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27. November 2014

Interview: „Man muss dem Opfer eine Brücke bauen“

Frank Goldberg plädiert für Zivilcourage.  Foto: Monika Müller

Frank Goldberg vom Präventionsrat spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau darüber, wie man Zeugen die Angst nehmen kann, selbst zu Opfern zu werden, wenn sie Zivilcourage zeigen.

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Herr Goldberg, Tugçe A. wollte offenbar einen Streit schlichten – jetzt wird sie sterben. Glauben Sie, dass sich diese Tragödie negativ auf die Zivilcourage anderer Menschen auswirken wird?
Das ist leider zu befürchten. Es wird Leute geben, die jetzt sagen: Der Fall Tugçe A. zeigt, dass man lieber nicht helfen soll, wenn andere Menschen in Gefahr sind.

Was entgegnen Sie?
Unsere Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass Menschen Zivilcourage beweisen. Gegenseitige Hilfe in Notsituation ist die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Deshalb haben wir Programme wie „Gewalt, Sehen, Helfen“ aufgelegt und werden diese auch weiter verfolgen.

Aber Tugçe A. ist nicht der erste Fall, der dramatisch endet. Auch Emeka Okoronkwo wollte im Mai 2010 eine Auseinandersetzung schlichten und bezahlte dafür mit seinem Leben. Wie gefährlich ist Zivilcourage?
Sowohl Tugçe A. als auch Emeka Okoronkwo sind eingeschritten, als Menschen ihre Hilfe brauchten. Das ist ihnen sehr hoch anzurechnen. Wichtig ist, sich persönlich nicht in den Konflikt hineinziehen zu lassen

Was hätten sie stattdessen tun sollen?
In solchen Konfliktsituationen sollte man sich aus sicherer Distanz immer an das Opfer wenden. Ihm muss man eine Brücke zum Konfliktausstieg bauen. Der Täter ist Aufgabe der Polizei.

Der Präventionsrat der Stadt Frankfurt, Frank Goldberg.  Foto: Andreas Arnold

Das heißt konkret?
Wenn etwa jemand in der U-Bahn angegriffen wird, kann man laut zum Opfer sagen: „Ich steige an der nächsten Station aus – möchten Sie mitkommen?“ Vor allem aber sollte man Öffentlichkeit herstellen und dem Opfer auch kundtun, dass es nicht alleine ist. Etwa durch so eine Ansprache: „Hier sind viele Menschen, die Ihnen helfen können – Sie sind nicht alleine.“ Damit mobilisiert man auch die anderen Zuschauer, die meist auf klare Regieansprachen hilfsbereit reagieren. Ganz abgesehen davon: In jedem Fall sollte man immer sofort die Polizei verständigen. Man braucht also kein Held sein.

Und der Täter spielt in so einem Szenario gar keine Rolle?
Er steht nicht im Mittelpunkt. Man hält sich vom Täter fern. Das ist durchaus räumlich gemeint. Vier Meter Abstand sollte man halten. Man spricht den Täter nicht an, schon gar nicht fasst man ihn an.

Aber dem Täter bleibt ja nicht verborgen, dass sich jemand in den Konflikt einschaltet. Darüber dürfte er sich ärgern. Besteht also nicht doch die Gefahr, zum Opfer zu werden?
Da der Täter weder angesprochen noch provoziert wird, ist diese Gefahr gering. Der Täter ist überrascht, wenn sich jemand einschaltet und dem Opfer beisteht. Damit rechnet er nicht, darauf kann er zunächst auch nicht reagieren. Denn er hatte einen Plan, der sich auf das Opfer bezog, nicht auf einen Dritten, der dem Opfer zur Hilfe kommt und außerhalb des Konflikts steht.

Aber wer sagt Ihnen, dass der Täter diesen Dritten nicht einfach aus dem Weg räumt?
Wenn der Helfer genügend Öffentlichkeit geschaffen hat, wird er das nicht wagen. Außerdem weiß der Täter, dass die Polizei verständigt wurde. Man sollte mit dem Opfer zudem zügig den Ort der Auseinandersetzung verlassen.

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Alle diese Empfehlungen soll ein Helfer in einer stressbeladenen Situation beherzigen. Überfordert man ihn damit nicht?
Man kann diese Handlungsmuster durchaus erlernen. Deshalb bieten wir vom Präventionsrat Seminare an. Darin vermitteln wir Techniken, einem Opfer einer gewaltbeladenen Situation beizustehen, und sich richtig zu schützen. Dies üben wir mit den Teilnehmern in praxisnahen Rollenspielen. Diese Seminare erfreuen sich großer Nachfrage. Dies zeigt, dass Information und Handlungskompetenz für Zivilcourage ein öffentliches Bedürfnis sind.

Interview: Georg Leppert

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