja eher außerhalb des Gerichts zu.

Manchmal hört man im Nachhinein, dass es zu Gewalt gekommen ist. Aber es lässt sich nicht rekonstruieren, ob in Folge der Gerichtsverhandlung. Es gibt Leute, die aus finanziellen Gründen in einer Wohnung leben, obwohl sie schon getrennt sind. Da kommt das dann eher mal vor. Meist kriegt man das aber nicht mit. Gewalttätigkeit entwickelt sich lange und beschreibt ein festes Verhaltensmuster. Sie kommt auch in langanhaltenden Beziehungen vor. Die Frauen kehren oft immer wieder zurück zum prügelnden Mann. Da herrscht dann eine gewisse Abhängigkeit – vielleicht ist es auch Liebe – und die Hoffnung, dass alles besser wird.

In Lörrach ist eine Frau die Aggressorin.

Das Sorgerecht spielte eventuell eine Rolle. Der Entzug des Sorgerechts ist eine extreme Ansage. Ich weiß aber zu wenig über den Fall.

Haben Sie schon erlebt, dass sich die Parteien ihrer Familienrechtsstreitigkeiten ans Leben gingen?

Gott sei Dank habe ich das noch nicht erlebt. Weder im Gericht, noch außerhalb. Ich habe aber den Eindruck, dass es mehr Gewaltschutzverfahren gibt. Das ist darauf zurückzuführen, dass Frauen jetzt nach dem Gewaltschutzgesetz die Möglichkeit haben, einen gewalttätigen Mann aus der Wohnung zu verbannen. Es gibt auch öfter Kämpfe ums Kind – wahrscheinlich, weil heute beiden Elternteilen das Sorgerecht zugesprochen werden kann. Früher war das Sorgerecht automatisch bei den Müttern. Es gab ja auch weniger Scheidungen als heute.

Fühlen Sie sich selbst bedroht?

Angst vor Amokläufen habe ich nicht mehr als sonst auch. Im Gericht sind wir auch gut geschützt, weil es am Eingang Sicherheitsschleusen gibt. Das ist an vielen Gerichten Standard. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es freilich nicht. Auch außerhalb bin ich noch nie angegriffen worden. Der Beruf bringt es nun mal mit sich, dass ich als Richterin mit meinen Entscheidungen in die menschlichen Schicksale eingreife. Da kann man nicht ausschließen, dass man als Entscheidungsträger mal in den Fokus gerät. Das muss man hinnehmen.

Interview: Madeleine Reckmann

Datum:  23 | 9 | 2010
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