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27. Juni 2014

Pierre Vogel: Der Rapper und die Salafisten

 Von 
 Foto: Michael Schick

Der radikale Islam-Prediger Pierre Vogel wirbt um Musiker aus dem Rhein-Main-Gebiet. Am Samstag tritt er in Offenbach auf.

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Offenbach –  

Gespräche mit Pierre Vogel sind oft Monologe. Eine Erfahrung, die auch Sadiq Zadran machen musste, als er sich Ende Juli 2013 mit Deutschlands bekanntestem Salafisten-Prediger traf. Zwei Wochen zuvor hatte Vogel alias Abu Hamza wieder einmal eine Videobotschaft ins Netz gestellt, die sich namentlich an drei Rap-Musiker aus dem Rhein-Main-Gebiet richtete: Haftbefehl, Dù Maroc und eben Sadiq Zadran. Er wolle mit ihnen reden, weil sie einen großen Einfluss auf Jugendliche hätten. Diese „rechtzuleiten“, ist Vogels erklärtes Ziel.

Predigt und Protest

Pierre Vogel (35) alias Abu Hamza ist Deutschlands wohl bekanntester Konvertit und salafistischer Prediger. Bis zu seiner Konversion im Jahr 2001 war er als Boxer aktiv und deutscher Jugendmeister im Halbschwergewicht.

In Offenbach will Pierre Vogel am heutigen Samstag auftreten. Die ursprünglich für den Marktplatz angemeldete Kundgebung wurde inzwischen auf den Platz der Deutschen Einheit verlegt, wo Vogel ab 14 Uhr zusammen mit anderen Predigern auftreten will.
Gegenproteste werden von einem breiten Bündnis aus Parteien, Initiativen und Gewerkschaften angekündigt. Ebenfalls ab 14 Uhr wollen die Gegendemonstranten auf dem Aliceplatz in der Innenstadt demonstrieren.

Einschränkungen werden sowohl Autofahrer als auch Nutzer des ÖPNV in Kauf nehmen müssen. Die Buslinien 102 und 103 werden jeweils in beiden Richtungen umgeleitet. Die Kaiserstraße wird aller Voraussicht nach zwischen Frankfurter und Berliner Straße gesperrt. dmj

So treffen Ende Juli in einem Schnellrestaurant in der Nähe von Frankfurt der Prediger und der Rapper aufeinander. Pierre Vogel redet über die Bedeutung des Ramadan, über die Vermeidung von Sünden und vor allem sehr viel über sich selbst. Sadiq schweigt meistens, nickt ab und zu. Alles festgehalten von Vogels hauseigenem Medienteam.

Oberflächlich betrachtet kommt da zusammen, was nicht zusammengehört. Auf der einen Seite Sadiq, der auf dem Cover seines Debütalbums mit einem Sturmgewehr posiert und den harten Kerl gibt, der in früheren Texten über Sex und Drogen gerappt hat und seinem eigenen Bekunden nach gerne Shisha-Bars aufsucht. Auf der anderen Seite Pierre Vogel, der eine fundamentalistische Auslegung des Islams predigt, in der nicht religiöse Musik „haram“, also verboten ist. Eines aber verbindet beide Männer: ihr Zielpublikum.

Er sieht sich im Zwiespalt

„Diese Videos richten sich an jugendliche Fans, nicht an die Rapper“, erklärt der Islamwissenschaftler Götz Nordbruch vom Verein Ufuq.de. Ähnlich wie der ehemalige Boxer Pierre Vogel verfügen die Rapper gerade bei sozial benachteiligten Jugendlichen über die nötige „Street-credibility“, eine Glaubwürdigkeit aufgrund ihrer sozialen Herkunft und ihrer halbseidenen bis kriminellen Vergangenheit. Es sind Menschen, auf die man hört, weil man ihnen unterstellt, dass sie den gleichen Erfahrungshorizont haben, die eine Vorbildfunktion erfüllen, selbst für jene muslimischen Jugendlichen, die den Islam gar nicht oder nur teilweise praktizieren.

Anders als auf seinem CD-Cover ist Sadiq Zadran im wahren Leben ein sehr umgänglicher Mensch. Seine Stimme ist ruhig und höflich. Ein leichtes Lächeln umspielt permanent seine Lippen. Ein netter junger Mann, dem man nicht ansieht, dass er vor seiner Rap-Karriere vom Drogenverkauf lebte. Seit April ist sein erstes Soloalbum auf dem Markt. Bei Facebook hat er mehr als 115 000 Fans. Ein perfekter Werbeträger.

„Ich lebe in einem Zwiespalt“, sagt Sadiq, „auf einen Seite mein Rap, auf der anderen Seite mein Glaube, der Musik verbietet. Vor allem die Art Musik, die ich mache.“ Aufgeben könne er die Musik nicht, weil es der Rap gewesen sei, der ihm ermöglicht habe, „von der Straße“ zu kommen. „Wenn ich das loslasse, komme ich wieder auf die Straße zurück.“ Ein schlechtes Gewissen aber bleibt.

Der Weg des Rappers wird dokumentiert

Auf diesem schlechten Gewissen, dem Zwiespalt zwischen althergebrachten Werten und modernem „westlichen Lebensstil“, können Salafisten aufbauen. Ihr Ausweg ist ein klare Einteilung der Welt in Gut und Böse, „gottgefällig“ und „sündig“, und damit verbunden das Versprechen der Vergebung, wenn man den „richtigen“ Weg beschreitet. Ihren Weg. Und wer könnte unter Jugendlichen die Botschaft besser verbreiten als ein bekehrter Rapper, einer von ihnen.

Ein deutscher Musiker ist diesen Weg bereits gegangen: Dennis Cuspert, als Rapper unter dem Namen „Deso Dogg“ bekannt, konvertierte, maßgeblich von Pierre Vogel beeinflusst, 2010 zum Islam. Heute kämpft er als Abu Talha al-Almani aufseiten der islamistischen ISIS in Syrien.
Soweit ist Sadiq noch lange nicht. Auch wenn er von sich behauptet, viele Freunde in der ISIS zu haben. „Ich denke, es wäre der größere Sieg für den Islam, wenn ich integriert bleibe“, sagt er. Die Scharia, so gut er sie auch finden mag, will er in Deutschland nicht einführen. Schon allein, weil die Mehrheit der Menschen hier nicht muslimisch sei. Doch ein Gesetz, das vermeintlich von Gott kommt, zu kritisieren würde er nie wagen.

Mehr dazu

Sadiq hat seine eigene Weltsicht, eine, in der Muslime stets Opfer sind, das Gute immer vom Islam kommt, hingegen alles Schlechte, das von Muslimen begangen wird, nicht dem Islam zugerechnet werden darf. Salafisten wie Pierre Vogel sieht er einer „Verfolgung“ durch die Medien ausgesetzt, ebenso wie Ibrahim Abou Nagie, den Organisator der Koranverteilungsaktion „Lies“. Zu ihm steht er in noch engerem Kontakt. Bilal G., ranghohes Mitglied im Lies-Netzwerk, ist ein enger Freund von Sadiq.

Vieles von dem, was der jungen Rapper sagt, klingt vertraut. Manchmal glaubt man sich mitten in einer Pierre-Vogel-Predigt wiederzufinden. Wohin auch immer Sadiqs Weg führen wird, eines steht fest: Er wird dokumentiert werden. Von den Kameras der Salafisten. „Denn die machen eine extrem ausgeklügelte PR-Arbeit“, sagt Götz Nordbruch.

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