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Übung für den Ernstfall: Großeinsatz an der Stadthalle

Ein Heer von Schwerverletzten an der Offenbacher Waldstraße: Rettungsdienste, Feuerwehr und Polizei proben mit 450 Beteiligten den Einsatz im Katastrophenfall.

        

Ein „Schwerverletzter“  wird ins Krankenhaus  gebracht.
Ein „Schwerverletzter“ wird ins Krankenhaus gebracht.
Foto: Müller

Mein Bein, mein Bein“, brüllt eine junge Frau. „Meine Augen. Ich seh’ nichts mehr. Ich habe Angst.“ Sie schreit und schreit, doch der Notarzt ist weitergelaufen, zum nächsten Schwerverletzen. Ein Transporter, der blaue Tonnen geladen hatte, ist nach einem Zusammenstoß mit einem Auto in eine Menschengruppe vor der Offenbacher Stadthalle geschleudert. Beide Fahrer und 17 Konzertbesucher sind sofort tot, 50 Menschen sind verletzt, einige sehr schwer. Eine ätzende Flüssigkeit ist ausgelaufen, im Auto entdeckt die Polizei zudem einen Behälter, auf dem das Symbol für radioaktives Material zu sehen ist.

„Ich krieg’ kaum Luft. Ich hab’ solche Schmerzen“, wimmert die junge Frau wieder. „Sehr schön, mach’ Stress“, ermuntert Birger Freier sie. Die junge Frau ist eine Polizeischülerin, der Beinbruch nicht echt, auch die ätzende Flüssigkeit, die aus den Tonnen auf die jungen Leute schwappte, gibt es nicht. Rettungsdienste und Feuerwehr aus Offenbach, Frankfurt und den Nachbarkreisen sowie das Polizeipräsidium Südosthessen proben mit 450 Leuten für den Katastrophenfall.

Zum ersten Mal üben sie nicht auf einem geschlossenen Gelände, sondern in der Öffentlichkeit. Dass die Nachbarn vom Balkon oder den Absperrungen an der Waldstraße aus den Rettungskräften bei ihrer Arbeit zugucken können, ist Absicht.

So realistisch wie möglich

Nicht nur der Zuschauer wegen geben sich freilich die vermeintlichen Opfer wie ihre Helfer alle Mühe, das Rollenspiel so realistisch wie möglich zu gestalten. Denn von den Abläufen erhoffen sich Beobachter wie Freier, der ärztliche Leiter des Offenbacher Rettungsdienstes, wichtige Hinweise darauf, was im Ernstfall besser laufen müsste.

Sehr gut hat nach Einschätzung der Beteiligten das Rettungskonzept für solch einen Großeinsatz, „einen Massenanfall von Verletzten“, funktioniert. Der erste Notarzt, der am Unglücksort eintrifft, kümmert sich nicht etwa gleich um einen der laut schreienden Verletzten, sondern sichtet die Lage und baut eine Organisationsstruktur auf, wie Thomas Kutschker, der die Übung für die Feuerwehr Offenbach leitet, erläutert. Die Rettungskräfte versehen die Opfer mit einem Band, das ihren Verletzungsgrad anzeigt – rot für schwerste, gelb für schwere, grün für leichte Verletzungen. Wer ein rotes Band bekommt, wird prioritär behandelt und so schnell wie möglich in ein Krankenhaus gebracht.

„Ziel muss sein, die Chaos-Phase möglichst kurz zu halten“, sagt Jens Reuter, bei der Probe der erste Notarzt vor der Stadthalle. Es gelte, in möglichst kurzer Zeit vielen zu helfen und nicht nur einem oder zwei Verletzten.

Vor der Stadthalle bleiben nur die Puppen liegen, die als Tote dienen. Die Verletzten müssten so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone kommen, sagt Freier – und verweist auf die Gefahr, dass dort noch weiterer Schaden entstehen könne, etwa dass nach einem Bombenattentat noch eine zweite Bombe hochgehe.

Ganz ihrer Übungsrolle verhaftet, gibt sich die Polizei am Samstag sehr zugeknöpft bei der Frage, ob es sich bei den gestellten Geschehnissen tatsächlich um einen Unfall oder vielleicht sogar um Absicht handelte. Kein Wunder: Für sie dauert das Planspiel noch bis Mittwoch. Die Ermittler wollen auch die Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt üben.

Autor:  Christoph Manus
Datum:  12 | 9 | 2011
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