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Literatur: Ohne Worte

Ist das noch Comic oder Bilderbuch oder graphische Literatur? Shaun Tans Figurenkosmos bewegt sich im Übergang zwischen Mensch und Maschine. Mokis Geschichten führen ins Irgendwo. Bezaubernd sind beide Bilderwelten.

Grandioses Panorama des Fremdseins:     Szene aus Shaun Tans „Ein neues Land“.  Foto: Carlsen

Moki macht nicht viele Worte. Auch nicht über ihre Person. Sie hält sich im Hintergrund und meidet den öffentlichen Auftritt. Nicht mal ihren eigentlichen Namen will sie bekanntgeben. Wir wissen nicht viel mehr über sie, als dass sie 1982 im sauerländischen Brilon geboren wurde und seit geraumer Zeit in Hamburg lebt. In der Freien und Hansestadt studierte sie an der Hochschule für Bildende Künste, einem Zentrum auch für zeitgenössische Comic-Kunst. Und hier arbeitet sie seit 2004 an einem Projekt, das sich wie bei kaum jemandem sonst souverän über alle Grenzen der graphischen Literatur hinwegsetzt.

Während sich – nicht nur – in Deutschland die Verlage immer noch bemühen, den Comic mit dem Etikett „Graphic Novel“ für den bürgerlichen Buchmarkt zu nobilitieren, lässt Moki jede Etikettierung hinter sich. Sie erzählt stattdessen ihre eigensinnigen, 2006 mit dem Sondermann-Comicpreis ausgezeichneten Geschichten und bedient sich dabei eines erstaunlich breiten Spektrums künstlerischer Ausdrucksmittel, vor allem ihre technische Könnerschaft ist immer wieder beeindruckend. So auch bei ihrem neuesten, im Berliner Reprodukt Verlag erschienenen Werk „Wandering Ghost“, das von einer verirrten Seele erzählt, die sich eines Tages in einem neuen Körper wiederfindet.

Die Geschichte kommt ohne ein einziges geschriebenes Wort aus. Für Moki sind Sprechblasen, Schriftbilder oder Bewegungslinien eher Stilmittel. Wie etwa in der kurzen Erzählung „Doppelpunkt“ (2008), in der Sprechblasen leer bleiben und anstatt sich mit Worten zu füllen, in Wolken und merkwürdige Wesen übergehen. Moki verwendet das traditionelle Comicvokabular, als sei es frei disponibles Material – ein Strich ist immer beides zugleich, Schrift und Bild, Sinnstiftung und Sinnentleerung. Ein Strich hält nichts fest, sondern verwandelt sich unaufhörlich.

In „Wandering Ghost“ lösen sich die Formen auf und finden wieder zusammen. Vorder- und Hintergründe, Figuren und ihre Umgebung gehen ineinander über. Moki erzählt anders, und deswegen sehen ihre Bildergeschichten auch anders aus. Auf den ersten Blick scheinen sie aus mystischen, esoterischen und surrealen Versatzstücken zu bestehen. Das lesende Auge sucht immerzu Halt in etwas Bekanntem, es entdeckt Kitsch und Plüsch, aber auch Landschaftsmalerei oder Traumsequenzen – und wird doch immer wieder enttäuscht. Mokis Geschichten führen ins Irgendwo, ins Unbestimmte.

Das dürfte wohl auch an Mokis zentralem Thema liegen: Stimmungen. Deshalb entdecken wir auch in „Wandering Ghost“ keine lineare Erzählfolge: Sich bedroht fühlen, etwa in einem dunklen, verworrenen Wald, kann nicht einfach nach dem Muster von Ursache und Wirkung wegerklärt, sondern allenfalls als Ausgriff in ein Unbekanntes, als Nebeneinander von Unvereinbarem dargestellt werden. Das Bild wandelt sich zum kaum noch mit einem Blick erfassbaren Tableau, zum Wimmelbild. Und der rastlose Blick springt hin und her, bemächtigt sich eines Sinns, verliert ihn wieder, um abermals, diesmal anderswo, anzufangen...

Es gibt weder einen bestimmten Anfang noch einen eindeutigen Abschluss; die Bewegung des Lesens bleibt in der Wiederholung gefangen. Dazu passt, dass sich Moki im Laufe der vergangenen Jahre ein Ensemble immer wiederkehrender, wiedererkennbarer Figuren geschaffen hat – auch das ist ein Verweis auf den Comic und seine erzählerischen Strategien. Besonders auffällig sind übrigens die großen Augen oder die Plüschigkeit einiger Charaktere in Mokis Personal, erinnern sie doch an die aus Fernost, insbesondere aus den Mangas bekannten Niedlichkeitsmarker. Oder einfach an das Kuscheltier aus der Kindheit.

