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Migranten: Viel mehr als nur Küchenhilfe

Chefs unterschätzen die Potenziale ihrer ausländischen Mitarbeiter oft. Dabei ist gerade die Zweisprachigkeit ein oft verkannter Schatz, wie eine neue Befragung zeigt. Von Wiebke Rannenberg

Migranten arbeiten oft in der Gastronomie - doch da werden viele Potenziale verschenkt, wie eine neue Studie in Offenbach nahelegt. Grade die Zweisprachigkeit kann für Arbeitgeber ein echter Schatz sein.
Migranten arbeiten oft in der Gastronomie - doch da werden viele Potenziale verschenkt, wie eine neue Studie in Offenbach nahelegt. Grade die Zweisprachigkeit kann für Arbeitgeber ein echter Schatz sein.
Foto: Alex Kraus

Was mit Pizzerien, Döner-Buden und asiatischen Geschäften begann, ist heute viel vielfältiger: Banken werben gezielt um das Geld der ehemaligen Gastarbeiter, Ärzte beschäftigen zweisprachiges Personal, um ihre Patienten besser verstehen zu können, und Handyverkäufer setzen auf türkischsprechendes Personal für türkische Kunden.

Diese so genannte ethnische Ökonomie gewinnt besonders in der multiethnischen Region Offenbach an Bedeutung. Statistisch gesehen besitzen rund 30 Prozent der Menschen einen ausländischen Pass, einen Migrationshintergrund haben viel mehr. Dennoch haben sie nach wie vor schlechtere Chancen auf gute Jobs als Deutschstämmige.

Das fiel zumindest Anette Curth und Pia Hamm von der Offenbacher Weiterberatungsstelle Webb in ihren Gesprächen auf. Deshalb fragten sie vor einem Jahr 14 Firmen in Offenbach nach ihren Erfahrungen mit ausländischen Arbeitnehmern. Das - nicht repräsentative - Ergebnis legten sie nun vor unter dem Titel "Besondere Kompetenzen und Potenziale von Migrant/innen als Arbeitnehmer/innen und deren Einsatz im Arbeitsalltag".

Zweisprachigkeit kann Einstellungskriterium sein

Auskunft gaben vier Arbeitgeber aus der Gesundheitsbranche, darunter das Klinikum, ein Einzelhändler Telekommunikation, vier Großunternehmen, ein Gebäudereiniger, ein Planungsbüro im Hoch- und Tiefbau, zwei Kitas und eine Zeitarbeitsfirma. Drei Arbeitgeber haben selbst einen Migrationshintergrund. Am interessantesten für die Arbeitgeber ist die zweite Sprache.

Dabei kann es beim Arzt oder Handyverkäufer sogar ein Einstellungskriterium sein. Oft ist es das aber nicht. Zum Beispiel in einer Firma, wo zwei Azubis übernommen wurden, um polnische und türkische Auslandskunden zu betreuen. "Diese Entwicklung entstand aber aus Eigeninitiative der Azubis und war kein Auswahlkriterium bei der Einstellung", schreiben die Verfasserinnen.

Kinder müssen oft von Anfang an kämpfen

Geschätzt wird auch das kulturelle Einfühlungsvermögen in der Pflege, beim Arzt und im Verkauf. Die Chefin der Zeitarbeitsfirma hat beobachtet, dass die Kinder von Eltern, die kaum deutsch sprechen, oft "überraschend gute Kenntnisse in Behördensachen haben", weil sie dort viel übersetzen mussten.

Sie schließt daraus: "Wenn ein Kind von Anfang an kämpfen und Verantwortung übernehmen musste, wird es das weiter tun." Und Russen verfügen oft über handwerkliche Kenntnisse und Improvisationstalent. Einige Arbeitgeber weisen aber auch darauf hin, dass die Menschen selbst ihren Migrationshintergrund als "etwas Positives oder zumindest Normales" ansehen müssen, um ihre Chancen zu nutzen.

Berücksichtigt werden müsse aber auch, schreiben Curth und Hamm, dass nicht jeder ständig seinen "Migrationshintergrund wie einen Rucksack mit sich herumschleppen will" und nicht nur wegen seines italienischen Vornamens zum Übersetzen "herangezogen werden möchte". Deshalb sei es wichtig, daran interessierte Mitarbeiter zu qualifizieren, sagen die Weiterbildungsexpertinnen. Und verweisen als gutes Beispiel auf den Übersetzer-Pool an der Uni-Klinik Frankfurt.

Hamm und Curth fordern nicht, Bewerber mit Migrationshintergrund nachsichtiger zu beurteilen. Sie plädieren aber dafür, neben den formalen Anforderungen auf die Soft Skills zu achten: So müssten Migranten oft "einen komplizierteren Weg wählen und mehr Hürden überwinden, um an ihre Qualifikation zu kommen".

Von der Küchenhilfe zur Objektleiterin

All das erfordere Kraft und Durchhaltevermögen. Diese Potenziale würden "zu selten systematisch abgefragt und gefördert". So arbeitete zum Beispiel in einer Gebäudereinigungsfirma eine Akademikerin aus Polen als Küchenhelferin - bis der Chef erkannte, dass sie mehr konnte, und ihr eine Ausbildung zur Objektleiterin ermöglichte.

Die beiden Fachfrauen fordern aber auch die Migranten auf, mit ihren besonderen Fähigkeiten selbstbewusster umzugehen. Das gelte auch für deren politische Vertreter und Vereine, die oft nach außen "immer noch den Folkloreaspekt" präsentierten und nicht die ökonomischen Potenziale der Migranten.

Und der Einzelne ist gefordert: Die Entscheidung, ob sie Sprachen und Kultursensibilität pflegen oder nicht, "liegt bei jedem und jeder Einzelnen".

Autor:  Wiebke Rannenberg
Datum:  3 | 6 | 2009
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