Offenbach
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17. Januar 2013

Pädagoge: Er will die Langsamkeit entdecken

 Von Jörg Muthorst
Nicole, Dilara und Anika stellen mit Marionetten Schulleiter Thomas Findeisen (live in der Mitte) und Namensgeber Schiller dar.  Foto: M. Müller

Thomas Findeisen, Gesamtschulpädagoge und Schillerschulleiter, geht in den Ruhestand. Unter seiner Federführung entwickelte die Schulgemeinde mit dem Titel „Lernende Schule“ ein bis heute tragendes Schulprogramm.

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Eigentlich ist das gar nicht vorstellbar: Die Schillerschule, ja die ganze Offenbacher Schullandschaft ohne Thomas Findeisen? Zu viel hat der im sächsischen Blumenau geborene Deutsch- und Sozialkundelehrer hier bewegt, zu lange als Leiter der Schillerschule an den Stellschrauben der ganzen Bildungsregion gewirkt und selbst auf Landesebene beharrlich Pionierarbeit geleistet und Qualitätsstandards für Hessens Gesamtschulen mitentwickelt.

Doch Ende des Monats ist Schluss, scheidet der dreifache Familienvater im Alter von 65 Jahren aus dem Schuldienst. „Ich freue mich darauf, die Hektik aus meinem Leben zu nehmen und einfach mal die Langsamkeit zu entdecken“, sagt der begeisterte FR-Leser, der seit Jahren von seinem Wohnsitz am Frankfurter Dornbusch zur Arbeit ins Offenbacher Nordend radelt.

Wer den umtriebigen Schulleiter mit seinen sportlichen und musischen Ambitionen kennt, weiß, dass das mit der Langsamkeit schwer werden wird. Findeisen ist ein unermüdlicher Macher. Er hat schon während seines Studiums in den 70ern in Frankfurt einen Kinderladen geleitet, später, in Rüsselsheim, wo er an der Alexander-von-Humboldt-Schule seine erste Lehramtsstelle antrat, zusammen mit Schülern, Eltern und Kollegen ein Jugendzentrum erstritten. Gemeinsam mit Lehrern und Eltern setzte er die Umwandlung der Humboldt-Schule in eine Integrierte Gesamtschule (IGS) durch.

In Offenbach, wo er 1992 die seit zwei Jahren vakante Leitung der Schillerschule übernahm, brauchte er sich gar nicht erst für die besonderen Fördermöglichkeiten der IGS einzusetzen. Die damals schon sechszügige Bildungsstätte arbeitete bereits integriert. Allerdings war das Kollegium damals zerstritten. Findeisen gelang es, diese Verwerfungen zu kitten und einen Leitungsstil einzuführen, der auf verantwortliche Mitgestaltung setzte.

Unter seiner Federführung entwickelte die Schulgemeinde mit dem Titel „Lernende Schule“ ein bis heute tragendes Schulprogramm. Zum pädagogischen Profil zählen insbesondere die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Betrieben, Vereinen und Institutionen sowie Teamstrukturen, die Pädagogen, Schülern und auch Eltern Mitgestaltung ermöglichen.

Längst ist die Schillerschule nicht nur Ausbildungs-, sondern auch landesweite „Referenzschule für Elternpartizipation“. Sie war Offenbachs erste Integrierte Gesamtschule und wurde Offenbachs erste offene Ganztagsschule, die bis heute so gefragt ist, dass sie aufgrund ihrer räumlichen Begrenztheit Kinder abweisen muss. In der Schillerschule werden heute 1000 Schüler von 70 Lehrkräften unterrichtet sowie im Ganztagsbetrieb von 20 pädagogischen Kräften betreut.

Auch für die Erarbeitung eines hessischen Präventionskonzeptes leisteten Findeisen und sein Team Pionierarbeit. Das auch in Offenbach vielfach bewährte Streitschlichterprogramm wurde hier entwickelt. Der Schillerschuldirektor, der im September 40-jähriges Dienstjubiläum feierte, baute zudem im Nordend den Runden Tisch des städtischen Präventionsrates mit auf. Er rief ebenso eine Steuerungsgruppe für die „Bildungsregion Stadt Offenbach“ mit ins Leben, um Behörden und Institutionen in der örtlichen Bildungslandschaft zu vernetzen.

Und er hob IGOS aus der Taufe: die Interessengemeinschaft Offenbacher Schulleiter, die bald darauf einen „Zerfallskataster“ für Offenbachs Schulen initiierte und damit dem umfangreichen Schulbausanierungsprogramm der Kommune politisch den Weg ebnete.

Thomas Findeisen steht nicht nur hinter dem IGS-, sondern auch hinter dem Ganztagskonzept. Dessen Qualitätsrahmen für hessische Schulen hatte er mitentwickelt – wohl wissend, dass viele Ganztagsschulen aufgrund der unzureichenden Lehrerzuweisung eher noch Mogelpackungen sind und gerade Schulen wie in Offenbach eine Zuteilung nach einem Sozialindex benötigten.

Und mit all dem soll für ihn nun Schluss sein? Nicht wirklich. So ganz kann Findeisen denn doch nicht von seiner Schillerschule lassen. Als Ruheständler will er die Theaterarbeit an der Schillerschule wieder aufnehmen und sie gemeinsam mit dem Jugendamt erneut mit anderen Schulen für eine Gemeinschaftsproduktion vernetzen.

Lehrer will der Pensionär Findeisen coachen, die Schulpartnerschaft mit dem türkischen Bodrum ausbauen und ein Entwicklungsprojekt in Bolivien anstoßen, woher seine Adoptivtochter stammt. Und zwischendurch längere Radtouren unternehmen, durch die israelische Negev-Wüste oder die amerikanische Panamericana entlang. Natürlich alles ganz langsam.

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