So wie Moki an der Aufhebung der Genregrenzen arbeitet, hat auch Shaun Tan sich der Grenzüberschreitung verschrieben. Der 1974 im australischen Perth geborene Zeichner gilt als Kinderbuchillustrator – was er zweifellos auch ist, sogar ein hervorragender, in diesem Jahr erst mit dem Astrid Lindgren Memorial Award ausgezeichneter. Doch hat er noch viel mehr in petto: Für seinen animierten Kurzfilm „Die Fundsache“ erhielt er, ebenfalls in diesem Jahr, einen Oscar, und seine Geschichten, die allerdings nicht nur Kindergeschichten sind, setzt er in Theater- und Musicalproduktionen um.

Hybridwesen zwischen Mensch und Maschine

Shaun Tans Figurenkosmos ist ein technisch-industrieller. Während Moki fast schon manisch die Mensch-Tier-Natur-Schnittstelle bearbeitet, kümmert sich der Australier um die Übergänge zwischen Mensch und Maschine. Dabei gelingen ihm immer wieder erstaunliche Hybridwesen. Das lässt sich jetzt bei seinem im Hamburger Carlsen Verlag erschienenen Skizzenbuch „Der Vogelkönig“ sehr genau beobachten. Ein Buch voller Spielereien und verrückter Kombinationen. Wie in einem wissenschaftlichen Experiment bastelt Shaun Tan an der Wiederbelebung der toten, von uns nicht mehr beachteten Dinge.

Dass es dafür historische Vorbilder gibt, dessen ist sich der Künstler natürlich bewusst. Nicht nur haftet seinem Techno-Universum die Patina des Verlebten an, etwa wenn seine Zeichnungen wie vergilbte Fotografien erscheinen, sondern bezieht er sich auch unübersehbar auf den düster-euphorischen Expressionismus von Fritz Langs „Metropolis“. Aber auch auf den Steam Punk, dessen Vermengung von futuristischem Hightech mit retroesker Dampfmaschinenästhetik eine sentimentale Stimmung erzeugt, in der sich der Mensch und die von ihm erschaffenen Dinge befremdet und zugleich vertraut gegenüberstehen.

Ein unauflösliches Paradox. Das Sentiment lässt die Technik von morgen aussehen wie die von gestern. Und Menschen, Tiere, Dinge – alles verschmilzt zu einer allgemein beseelten Fabelwelt. Shaun Tan hat das nirgends drastischer vor Augen geführt als in seiner grandiosen Erzählung „Ein neues Land“ (2008), in der ein Auswanderer alles zurücklässt und sich in einer neuen Welt wiederfindet, deren Sitten ihm fremd sind und deren Sprache er nicht spricht – und in der Ausbeutung und Unterdrückung herrschen. Eine Versöhnung wird nicht in Aussicht gestellt, aber die Hoffnung auf eine längst vergessene, friedvolle Sprache.

Shaun Tan spürt den Resten jener unvordenklichen Kommunikation nach, in der Menschen- und Dingwelt noch miteinander in Beziehung stehen. Diese Vision trägt durchaus mythische Züge. In seinem Skizzenbuch findet sich sogar der Entwurf eines sagenhaften Sprachalphabets, doch sind es eigentlich seine Bildergeschichten selbst, die solch eine phantastische Sprache darstellen. Sie wurde der uns vertrauten Schriftsprache abgerungen, von der Shaun Tan sagt, dass er seine Geschichten immer mit vielen Sätzen beginnt, die sich bei der zeichnerischen Verfertigung dann aber Wort für Wort verflüchtigen.

Zurück bleibt eine Bildsprache ohne Worte, ein sehr eigensinniges Vokabular, ein Stimmungs- oder vielmehr Resonanzraum, in dem Entfremdung nicht aufgehoben ist, in dem aber das Wagnis, sich auf die Fremdheit eines Gegenübers gesprächshalber wieder einzulassen, möglich wird. Darin besteht Shaun Tans ethischer Anspruch, der allerdings anders als bei Mokis eher ökologischer Idylle, ihrer irritierenden Mischung aus heiligem Ernst und kuscheliger Verspieltheit, deutlich humorvoller ist: Mensch und Maschine begegnen sich immer auch im Modus grotesker Missverständnisse. Lachen befreit und lässt unverhofft einander näher kommen.

Moki: Wandering Ghost, Reprodukt Verlag, Berlin 2011, 88 Seiten, 16 Euro. „Doppelpunkt“ in: Orang Nr. 7, Kiki Post/Reprodukt Verlag, Berlin 2008, 15 Euro.

Shaun Tan: Der Vogelkönig und andere Skizzen. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, Carlsen Verlag, Hamburg 2011, 136 Seiten, 24,90 Euro. Ein neues Land, Carlsen Verlag, Hamburg 2008, 128 Seiten, 29,90 Seiten.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  28 | 6 | 2011
Kommentare:  1
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