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28. November 2014

Prügelopfer Tuğçe A.: Tugçe A. ist tot

 Von 
Etwa 2500 Menschen kommen am Offenbacher Klinikum zusammen, um Tuğçe zu gedenken. Ihr Gesicht ist allgegenwärtig.  Foto: Monika Müller

Die lebenserhaltenden Maschinen sind abgestellt, Tuğçe A. ist tot. Ihr Schicksal berührt die Menschen. Etwa 2500 Trauernde versammeln sich zur Mahnwache am Klinikum Offenbach. Viele fordern das Bundesverdienstkreuz für die Studentin, die zu einer Symbolfigur für Zivilcourage geworden ist.

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Seit knapp einer Woche komme er sich „wie paralysiert“ vor, sagt Baris. Das Schicksal von Tuğçe A. gehe ihm nahe. „Weil wir so viele Weggucker in der Gesellschaft haben.“ Deshalb hat er sich entschieden, an diesem Freitagabend nach Offenbach vor das Sana-Klinikum zu kommen. Um Tuğçes Geburtstag zu feiern und gleichzeitig Abschied zu nehmen. Noch vor Beginn der Gedenkveranstaltung bestätigt ein Vertrauter der Familie Tuğçes vor laufenden Kameras, dass noch an diesem Abend die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden. Baris hat eine Kerze mitgebracht. So wie viele der etwa 2500 Menschen, die sich am Freitagabend vor dem Klinikum zu einer Mahnwache versammelt haben.

Am späten Abend ist es dann gewiss. "Die Maschinen wurden abgeschaltet", sagte Tugçes Vater nach Medienberichten. Ihre letzte Ruhestätte soll sie demnach in ihrem Geburtsort finden.

Der Fall der Lehramtsstudentin aus Gelnhausen bewegt die Gemüter. Umso mehr seit feststeht, dass die 22-Jährige nicht mehr aus dem Koma erwachen wird. Vor zwei Wochen war Tuğçe A. von einem 18-jährigen niedergeschlagen worden und hatte sich beim Sturz schwere Hirnverletzungen zugezogen. Zuvor soll sie Zeugenaussagen nach versucht haben, zwei Mädchen zu schützen, die von einer Gruppe junger Männer um den mutmaßlichen Täter, Senal M., belästigt worden waren.

Seitdem ist Tuğçe A. zu einer Art Symbol für Zivilcourage geworden. Vor allem in den sozialen Netzen zollen Zehntausende Menschen ihr und ihrer Familie Respekt und sprechen zugleich ihr Beileid aus. Eine erst am Donnerstag gestartete Petition für die posthume Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Tuğçe A. unterzeichneten bis Freitagabend mehr als 65.000 Menschen. Und der Druck aus dem Netz zeigt Wirkung. Noch am Freitagabend kündigte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier an, Tuğçe A. tatsächlich für die Auszeichnung vorschlagen zu wollen. Kurze Zeit aber später wird er die höchste Auszeichnung des Landes Hessen, die Wilhelm-Leuschner-Medaille, an Parteifreundin Angela Merkel verleihen.

Tuğçes Gesicht ist allgegenwärtig

Doch mit solchen Nachrichten beschäftigt sich am Freitagabend vor dem Sana-Klinikum niemand. Die Zufahrt ist mit weißen Ballons verziert. Am Eingang zum Hauptgebäude haben Menschen Kerzen aufgestellt und Blumen niedergelegt. Tuğçes Gesicht ist allgegenwärtig: auf T-Shirts, Plakaten, Bildern, die an Pinnwänden hängen.

Ein halbes Dutzend Kamerateams ist vor Ort und bittet anwesende Politiker, wie Stadtrat Felix Schwenke um Erklärungen, die wohl niemand so recht geben kann. „Tuğçe ist nicht nur ein Symbol für Zivilcourage“; versucht der Landtagsabgeordnete Ismail Tipi (CDU) zu deuten, „sondern für Menschlichkeit, für Nächstenliebe.“

„Sie hat Mut gezeigt, obwohl sie wusste, dass ihr etwas passieren kann“; sagt die 19-jährige Jasmin, ehe ihr die Stimme versagt. Um 18 Uhr beginnt ein Musiker auf einem Konzertflügel zu spielen, der auf dem Rasen vor dem Hauptgebäude aufgebaut wurde. Ein Lied, das Tugçe auf ihrem Abschlussball gespielt hat. Die Blicke der meisten Menschen wandern die Fensterfront des Klinikums entlang. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt genau, hinter welchem Tuğçe A. liegt.

Das ändert sich als an einem Fenster im zweiten Stock plötzlich die Jalousien hochgefahren werden. Das Licht geht an und die Familie von Tuğçe A., Bruder, Mutter und Vater, zeigen sich. Müde Gesichter, die ihren Schmerz hinter vorgehaltener Hand verstecken. Es ist der Moment, in dem in der ansonsten stillen Menschenmenge auf einmal sehr viele Schluchzer zu hören sind. Und die Kerzen aufleuchten, in dieser ziemlich dunklen Offenbacher Novembernacht.

Einige junge Frauen halten ein Plakat in die Höhe: „Heute sind wir alle Tuğçe“, steht darauf. Etwas später wird ein Geburtstagskuchen angeschnitten. Dann spielt der Mann am Klavier noch ein paar Lieder – bis zum Schluss.

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