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Neues Müllkonzept: Alles in eine Tonne

Alternative zur Biotonne: Offenbach lässt in einem hessenweit einmaligen Großversuch organische Stoffe aus dem Hausmüll sortieren. Das spart Geld und mindert den CO2-Ausstoß. Von Jörg Muthorst

Alternative zur Biotonne: Offenbach lässt in einem Modellprojekt organische Stoffe aus dem Hausmüll sortieren.
Alternative zur Biotonne: Offenbach lässt in einem Modellprojekt organische Stoffe aus dem Hausmüll sortieren.
Foto: Storch/FR

Viele hessische Kommunen, die vor der Einführung der Biotonne stehen, etwa die Gemeinde Langen, schauen zurzeit gespannt nach Offenbach. Auch die 120.000-Einwohner-Stadt am Main will ihren Grünabfall nicht länger für teures Geld zusammen mit dem Restmüll verbrennen, sondern ihn umweltfreundlich einer neuen Verwertung zuführen.

Die Stadt will dabei sich und ihren Bürgern den erhöhten Entsorgungsaufwand und den häufigen Ärger mit Fremdstoffen in der Biotonne ersparen. In den verdichteten Wohngebieten des Ballungsraums ist ein weiterer Abfallbehälter oft auch kaum praktikabel. In einem hessenweit einmaligen Großversuch testet die Dienstleistungstochter ESO der Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) zusammen mit ihren Partnern, dem Mitgesellschafter Meinhardt Städtereinigung und der Rhein-Main Deponie (RMD), deshalb seit einem Jahr eine Alternative.

Das Modellprojekt

Partner des Sortiergroßversuchs sind die für die Offenbacher Abfallbeseitung zuständige Dienstleistungsgesellschaft ESO, die Meinhardt Städtereinigung und die Rhein-Main Deponie Gesellschaft (RMD).

Betreiber der Sortieranlage im Deponiepark Flörsheim-Wicker ist die RMD. Die Gesellschaft des Main-Taunus- und des Hochtaunuskreises betreibt auf dem ehemaligen Deponiegelände einen Recyclinghof und ein Biomasse- und Biogaskraftwerk.

Die Anlagentechnik stammt von dem mittelständischen Entsorgungsfachbetrieb Meinhardt Städtereinigung aus Hofheim. Meinhardt plant nach erfolgreichem Abschluss des Testverfahrens eine Großsortieranlage.

Genehmigt wurde das einjährige Pilotprojekt vom Regierungspräsidium Darmstadt. In die Verlängerung um ein halbes Jahr willigte auch die Rhein-Main Abfall Gesellschaft (RMA) ein.

Die RMA ist eine Dachorganisation der regionalen Abfallwirtschaft mit Sitz in Offenbach. Sie hat einen Generalentsorgungsauftrag von ihren Gesellschaftern, den Städten Frankfurt, Offenbach und Maintal sowie dem Kreis Offenbach, dem Main-Taunus- und Hochtaunuskreis. (mu)


Foto: FR-Infografik

Der Clou des Verfahrens: der Müll wird erst hinterher getrennt. Die organischen Abfälle werden maschinell aus dem Hausmüll aussortiert, um sie dann separat zu verwerten - etwa durch Vergären. Der komplette Abfall wird mitsamt des Dietzenbacher Mülls zum Rhein-Main-Deponiepark in Flörsheim-Wicker gebracht und in einer vorerst provisorischen Anlage ausgesiebt. Die jährlich knapp 30.000 Tonnen allein aus Offenbach werden geschreddert, durch ein Trommelsieb und schließlich noch an einem Metallabscheider vorbeigeführt.

Ökostrom aus Biogas

Was durchs Sieb fällt - immerhin 10.000 Tonnen, ein Drittel der Gesamtmenge - gilt als biogen und kann in einem mehrstufigen Vergärungsprozess im RMD-Biogaskraftwerk zu Ökostrom verarbeitet werden. Der Rest wandert zurück in die Offenbacher Müllverbrennung.

Dieses Verfahren spart der Stadt trotz umständlichen Transports fast 80 Prozent der herkömmlichen Entsorgungskosten ein: eine halbe Million Euro, die die Haushalte entlasten und die Gebühren stabil halten. Außerdem werden 2000 Tonnen weniger CO2 in die Luft geblasen. "Das Pilotprojekt funktioniert", sagt Stadtwerkechef Peter Walther. "Unsere ökonomischen und ökologischen Ziele werden erreicht." Tendenziell, so Christian Loose (ESO), ließen sich aus dem Offenbacher Hausmüll bis zu 40 Prozent biogene Anteile ziehen - mehr, als bei der Verwendung einer separaten Biotonne zusammenkäme.

Technik wird noch verfeinert

In einer Zwischenbewertung haben das Regierungspräsidium Darmstadt und das hessische Umweltministerium die Qualität der abgeschiedenen Stoffe als gleichwertig mit dem per Biotonne gesammelten Grünabfall anerkannt. Nun wird der Versuch noch ein halbes Jahr fortgesetzt, um die Siebtechnik zu optimieren und die Vergärfähigkeit zu erproben.

Für die Wirtschaftlichkeit des Verfahrens stellt sich laut Edgar Freund, Abteilungsleiter Abfallwirtschaft im Umweltministerium, die Schlüsselfrage: Ist das Sortiergut Abfall im Sinne der Bioabfallverordnung? Denn nur dann fließen Zuschüsse für die Stromproduktion nach dem Erneuerbaren Energiegesetz (EEG).

Während diese Rechtsfrage noch offen ist, und SOH-Chef Walther anregt, notfalls das Gesetz nachzubessern, verfolgt die Rhein-Main-Abfallgesellschaft (RMA), an die Offenbach noch bis 2013 vertraglich gebunden ist, den Versuch mit gemischten Gefühlen: Bleiben ihr nur noch zwei Drittel Sortierrest und schließen sich gar weitere Kommunen an, bleibt die Dachgesellschaft der regionalen Abfallwirtschaft auf ihren Fixkosten, darunter teuere Entsorgungsverträge mit den Verbrennungsanlagen, sitzen.

RMA-Aufsichtsratschef Hans-Jürgen Hielscher: "Je mehr Abfall der Hausmenge entzogen wird, um so teuerer wird die Entsorgung des verbleibenden Mülls." Das müsse dann einheitlich umgelegt werden. Offenbach erinnert jedoch an die Grundlagenvereinbarung, wonach die RMA umweltschonende und wirtschaftliche Wege der Abfallverwertung zu entwickeln habe. Walther bietet als Kompromiss an, die RMA am wirtschaftlichen Erfolg der Sortierung zu beteiligen.

Autor:  Jörg Muthorst
Datum:  8 | 2 | 2010
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