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15. Januar 2013

Ledermuseum: Mühsame Suche nach Raubkunst

 Von Martin Brust
 

Langwierige Kleinarbeit stemmt Beatrix Piezonka beim Versuch, die Bestände des Ledermuseums auf nicht rechtmäßig erworbene Objekte aus der NS-Zeit zu untersuchen. Das Projekt der Historikerin wurde verlängert und hat Erfolge vorzuweisen.

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Ein Zunftpokal aus Zinn von 1793 ist das bislang einzige wirklich problematische Ergebnis der Arbeit von Beatrix Piezonka. Der Pokal aus der Sammlung des Deutschen Ledermuseums (DLM) wurde von einer Museumsmitarbeiterin Anfang Juni 1939 ersteigert. Piezonka geht in diesem Fall „zu 95 oder 98 Prozent davon aus, dass der Ankauf unrechtmäßig war.“

Denn im Versteigerungskatalog beim Frankfurter Kunsthaus Heinrich Hahn ist das Stück als „aus nicht-arischem Besitz“ stammend gekennzeichnet. Historiker gehen davon aus, dass Verkäufe von Juden zu diesem Zeitpunkt kaum freiwillig erfolgt sind. Hundertprozentig klären ließe sich das aber nur, wenn es gelänge, Kontakt zu den Erben der Verkäufers zu bekommen. Von dem sind nur die Initialen EH bekannt. Der Zunftpokal wird nun in die Lost-Art-Datenbank eingestellt, sollten sich Angehörige melden und ihren Anspruch belegen können, so würde über eine Rückgabe oder eine nachträgliche Ausgleichszahlung für den Pokal verhandelt werden müssen.

        

Beatrix Piezonka führt zu Objekten ihrer Forschung.
Beatrix Piezonka führt zu Objekten ihrer Forschung.
Foto: Schüler

„Manchmal bin ich selbst geschockt, wie wenige Erkenntnisse ich sicher belegen kann“, sagt Piezonka, die seit März 2011 die DLM-Sammlung auf sogenannte NS-Raubkunst durchforstet. Die Historikerin steht einer Sisyphos-Aufgabe gegenüber. Und obwohl ihr Projekt verlängert wurde bis Frühjahr 2014 ist klar: Alle Fälle zu recherchieren, ist nicht drin. Aber die Zahl der Stücke, bei denen es konkrete Verdachtsmomente gibt, hat sich seit Beginn ihrer Arbeit fast verdoppelt.

5009 Objekte hat das DLM zwischen 1933 und 1945 neu in die Inventarlisten genommen. Wenn der Vorbesitzer jüdisch oder ein Kunsthändler war, der bekanntermaßen an Arisierungen oder Beschlagnahmungen beteiligt war, muss Piezonka von einem Anfangsverdacht ausgehen. Das ergibt eine Liste von 518 Personen und Händlern, von denen das DLM die 5009 Objekte kaufte.

„Manchmal steht da nur ein Name. Selbst wenn die Stadt dabeisteht, lassen sich die Personen oft nicht identifizieren“, so die Historikerin. Den Namen „Müller“ gab es in Berlin vor 70 Jahren sicher auch schon einige Tausend Mal. Als ersten Anhaltspunkt untersucht Piezonka den DLM-Schriftverkehr, der bis 1944 erhalten ist. Rechnungen für Ankäufe sind hingegen leider oft nicht mehr im Bestand. Datenbanken im Internet und Recherchen in anderen Archiven sind weitere Quellen, die sie anzapft.

Trotz dieser Schwierigkeiten und der schwachen materiellen Ausstattung des DLM konnte Piezonka wesentlich mehr Objekte aus der Sammlung des Ledermuseums als nur den Zunftpokal aufklären: 1090 Stücke konnte sie als rechtmäßig erworben von der ursprünglichen Verdachtsliste streichen.

638 lassen sich nach aktuellem Kenntnisstand wohl nicht mehr aufklären. Bleiben noch 3281 Objekte, deren rechtmäßiger Erwerb nicht belegt werden kann. Von denen stuft Piezonka derzeit 408 als konkret verdächtig ein, 223 waren es zu Beginn ihrer Forschung. 15 Stücke konnte sie bislang zu den Vorbesitzern zurückverfolgen, 14 waren rechtmäßig erworben. Nummer 15 ist der Zunftpokal, der einmal EH gehört hat.

Beatrix Piezonka erläutert am Sonntag, 3. Februar, 11 Uhr, ihre Arbeit bei einer Führung durch die Ausstellung.

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