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Manroland-Krise: Zutiefst verunsicherte Menschen

Der Offenbacher Pfarrer Gerhard Hinnerk Müller spricht im FR-Interview über die Auswirkungen der Manroland-Krise auf die Erlösergemeinde in Offenbach.

        

Gerhard Hinnerk Müller  begegnet in der Seelsorge hohem Leidensdruck.
Gerhard Hinnerk Müller begegnet in der Seelsorge hohem Leidensdruck.
Foto: Andreas Arnold

Pfarrer Gerhard Hinnerk Müller betreut viele Menschen, die bei Manroland beschäftigt sind oder beschäftigt waren. Die evangelische Erlösergemeinde grenzt an das Firmengelände.

Was bedeutet die Nähe zu Manroland für die Gemeinde?

Hier im Gemeindebezirk wohnen viele Menschen, die in Fertigung und Planung von Manroland beschäftigt waren. Sie sind mit ihren Familien Teil der Gemeinde, die Kinder im Konfirmandenunterricht oder im Kindergarten. Wir haben es mit Menschen zu tun, die bei Manroland schon gelernt haben oder deren Vater dort schon arbeitete.

Zur Person

Gerhard Hinnerk Müller ist seit 1993 Pfarrer der Erlösergemeinde. Sie liegt in direkter Nachbarschaft zum Manroland-Werk. 1985 bis 1993 war Müller Seelsorger am Offenbacher Klinikum mit einer ganzen Stelle; von 1993 bis 2008 auf einer halben Stelle. Der 63-Jährige ist in Altersteilzeit und geht im März 2013 in den Ruhestand.

Manroland stellt in Offenbach Druckmaschinen her. Das Unternehmen meldete kürzlich Insolvenz an und wurde zerschlagen. Das Werk in Offenbach sucht jetzt nach einem Investor. Von den 1760 Beschäftigten werden in diesen Tagen 1000 entlassen.

Spüren Sie als Gemeindepfarrer den jetzigen Stellenabbau?

Ja, in seelsorgerischen Gesprächen begegnet man immer einem hohen Leidensdruck. Wir haben es ja mit hoch qualifizierten Facharbeitern oder Ingenieuren zu tun, die gesellschaftlich geachtet sind. Sie lebten in dem Bewusstsein, dass dem, der etwas ordentliches ist, und immer gewissenhaft arbeitet, nicht viel passieren kann. Jetzt ist es doch passiert. Das lässt zutiefst verunsicherte Menschen zurück. Dazu die Zukunftsangst. Wer ein Haus gekauft hat und es abbezahlen muss, oder Kinder in der Ausbildung hat, der fragt sich, wie es weitergehen soll. Durch den jahrelangen Druck im Betrieb, die Arbeitsverdichtung und die Angst vor Entlassung sind auch viele abgenutzt und ausgepowert.

Wie ist das zu verstehen?

Die Leute haben alles versucht, um den Betrieb zu retten. Seit Jahren verzichten sie auf Weihnachts- und Urlaubsgeld, und sie halten enormen Druck am Arbeitsplatz aus. Trotzdem ist es passiert, 1000 Personen werden entlassen. Das nagt.

Was sagen Sie den Menschen im seelsorgerischen Gespräch?

Eine Frau hat jetzt ihre Kündigung erhalten; sie hat viele Nächte nicht geschlafen wegen der Ungewissheit, und ist ganz depressiv. Ich finde es wichtig, die Menschen aus den depressiven Löchern zu holen. Das Depressive lähmt, macht hilflos. Ich finde es besser, die Leute werden wütend; dann können sie besser mit anderen zusammenhalten und ausloten, für sich einzutreten.

Das raten Sie den Menschen?

Nein, ich rate nicht, die Menschen finden ihren Weg selber. Ich habe lange Krankenhausseelsorge gemacht, ich gehe in den Gesprächen mit, wenn die Leute sich auf den Weg machen. Manche kommen mehrmals, das kann in Richtung Coaching gehen.

Welche Konsequenzen haben die Entwicklungen bei Manroland für die Erlösergemeinde?

Wir merken die Veränderungen bei der Planung unserer Aktivitäten. Ein Vater, der gerne die Jugendfreizeit begleitet, sagte, dass er nicht wisse, ob er Urlaub nehmen könne und ob er dann überhaupt noch Arbeit habe. Er kann einfach nichts planen. Wir finden kaum Ehrenamtliche. Viele aus der Manroland-Mitarbeiterschaft ziehen ja weg.

So schnell?

Der Arbeitsplatzabbau bei Manroland geht schon lange. Als ich 1993 in die Erlösergemeinde kam, waren dort 6000 Leute beschäftigt und am Werk hing eine Tafel, auf der stand: „Wir stellen ein: Maschinenschlosser, Werkzeugmacher“. Die Tafel hängt lange nicht mehr, jetzt ist ein Protestplakat da. Jetzt soll der Betrieb mit 750 Beschäftigten weitergeführt werden. Das trifft die, die nahe rangezogen sind, ebenso wie die anderen.

Verbinden Sie mit Ihrer Solidarität mit den Beschäftigten auch eine Art Kapitalismuskritik?

Man kann nicht bei jeder Pleite die Systemfrage stellen. Aber wer Menschen so auflaufen lässt, provoziert Systemkritik. Das Management hätte vorausschauender arbeiten müssen. Es gibt ja viele Aufträge, der Betrieb hätte mit einer Kapitaleinlage gerettet werden können. Zudem hätte man die Entwicklung seit drei, vier Jahren sehen müssen. In dieser Zeit hätte für die Beschäftigten viel passieren können.

Was denn?

Wenn man den Kapitalismus beibehalten will, sollte man Menschen nicht so frustrieren. Jetzt gibt es wieder eine Auslese. Die Älteren und die, die man gut einbinden muss und weniger selbstinitiativ sind, fallen raus.

Wie könnte man das ändern?

Durch Fortbildung und Unterstützung bei der Suche nach einem anderen Arbeitsplatz. Ich habe in den Jahren oft beobachtet, dass die Menschen nicht unterstützt wurden. Zum Teil sind sie weggezogen, dahin wo es Arbeit gibt. Es gibt mittelständische Betriebe, die sich besser um ihre Beschäftigten kümmern.

Das klingt bitter. Was bedeutet das konkret für die Erlösergemeinde?

Die Gemeinde altert sehr, jüngere ziehen weg, der Zuzug Jüngerer ist gering. Viele, die herziehen, sind nicht evangelisch. Wir haben noch 652 Gemeindeglieder, 1993 waren es 950. Schwerwiegender ist, dass sich viele nicht mehr langfristig engagieren. Bei der letzten Vorstandswahl wurden die Eltern des vorangegangenen Vorstands gewählt. Früher brauchten Sie Pfarrer, der die Mitarbeiter in ihrem eigenständigen Tun unterstützte. Heute muss der Pfarrer Werbung für das Miteinander machen.

Das Interview führte Madeleine Reckmann

Datum:  1 | 2 | 2012
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