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Interview zur Jakobsleiter: Am besten ein Wettbewerb

Passt das zu Offenbach? Der Berliner Gedenkstättenreferent Thomas Lutz spricht mit Madeleine Reckmann über die Pläne des Künstlers Ruben Talbergs für eine Jakobsleiter als Holocaust-Mahnmal.

Vor dem Offenbacher Rathaus steht bereits ein Mahnmal: Die Flamme des Künstlers Bernd Rosenheim.
Vor dem Offenbacher Rathaus steht bereits ein Mahnmal: Die "Flamme" des Künstlers Bernd Rosenheim.
Foto: Christoph Boeckheler

Herr Lutz, in Offenbach sorgt der Künstler Ruben Talberg für Differenzen, der der Stadt für einen ganz bestimmten Platz ein Mahnmal für die Opfer des Holocaust schenken möchte. Über Kunst lässt sich bekanntlich nicht streiten. Gibt es Kriterien für ein gutes Holocaust-Mahnmal? Nein, es gibt keine generelle Regeln, was ein gutes Denkmal für die Opfer des Holocaust ausmacht. Wichtig ist aber, dass die Denkmalsaussage dem Anlass und dem Ort angemessen ist. Ein transparentes, ein vernünftiges Auswahlverfahren erscheint mir ebenso angebracht.

Was für ein Verfahren soll das sein? Gerade die gesellschaftliche Diskussion, die vor der Errichtung eines Kunstwerks im öffentlichen Raum stattfindet, kann zu seiner Akzeptanz beitragen. Hierfür ist es hilfreich, wenn die Gestaltungskriterien in einem Prozess mit allen Interessierten - mit Politik, Verwaltung, Kulturinteressierten, Anwohnern - entwickelt werden und am besten ein künstlerischer Wettbewerb zur Auswahl führt.

Zur Person

Thomas Lutz ist Leiter des Gedenkstättenreferats der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin, die über die Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft informiert.

Der gebürtige Darmstädter leitet die AG der KZ-Gedenkstätten, ist Kuratoriumsmitglied der Aktion Sühnezeichen und Delegierter in der Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance & Research. (mre)

Thomas Lutz ist Leiter des Gedenkstättenreferats der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin, die über die Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft informiert.
Thomas Lutz ist Leiter des Gedenkstättenreferats der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin, die über die Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft informiert.
Foto: privat

Dafür müsste die Stadt aber etwas zahlen. In diesem Fall behauptet der Künstler, einen Sponsor an der Hand zu haben, der für das Kunstwerk aufkommt. Ich kenne die Situation in Offenbach nicht. Prinzipiell sind nach meiner Erfahrung die guten Denkmale über Ausschreibungen, die mit breiter zivilgesellschaftlicher, fachwissenschaftlicher und staatlicher Unterstützung durchgeführt wurden, entstanden.

Der Künstler plant einen 15 Meter hohen Obelisken, den er Jakobsleiter nennt, auf einen neuen Platz am Stadteingang, eine Art Verkehrsinsel, zu stellen. Der Platz ist nach Max Willner, einem verdienten Juden, benannt, der den Holocaust überlebte und in Offenbach nach 1945 die jüdische Gemeinde wieder aufbaute. Ohne den konkreten Sachverhalt zu kennen, hätte ich mehrere Überlegungen für das Projekt: Der Holocaust markiert die Ermordung der europäischen Judenheit und nahezu das Ende des jüdischen Lebens in Deutschland. Wenn Herr Willner für den Neubeginn der jüdischen Gemeinden steht, fände ich es interessant, dies als Thema aufzugreifen. Die Jakobsleiter ist ein Religionszitat, das heute in Israel auch die Einheit des Landes symbolisieren soll. Ich erinnere mich an eine Diskussion im Jahr 1999 um die Gestaltung des "Hauses der Stille" in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Dort wurde die Nutzung der Jakobsleiter verworfen, nachdem der wissenschaftliche Beirat für Gedenkstättenarbeit moniert hat, dass die Leiter das gesamte Gelände dominieren würde. Aus der Ferne betrachtet, finde ich es problematisch, eine Verkehrsinsel als würdigen Ort für ein Holocaust-Mahnmal zu nutzen. Diese Fragen zeigen die Notwendigkeit, sich intensiv mit dem Ort zu beschäftigen und daraus Kriterien für seine Gestaltung zu entwickeln.

Der Bezug zum Holocaust ist bei dem Kunstwerk, das zurzeit nur als Skizze existiert, auf den ersten Blick nicht erkennbar. Sollten Bürger denn nicht verstehen, um was es geht? Ich sehe einen Unterschied zwischen einem Denkmal und einer Gedenkstätte. Die Gedenkstätte als "arbeitender Ort" hat die Möglichkeit, ihre Inhalte im Dialog darzustellen und weiterzuentwickeln. Ein Denkmal muss ohne diese Erläuterung für sich sprechen. Nicht immer kann man die künstlerische Sprache nachvollziehen. Aber gerade ein Mahnmal im öffentlichen Raum mit dem Anspruch, an den Holocaust zu erinnern, sollte vermittelbar sein. Zudem kann die Formensprache nach der Denkmalsetzung nicht mehr verändert werden. Von daher betone ich: Der Prozess vor der Denkmalsetzung ist wichtig. Gerade die offene, verschiedene Menschen und Gruppen einbeziehende Debatte ist für eine Annahme des Kunstwerks wichtig. Bei anderen Denkmalsetzungen hat sich dieser Weg bewährt.

Haben Sie ein Beispiel für einen gelungen Prozess? Ich habe als ein Beispiel das Denkmal im Luitpoldpark in Ingolstadt vor Augen. Dort wurde eine alte militaristische Paradestätte mit der Erinnerung an NS-Opfer neu interpretiert. Der Wettbewerb wurde nach einer koordinierten Anhörung aller Beteiligten durchgeführt. Der Grundgedanke der Offenbacher Mahnmal-Debatte, über die NS-Verbrechen nachzudenken und sich gegen aktuelle rechtsextremen und rassistischen Gedanken und Taten zu engagieren, ist von Grund auf löblich. Vor Ort muss man entscheiden, was dafür die beste Form ist...

Interview: Madeleine Reckmann

Datum:  15 | 4 | 2010
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